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Spangenberger Bürger gründen die Initiative „Stolpersteine“

Spangenberg. Nachdem Magistrat und Stadtverordnetenversammlung inzwischen dem Projekt „Stolpersteine“ zugestimmt haben, fanden sich Spangenbergerinnen und Spangenberger zur Gründung einer Trägerinitiative zusammen, um dieses Projekt in enger Kooperation mit der Stadt Spangenberg zu verwirklichen. Dr. Dieter Vaupel, der das Vorhaben zusammen mit Jechiel Ogdan angeregt hatte, wird als Sprecher der Initiative tätig sein, unterstützt von Dr. Karsten Klütsch (Finanzen) und Fides Baumgart, die sich um zusätzliche organisatorische und schriftliche Aufgaben kümmern wird.

Mit einem kurzen Rückblick auf die Pogrom­nacht vom 9. zum 10. November 1938, in der es in Spangenberg zu Ausschreitungen gegen Bürger jüdischen Glaubens gekommen war, eröffnete Dr. Dieter Vaupel die Gründungsversammlung. Die Spuren der Gewalttätigkeiten waren damals am folgenden Tag sichtbar geworden. Sie hatten sich nicht nur gegen Häuser und Wohnungen der jüdischen Mit­bürger gerichtet, sondern auch zahlreiche Verletzte unter ihnen zur Folge gehabt.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten bereits viele der ursprünglich 147 Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde die Stadt verlassen und bei Verwandten in verschiedenen Großstädten oder auch im Ausland Zuflucht gesucht. Nach der Pogromnacht setzte jedoch eine massive Verfolgung ein, unter der es 49 der ehemaligen Spangenberger Juden nicht mehr gelang, Deutschland zu verlassen. Sie sind nachweislich in verschiedenen Konzentrationslagern umge­kommen beziehungsweise an den Folgen von Misshandlungen oder Entkräftung verstorben.

Um diese 49 Menschen ging es den an diesem Abend zusammengekommenen Spangenbergern. Ihrer soll mit dem Projekt „Stolpersteine“ gedacht werden. Bei den Steinen handelt es sich selbstverständlich nicht um Pflastersteine, die aus dem Straßen- oder Bürgersteigbelag heraus­ragen, sondern um etwa 10 x 10 Zentimeter große Steine, die jeweils vor den Häusern in den Straßenbelag eingefügt werden sollen, in denen diese Spangenberger Juden gelebt haben. Auf der Oberseite der Steine wird ein flaches Messingtäfelchen angebracht, das Namen, Geburts- und Sterbetag der ermordeten Spangenberger Bürger enthalten wird.

Inzwischen sind in 180 Städten bereits rund 8.000 derartige Steine gesetzt worden, unter anderem auch im Schwalm-Eder-Kreis in Guxhagen, Fritzlar, Homberg und Schwalmstadt. Zur Zeit werden in Bad Wildungen weitere Steine gesetzt.

Gespräch mit dem Bürgermeister
Zu einem ersten Gespräch trafen sich Dr. Dieter Vaupel und Fides Baumgart in der vergangenen Woche mit Bürgermeister Peter Tigges. Beide Seiten vereinbarten eine enge Kooperation, um das geplante Projekt in Spangenberg umsetzen zu können. Tigges sagte den Vertretern der Bürgerinitiative die Unterstützung der Verwaltung zu. Gemeinsam ging man auch zu einem Haus in der Langengasse, in dem ehemals Moses Katz wohnte, der als letztes Mitglied der jüdischen Gemeinde Spangenberg auf dem Friedhof unter dem Schlossberg im Jahr 1936 beigesetzt wurde. Er wird einer derjenigen sein, an den zukünftig ein Stolperstein vor seinem ehemaligen Wohnhaus erinnern soll.

Das erste Todesopfer in 1936: Moses Katz
Moses wurde im Jahr 1873 in Spangeberg geboren und betrieb dort bis zu seinem Tode eine Metzgerei. Er wurde von den Nationalso­zialisten zweimal inhaftiert, zuletzt 1936, und ist nach Angaben seiner Frau, die den Holocaust über­lebte, an den Folgen der Haft gestorben. Moses Katz, inhaftiert, gequält und misshandelt von den Nazis, war das erste Todesopfer un­ter den Spangenberger Juden.

Wie mit diesem Mann umgesprungen wurde, weil er an alten religiö­sen Traditionen festhielt, macht ein Artikel aus der Spangenberger Zeitung deutlich, in der er am 20.9.1934 öf­fentlich unter der Überschrift „… und diesmal gibt es kein koscher Fleisch!“ angepran­gert wurde. Die ganze Verachtung, die man den Juden entgegen­brachte spricht aus dem Artikel (siehe Abb.). In dem Artikel wird auch deutlich, dass die “hiesige Ortsgruppe der NSDAP … diesem finsteren Treiben nicht mehr länger“ zusehen will. Man stellt in dem Artikel schließlich fest: „Das Maß ist voll, daher diese letzte War­nung, kauft nicht von Juden, und verkauft nicht an diese“. Dass die Spangenberger Zeitung sich bis zu diesem Zeitpunkt bereits zu einem Sprachorgan der NSDAP entwickelt hatte, wird auch an dem folgenden Satz deutlich: „Wir aber werden jetzt noch mehr aufpassen als bisher und reinen Tisch schaffen, dies mö­gen sich alle Beteiligten ge­sagt sein lassen, denn wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Den Willen haben wir, den Weg gehen wir und die Taten fol­gen.“

Etwa einen Monat später fand die Verhandlung vor dem örtli­chen Amtsgericht statt. Nach eingehender Verhandlung und Zeugenverneh­mung wurde Moses Katz zu drei Wochen Gefängnis verurteilt. Der Redakteur der Lokalzeitung meint zu dem Urteil: „Dieses Urteil erscheint uns allerdings sehr milde, denn wer die Gesetze des neuen Staates übertritt, kann nur mit den allerschärfsten Strafen gebrandmarkt werden.“

Zwei Jahre später starb Moses Katz, gebrandmarkt von den „allerschärfsten Strafen“ durch die Gestapo. Die genauen Umstände seines Todes sind bis heute nicht aufgeklärt.

30 Steine können in Spangenberg bereits fest zugeordnet werden.
Die Mitglieder der Initiative werden in den nächsten Wochen Kontakt zu den heutigen Hausbesitzern aufnehmen, um mit ihnen das Projekt zu besprechen. Darüber hinaus sollen weitere Spenden eingeworben werden, mit denen die Erinnerungssteine finanziert werden können. Grundstock der Finanzierung ist die Spende (1.120 Euro), die von Jechiel Ogdan und Dieter Vaupel aus dem Erlös ihres Buches „Sie werden immer weniger“ bereits an Bürgermeister Peter Tigges übergeben wurde. Weitere Spenderinnen und Spender haben bereits ihre Zusage für jeweils einen Stein gegeben. Die Kosten je Stein belaufen sich einschließlich des Setzens auf 95 Euro.

Die Kreissparkasse Schwalm-Eder wird nicht nur auf dem Platz vor ihrer Spangenberger Zweigstelle einen Stein setzen, sondern auch das Spendenkonto kostenlos führen: Konto: Initiative Stolpersteine, Kto.-Nr. 1060024955 (BLZ 520 521 54) Kreissparkasse Schwalm-Eder. Die Initiative bittet um Spenden auf das Konto, Spendenbescheinigungen können ausgestellt werden.

Weitere Interessierte an dem Projekt sind herzlich zur Mitarbeit in der Bürgerinitiative eingeladen.

Dr. Dieter Vaupel und Fides Baumgart, Sprecher der neu gegründeten Bürgerinitiative Stolpersteine, besuchen gemeinsam mit Bürgermeister Peter Tigges (v.r.) das frühere Haus von Moses Katz in der Langengasse. Katz war das erste Opfer nationalsozialistischer Verfolgung in Spangenberg. Nun soll auch vor seinem Haus ein Stolperstein, der an ihn erinnert, gesetzt werden.

Foto oben: Geschäftsanzeigen des Metzgers Katz aus der Spangenberger Zeitung in den 20er Jahren.

Foto unten: Moses Katz wird öffentlich an den Pranger gestellt: Spangenberger Zeitung vom 20.9.1934




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