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Wagner will nach Hüft-OP wieder den Diskus werfen

Melsungen. Vielleicht ist der Melsunger Alwin J. Wagner der vielseitigste Sportler im Schwalm-Eder-Kreis, denn er hat mit Gewichtheben (1. Bundesliga), Fußball, Handball, Volleyball, Boxen und Bobfahren die unterschiedlichsten Sportarten erfolgreich ausgeübt. Außerdem ist der Melsunger Polizeibeamte und Stadtverordnete der erfolgreichste deutsche Schleuderballwerfer. Er gewann nicht nur 15 deutsche Meisterschaften und war bei sechs Deutschen Turnfesten siegreich, sondern Wagner hält im Schleuderballwerfen seit fast 26 Jahren (21.08.1982) mit 86,92 m den Weltrekord.

Aber das waren nur Nebenschauplätze im sportlichen Leben des 57-jährigen Alwin J. Wagner, der über zehn Jahre zu den besten Diskuswerfern der Welt gehörte. Mit seiner Bestleistung von 67,80 m würde er noch heute bei den internationalen Meisterschaften eine gute Rolle spielen. Wagner, der 44 Mal in die deutsche Nationalmannschaft berufen wurde, belegte bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles den 6. Platz. „Ich war damals enttäuscht, denn Olympiassieger Rolf Danneberg verlor sowohl bei den deutschen Meisterschaften als auch bei den internationalen Wettkämpfen gegen mich“, sagte Wagner rückblickend. In San Diego, zehn Tage vor dem Olympia-Finale, hörte er nach seinem ersten Versuch auf.

„Ich erzielte recht locker werfend 65,54 m, und die drei US-Amerikaner wurden ganz unsicher“, so Wagner heute. Es wäre besser gewesen, wenn Wagner den Wettkampf damals beendet hätte, denn er war in jenen Tagen vor den Spielen in der Lage an die 70m-Marke zu werfen. Fünf Tage vor seinem olympischen Auftritt erreichte der damals 134 kg schwere Wagner im Trainingslager in Irvine (Kalifornien) mit 69,30 m seine beste Weite. Bei den Spielen, wo er mit 64,78 m nur einen halben Meter von der Bronzemedaille entfernt war, spielten seine Nerven nicht mit. Auf dem Einwurfplatz flog der Diskus mehrmals über 66 m, das hätte im Stadion zur Goldmedaille gereicht“, so Wagner heute.

Bereits vier Jahre vorher verhinderte ein Politikum eine Olympische Medaille. Wagner, auf dem sportlichen Höhepunkt angelangt, verbesserte am 17.05.1980 in Formia (Italien) die Weltjahresbestleistung im Diskuswerfen auf 66,30 m. Aber das Deutsche Nationale Olympische Komitee (NOK) boykottierte die Spiele in Moskau, weil die Sowjetunion zu Beginn des Jahres 1980 in Afghanistan einmarschiert war. So mussten die deutschen Athleten bei den „Gegen-Olympischen-Spielen“ in Philadelphia (USA) starten. „Aber dort fehlte einfach die Atmosphäre“, betonte Wagner. Die Mannschaft durfte anschließend als Entschädigung für sechs Wochen nach Vancouver fliegen.

Bereits 1976 hatte der Melsunger mit 61,88 m die internationale Olympianorm übertroffen, aber er wurde trotzdem nicht mit nach Montral genommen, weil er die interne Norm des Deutschen Leichtathletik-Verbandes nicht erfüllt hatte. 1988 hatte er sich noch einmal für die Olympischen Spiele qualifiziert. Mit seinen 66,96 m gehörte er zu den TOP-TEN in der Welt, aber der Verband strich ihn aus dem Aufgebot, weil er öffentlich Aussagen zu den Doping-Vorgängen in Deutschland machte und auch „Ross und Reiter“ nannte.

Mit 40 Jahren steigerte er den Senioren-Europarekord auf 65,80 m. Erst 12 Jahre später wurde dieser Rekord von Diskuslegende Jürgen Schult um einen Zentimeter verbessert. Selbst der vierfache Weltmeister Lars Riedel konnte diese Leistung nicht erreichen.

Der Polizeibeamte, der 1970 bereits an den alle vier Jahre stattfindenden Polizei-Europameister-schaften in Helsinki teilnahm, wurde in den 28 Jahren dreimal Europameister und belegte je zwei zweite und dritte Plätze. Bei den alle zwei Jahre stattfindenden deutschen Polizeimeisterschaften konnte er sich insgesamt zwölfmal als Sieger feiern lassen.

Aber auch im Seniorensport war Wagner äußerst erfolgreich. Neben seinen 25 Siegen bei den deutschen Meisterschaften gewann er auch die Goldmedaillen im Diskuswerfen bei den Europa- und Weltmeisterschaften.

Mehr als 43 Jahre hat Alwin J. Wagner die Scheibe geworfen – manchmal über 100 Würfe am Tag. Über 35 Jahre flog sie über die 50 Meter-Marke und von 1973 bis 1992 schloss Wagner 148 Wettkämpfe mit Weiten über 60 m ab.

1993 wandte sich Wagner der Funktionärskarriere zu. Auch da ging es steil aufwärts: Zunächst wurde er aufgrund seiner hohen Fachkompetenz zum Vize-Präsidenten des Hessischen Leichtathletik-Verbandes gewählt. Wagner war 14 Jahre als Landestrainer für die Jugendlichen des Hessischen Leichtathletik-Verbandes im Wurfbereich verantwortlich, war gleichzeitig Landeswettkampfwart und Referent bei der Schiedsrichterausbildung im Deutschen Leichtathletik-Verband.

Höhepunkt seiner Laufbahn als Schiedsrichter war der Einsatz beim Europa-Cup-Finale der Länder sowie als Leiter der beiden Finals im Diskuswerfen bei den Europameisterschaften 2002 in München. Bei seinen Auslandseinsätzen war Wagner als Schiedsrichter verantwortlich, als die rumänische Hammerwurf-Weltmeisterin von Sevilla, Mihaela Melinte, den Hammerwurfweltrekord auf 76,07 m verbesserte.

Nach der Senioren-EM in Posen im September 2006 bekam Alwin J. Wagner plötzlich Schmerzen in der rechten Leiste. Was zunächst aussah wie eine Zerrung wurde von Woche zu Woche schlimmer und zu Beginn des Jahres 2007 stellte sich nach einer Computer Tomographie heraus, dass Wagner an der sog. „Coxarthrose“ leidet. Im März 2007 flog er noch nach Helsinki zur ersten Hallen-EM im Diskuswerfen. Trotz starker Schmerzen konnte er noch den Titel mit 46,17 m vor dem Schweden Westberg (43,44 m) gewinnen. Bereits damals stand für die Diskusfachleute fest, dass die aktive Laufbahn von Alwin J. Wagner mit diesem Wurf in Helsinki beendet war. Aber noch einmal kehrte Wagner auf die „Diskusbühne“ zurück. Bei den deutschen Seniorenmeisterschaften im August 2007 in Fulda wollte er sich von seinen sportlichen Wegbegleitern verabschieden. Bis zum letzten Durchgang lag er mit einer Weite von 42,66 m auf Rang vier. Als er zu seinem letzten Wurf antrat, standen seine Freunde und Konkurrenten Spalier und applaudierten. „Da lief es mir eiskalt den Rücken herunter“, erinnerte sich die Melsunger Diskuswurf-Legende. Und noch einmal biss er auf die Zähne und schleuderte die 3-Pfund-Scheibe auf 45,34 m – damit gewann er noch Silber.

Seit dieser Zeit nahm Wagner keinen Diskus mehr in die Hand. Die sportliche Karriere schien nach 43 Jahren beendet zu sein. „Ich war in den letzten Monaten mehr in den Wartezimmern von Orthopäden und Physiotherapeuten anzutreffen, als auf dem Sportplatz mit meinen Schülern“, erzählte Wagner, der durch Fehlbelastung und Überbeanspruchung sich diese Hüftarthrose zuzog. Da traf er Prof. Dr. Werner Siebert, den Chefarzt der Orthopädischen Klinik in Kassel. „Er hat mir Hoffnung auf den Abschied vom Abschied gemacht, denn der Professor ist der Meinung, dass ich schon am Ende des Jahres wieder werfen kann“.

Und der Leiter der Orthopädischen Klinik bestätigt das: „Wenn Herr Wagner sich dieses Ziel setzt, wird er es auch realisieren können, denn er hat gute Knochen und eine austrainierte Muskulatur, die Voraussetzungen für ein solches Vorhaben sind.“ Prof. Dr. Siebert beabsichtigt bei Wagner eine Spezialprothese mit einer Kappe einzusetzen. „Warum soll man den Hüftkopf abtrennen, wenn man ihn überkappen und dadurch erhalten kann“, erläutert der Professor, zumal das Kappensystem eine natürliche Beweglichkeit und eine schnelle Rehabilitation bietet. „Wenn alles klappt – und ich bin zuversichtlich – dann will ich noch so lange im Wettkampf die Scheibe werfen, bis mich einer meiner Schüler überholt“. Und das kann dauern …




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