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Kalte Heimat – Trutzhainer Wallfahrt beschäftigt Historiker

Schwalmstadt-Trutzhain. „Ein Buch, das bewegt und sehr nachdenklich macht“, umschreibt Pfarrer Diethelm Vogel „Kalte Heimat“ von Historiker Dr. Andreas Kossert. In dem Buch, das im Siedler-Verlag, München, erschienen ist, ist auch die Quinauer Wallfahrt in Trutzhain mit Bild- und Textbeitrag zu finden. Auf 431 Seiten behandelt Kossert die Geschichte der Deutschen Vertriebenen nach 1945 und erschüttert den Mythos ihrer rundum geglückten Integration. 14 Millionen Deutsche, vor allem Frauen, Alte und Kinder, werden nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat vertrieben, oder flüchten vor der Gewalt der sowjetischen Soldaten. Über zwei Millionen Menschen überleben Flucht und Vertreibung nicht. Diejenigen, die überlebt haben, werden nicht aufgenommen, sondern ausgegrenzt, berichtet das Buch.

Nach ihrer Ankunft in der Bundesrepublik, dem Land, das ihnen zur neuen, kalten Heimat wurde, erfahren die Vertriebenen Ablehnung und teilweise blanken Hass. Als Pollacken, Flüchtlingspack, oder als Gesockse tituliert beginnen sie ihren schwierigen Neuanfang. Kossert zeigt auch, welchen Weg die Vertriebenen bereits hinter sich hatten, ehe sie in die neue Heimat kamen und was sie dort erwartete. Während sie schon alles verloren hatten, fühlten sich die Westdeutschen durch den Zustrom der Fremden bedroht, mit denen sie ihre glücklich durch den Krieg gebrachten Besitztümer teilen sollten.

Allein gelassen
Ohne die 14 Millionen Vertriebenen, die mit Nichts begannen, hätte es  kein Wirtschaftswunder in Deutschland gegeben. Heftig von den politischen Parteien umworben, wurden sie aber zugleich mit ihren Traumatisierungen allein gelassen. Persönliche Betroffenheit, Trauer, Traumatisierung und Schmerz  wurden nicht wahrgenommen. „Dass die Aufnahme der 14 Millionen nicht zur politischen Dauermalaise wurde und die befürchtete Radikalisierung ausblieb, dafür bezahlten die Vertriebenen mit Verleugnung ihres Schmerzes und kultureller Selbstaufgabe“, schreibt Kossert.

Detailreich schildert er auch, wie die Parteien versuchten, die Vertriebenen für sich zu gewinnen. Dabei verändertenn sich die Präferenzen der Vertriebenen über die Jahrzehnte: Zu Beginn galt die Union als Anwalt der Einheimischen. Die Politik der Westbindung des Rheinländers Adenauer bedeute den Verlust der Ostgebiete, so lautete der Vorwurf des Westpreußen Kurt Schumacher. Ende der Sechzigerjahre änderte sich die Lage. Mit den Ostverträgen akzeptierte die SPD/FDP Bundestagsmehrheit die Grenzen von 1945 und zementierte damit endgültig den Verlust der alten Heimat. Für viele Vertriebene war das ein Schock, den sie schwer verwinden konnten. Viele Jahre hatten ihnen Politiker aller Parteien das Gegenteil versprochen. Die Vertriebenen wandten sich meist von der SPD ab und der Union zu. Die politische Linke verwies die Vertriebenen in die rechte Ecke. Sie galten fortan als „Ewiggestrige“ und „Revanchisten“.

Kirche und Vertriebene
Ein Kapitel widmet der Autor den Kirchen. Er beschreibt die Bedeutung des Glaubens, der Frömmigkeit  und der kirchlichen Hilfsleistungen für die Flüchtlinge und Vertriebene. Mit der Überschrift „Mit den Vertriebenen kam Kirche“ weist Kossert auf einen Traditionstransfer aus dem Osten hin, der sich durch die Vertriebenen in beiden Volkskirchen vollzog. Viele westliche Gemeinden und Wallfahrtsorte gelangten durch die Vertriebenen zur neuen Blüte. Auch entstanden viele neue Gemeinden und veränderten ehemaligen Konfessionsgrenzen. In katholischen Gebieten gründeten sich evangelische Gemeinden und in evangelischen Gebieten Katholische. Er beschreibt dabei nicht nur die Schwierigkeiten zwischen den Konfessionen, sondern auch das unterschiedlichen Glaubensverständnis zwischen den Vertriebenen und den Einheimischen innerhalb der katholischen und evangelischen Kirche. Kossert weist auch darauf hin, dass namhafte katholische Würdenträger aus der Gruppe der Vertriebenen hervorgegangen sind. Genannt werden Weihbischof Gerhard Pieschl, Joachim Kardinal Meissner, Bischof Joachim Wanke, Georg Kardinal Sterzinsky, Bischof Walter Mixa, Bischof Gregor Maria Hanke und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Erzbischof Robert Zöllitsch.

Wallfahrt ein Spiegelbild
Ein Spiegelbild der Geschichte ist auch die Quinauer Wallfahrt in Trutzhain. Von Vertriebenen aus dem böhmischen Kreis Komotau wurde die Wallfahrt nach Trutzhain gebracht. Ein ehemaliges Kriegsgefangenenlager, das zur Flüchtlingssiedlung und 1951 zur jüngsten hessischen Gemeinde wurde, wurde zur neuen Heimat für die Vertriebenen und zur „zweiten Heimat“ für die Quinauer Gottesmutter. Aus vielen Teilen der Bundesrepublik kamen und kommen noch jährlich Vertriebene nach Trutzhain zur Wallfahrt. Als einzige Wallfahrt in Nordhessen wurde sie 2006 auch zum zentralen Gottesdienst des Pastoralverbundes Maria Hilf, Schwalmstadt, der den Altkreis Ziegenhain umfasst. Eine Besonderheit ist bis heute, das die Quinauer Wallfahrt in Tschechien und in Nordhessen gefeiert wird und die Gemeinden in Kontakt stehen. Anfang Juli nahm  Pfarrer Miroslaw Dvouletý aus Jirkov (Görkau) an der Wallfahrt in Trutzhain teil. Er betreut heute die Wallfahrt in Kvetnov (Quinau). Sehr viele katholische Kirchengemeinden in Nordhessen wurden von Heimatvertriebenen gegründet, erklärt Pfarrer Vogel.

Bestseller
Die Anfrage des Random House Verlagsgruppe, in der der Bertelsmann-Konzern seine Verlagsaktivitäten bündelt, hat uns überrascht, gestand Pfarrer Vogel. Die Verlagsgruppe sicherte sich die Bildrechte für drei Auflagen mit insgesamt 65.000 Exemplaren. Das Buch ist in den Bestseller-Verzeichnissen bei den Magazinen Spiegel und Focus im Bereich Sachbuch bereits unter den Top 20.

Andreas Kossert: Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945. Siedler Verlag, München 2008. 431 Seiten. ISBN 978-3-88680-681-8. 24,95 Euro.

Zur Person:
Dr. Andreas Kossert
Geboren 1970 in Hannovers-Münden. Studium der Mittleren und Neuen Geschichte, Slawistik und Politik in Freiburg, Edinburgh, Bonn und Berlin. 2000 Promotion an der FU Berlin. Sommersemester 2007 Gastprofessur an der Technischen Universität Dresden. Er ist stellvertretende Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Warschau, hat sich als Experte für die Vergangenheit der ehemaligen deutschen Ostgebiete einen Namen gemacht und zwei Bücher über die Geschichte Ostpreußens veröffentlicht.

Bild1: Buch Kalte Heimat
Bild 2: Quinauer Wallfahrt 1954



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