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Einen Menschen kann man nicht reparieren

Sonia Stimbre (28) ist gehörlos und Austauschpraktikantin in der WfbM

austauschpraktikumSchwalmstadt-Treysa. Sonia Stimbre ist französische Austausch-Praktikantin in den He­phata-Werkstätten (WfbM) in Schwalmstadt-Treysa. Wenn die angehende Erzieherin von ihrer Arbeit spricht, haut sie die Fäuste aufeinander. Nicht weil sie wütend ist, sondern weil die Gebärdensprache dies vorsieht. Die 28-Jährige ist nahezu gehörlos. „Meine Eltern wollten, dass ich sprechen lerne und in dieser Welt zurechtkomme.“ Sonia Stimbre sagt dies mit den Händen. Sie könnte es auch mit den Lippen tun. Obwohl sie fast gehörlos ist, ist sie – wie sie sagt – zweisprachig aufgewachsen. Ihre Eltern hatten ih­re Integration zum Ziel. Die Gebärdensprache spielte dabei eine kleinere Rolle. „Sie haben es nicht besser gewusst, wussten nicht, wie sie mit mir umgehen sollen.“ Sonia brauchte fünf Jahre, bis sie von den Lippen lesen und anfangen konnte zu sprechen. „Erst dann habe ich auch mein soziales Gefüge verstanden“, sagt die junge Frau.

In Familie und Regelschule war sie die einzige Gehörlose, nur mit Nachhilfestunden und Assistenz konnte sie dem Unterricht folgen. „Mein Leben war ein ständiger Kampf.“ Auch heute noch ist Sonia Stimbre eine Ausnahme. Sie spricht französisch – und nach zwei Monaten in Deutschland auch ein bisschen deutsch. Sie hat mehrere Semester Sport an einer Universität studiert. Dann wechselte sie an eine von zwei staatlichen Erzieherschulen mit Gebärdendolmetscher in Frankreich. „Dort, mit 25 Jahren, ist mir erst richtig bewusst geworden, dass ich, Sonia, aber auch gehörlos bin. Und dass eine komplette Integration Schwachsinn ist.“

Sie lernte die Gebärdensprache zu perfektionieren und innerhalb einiger Monate mehr Stoff als in den Jahren ihres vorigen Studiums zusammen. „Die Entdeckung der Taubenwelt hat mir geholfen mich anzunehmen, wie ich bin, eine Taube.“

Mit viel Arbeit und Ehrgeiz hat sie ihr Leben gemeistert. Um so größer war der Schock, als sie im Juni ihre Diplom-Prüfung zur Erzieherin nicht bestand. Eigentlichen wollte sie ein Jahr in den Europäischen Freiwilligen Dienst (EFD) gehen. Einer ihrer Dozenten half weiter. „Als er mir von Hephata erzählte, dachte ich: Boah, das hört sich interessant an.“

Drei Monate, organisiert und größtenteils finanziert vom Deutsch-Fran­zösischen Jugendwerk (DFJW), lebt und arbeitet die 28-Jährige nun in Treysa. Sie ist in der Industriemontage-Gruppe der Hephata Diakonie um Erzieherin Petra Hach, die ebenfalls schwerhörig ist, gelandet. Petra Hach kann die deutsche Gebärdensprache, Sonia die französische. „Wir haben dann erstmal die Gesten für die Gebärdensprache ab­geglichen, jetzt geht es ganz gut“, findet Petra Hach.

Sonia Stimbre findet das auch. „Ich habe hier beruflich und privat viel gelernt. Beispielsweise, dass ich jeden Menschen mit seinen Behinderungen so nehmen muss, wie er ist.“ Ein stärkeres Selbstbewusstsein habe ihr das gebracht. „Ich habe nach der Arbeit viel reflektiert über das, was ich tue.“

Beim ESV Jahn Treysa spielt sie zweimal in der Woche Volleyball, sie ist durch Deutschland gereist, nimmt Deutsch-Unterricht und gibt einen Gebärden-Kurs: „Ich möchte die beiden Welten der Gehörlosen und Hörenden verbinden.“ Auch deshalb will sie nach ihrem Diplom mit gehörlosen Menschen zusammenarbeiten. „Es gibt immer noch den Anspruch, Gehörlose reparieren zu wollen. Mit OPs, mit Geräten. Erst­mal sollte man aber fragen, was die Leute selbst wollen.“ (me)



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