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Pollenbach: Pizza is good for you!

Von Tobias Knopp

pollenbach_pizza1Pollenbach. Liebe Leser, bitte begleiten Sie uns heute auf eine packende Reise in den Alltag des niederhessischen Rettungswesens und werden Sie Zeuge einer spannenden Reportage über die verantwortungsvolle Tätigkeit als Einsatzbearbeiterin auf der Rettungsleidstelle Pollenbach: Samstag, 10. Januar 2009: Es ist kurz nach 19 Uhr. Wir haben uns heute mit Susi Sonnenschein verabredet. Gerade erst hat sie ihren Arbeitsplatz betreten. Vor ihr flimmern grelle Computermonitore. Im Konsolenlautsprecher knackt das rhythmische Geräusch des Funkmeldesystems und lässt das leise Summen der Neonröhren in den Hintergrund treten. Susi Sonnenschein lässt sich entspannt in den großen schwarzen Ledersessel fallen. Dann überfliegt sie die Monitore, um sich mit den aktiven Einsätzen vertraut zu machen. Aber alles scheint ruhig. Schließlich steht sie auf und zapft im Nebenraum eine XXL-Tasse heißen, schwarzen Kaffee, um sich eine Grundlage für die kommenden zwölf Stunden zu schaffen.

„Was erwarten Sie heute Nacht?“, möchte ich von ihr wissen. „Eigentlich das Übliche“, sagt sie. „Es ist Samstag. Wissen Sie, die meisten Heimwerker von heute Mittag sind jetzt bereits in die zuständigen Krankenhäuser eingeliefert worden. So etwa bis 22 Uhr sollte es also ruhig bleiben. Aber dann kommen die Gewohnheitsalkoholiker und Hobbyrennfahrer.

Ab da geht es bei uns oft richtig rund, manchmal die ganze Nacht hindurch. Richtig schlimm wird es auch, wenn irgendwo ein Wohnhausbrand entsteht. Dann habe ich hier alle Hände voll zu tun: Sirenenalarm auslösen, Feuerwehren alarmieren, Rettungswagen und Notarzt losschicken, Polizei informieren, Krankenhausbetten für die Verletzten organisieren, und, und, und…“

„Frau Sonnenschein, wie ich sehe, sind Sie heute Abend alleine auf der Leidstelle tätig. Wie schaffen Sie das bei einem Notfall denn alles?“ „Tja, Herr Knopp, das ist ein echtes Problem. Wissen Sie, wir haben genau drei Mitarbeiter und decken damit 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr ab. Wenn einer von den Kollegen krank wird, bringen Sie zum Dienstbeginn am besten gleich Ihren Schlafanzug mit. Das hält natürlich auf die Dauer keiner durch. Wir haben uns schon mehrfach an unseren Leiter, den Betriebsrat und den Landgrafen gewendet.“

„Und was hat das genutzt?“, frage ich. „Na, ja…  die haben gesagt, wenn es zu stressig wird, sollen wir doch öfters mal Pause machen. Und dann haben sie uns im April 2006 noch einen Pizzaofen in die Mitarbeiterteeküche gestellt. Seitdem schieben wir immer mal eine Pizza da rein, setzen uns gemütlich vor das warme Gerät und gucken durch die Glasscheibe ganz entspannt zu, wie der Teig hochgeht.“

„Aber was machen Sie denn, wenn dann ein Notfall reinkommt, während Sie vor dem Ofen oder ihrer Pizza sitzen, Frau Sonnenschein?“ „Sagen sie doch „Susi“ zu mir. Wo waren wir? Ach so, äh, ja… was soll ich da wohl machen? Nix natürlich. Sie kennen  doch die Devise „Ohne Mampf kein Kampf“. Das gilt genauso für mich. Wenn also jemand die Telefonnummer 112 wählt, bleibt er eben ein bisschen in der Warteschleife. Wir haben da bei der letzten Rosenmontagsfeier einen tollen Ansagetext aufgenommen. Hören Sie doch mal…“

Susi Sonnenschein erhebt sich umständlich aus dem Sessel und drückt einen grünen Knopf auf der Telefonanlage. Aus dem Lautsprecher erklingt ein kurzes Tuten, schließlich erhebt sich eine synthetisch-weibliche Stimme: „The person you have called is temporarily not available because currently pizza is ready. Please call later again…“

Verdutzt sehe ich sie an. „Aber das bedeutet ja, dass jemand, der wirklich dringend Hilfe braucht, stundenlang in der Warteschleife hängt?“ „Na ja“, sagt sie, „ganz so schlimm ist es nicht, Herr Knopp. Erstens dauert die Warteschlange höchstens so lange, bis ich meine Pizza hinter den Knöpfen habe. Und zweitens haben wir für ganz hartnäckige Fälle nach gerade mal 15 Minuten Wartezeit ein automatisches Auswahlmenü eingerichtet. Das klingt dann so:“

pollenbach_pizza2Wieder erhebt sie sich schwerfällig, um diesmal einen roten Knopf auf der Anlage zu drücken. Dann ertönt ein kurzes Tuten aus dem Lautsprecher und erneut flötet die freundliche Stimme: „Sehr geehrter Anrufer. Leider ist zurzeit kein Einsatzbearbeiter für Sie frei. Wir bemühen uns aber, Sie so schnell wie möglich mit dem nächsten freien Platz zu verbinden. Wünschen Sie jedoch keine persönliche Beratung, drücken Sie bitte auf Ihrer Tastatur die Ziffer „Eins“. Wenn Sie lediglich einen Rettungswagen benötigen, drücken Sie bitte die „Zwei“.

Wenn Sie eine notärztliche Behandlung in Anspruch nehmen möchten, drücken Sie bitte die „Drei“ oder rufen Sie doch einfach mal Ihren Hausarzt an. Der ist bestimmt auch sehr nett. Wenn die verunglückte oder erkrankte Person zwischenzeitlich verstorben ist, drücken Sie bitte die „Null“. Vielen Dank für Ihre Geduld. Bis zur Gesprächsübernahme durch unser freundliches und geschultes Personal erfreuen wir Sie nun mit der grandiosen Titelmusik aus John Boorman’s berühmten Film „Beim Sterben ist jeder der Erste“…

„Jetzt aber mal ehrlich, Frau Sonnenschein. Denken Sie nicht, dass das unter Umständen irgendwann mal schief geht?“, frage ich mit leichtem Entsetzen. „Also, Herr Knopp, erst mal ist Denken ja auch ein wenig Glückssache. Nein, Scherz beiseite. Sicher kann das schiefgehen. Wenn ich jetzt auch ganz scharf nachdenke, gab es da auch schon ein paar hässliche Schnitzer. Gleich nach der Aufstellung des Pizzaofens lag mal irgendwo einer bewusstlos auf der Straße vor so einem Tanzschuppen. Da hatten wir aber noch keine automatische Bandansage.

Ich bin dran gegangen und habe dem Anrufer gesagt, ich könne momentan nicht, er solle doch mal bei der Polizei anklingeln, die hätten bestimmt Zeit für ihn. Sie wissen schon, meine Pizza war gerade fertig… auf jeden Fall hat der das dann auch gemacht und die Streifenhörnchen sind gleich mit Volldampf da hin gekachelt. Ich hatte gerade erst in die Pizza gebissen, da riefen diese uniformierten Nervensägen auch schon bei mir an. Die meinten, ich sollte doch mal ganz schnell jemand schicken, der Typ wäre schon fast tot. Gut, habe ich gesagt, wenn ich die Hälfte mit der Salami gespachtelt habe, schubse ich die Sanis raus. Aber ohne Sondersignal, das gibt’s nur für Privatpatienten.

Mann, Mann, Mann, was habe ich mich gehetzt, um mir die Mafiatorte reinzuhauen. So was ist gar nicht gut für den Magen, sage ich Ihnen. Hinterher war das trotzdem alles umsonst. Als die Sanis ankamen, war der Kerl schon mausetot. Wenigstens die Polizisten haben eine verballert gekriegt. Haben die denn eigentlich keine Ersthelferausbildung, oder was? Die hätten den ja auch ein bisschen beatmen können: Mal so richtig die Klappe aufgerissen, den Fleischlappen in den Hals gedrückt und ordentlich durchgepustet! Aber nix, keinen Bock. Sie wissen schon: Beamte…“

„Ja, ich weiß. Aber hatte das denn auch Konsequenzen für Sie, liebe Frau Sonnenschein?“ „Für mich? Ääääähm… ja. Mein Hausarzt meinte, ich soll mal öfters auf leichtes Gemüse  umsteigen, vor allem wenn ich so hastig essen muss, während der Arbeitszeit und so. Deshalb muffele ich seit neuestem meine Dienst-Pizza mit Halbfettkäse und fünffach Rucola oben drauf. Über Funk sage ich dann immer, ich hätte gerade einen „R5“-Einsatz. Dann wissen die Sanis draußen Bescheid und schwätzen mich während des Essens nicht auch noch voll.“

„Okay, reden wir doch mal von etwas anderem. Ich vermute, dass es sich bei dieser Geschichte ohnehin um einen tragischen Einzelfall handelte.“ „Ääääääähm, nicht ganz, Herr Knopp…“  „Nicht ganz, Frau Sonnenschein? Was soll das denn heißen?“ „Na, ja. Letztens hatte ich Sonntagsdienst. Ich war so gegen 13 Uhr gerade mal wieder dabei, meine Pizza zu belegen, da klingelte das Telefon. Ich schaute auf das Display und dachte noch: ‚Die Nummer kenne ich nicht.’ Und dann sagte ich mir: ‚Lass den mal schön auf den AB schwätzen.’

Nach einer Viertelstunde sprang auch das Ansageband an. Nach weiteren vier Minuten habe ich im Display gesehen, dass da jemand schon zwölfmal die „Drei“ gedrückt hat. Gut, bin ich eben dran gegangen. Und was glauben Sie, was dann passiert ist? Ist da doch so eine Mutti in der Leitung und sagt, bei ihnen wäre vor zwanzig Minuten die Omma unter den Küchentisch gerutscht, hätte die Augen verdreht und würde jetzt pumpen, wie ein Maikäfer. Dann wollte sie wissen, ob sie jetzt den Notdienst braucht oder ob ein Arzt reicht. Also bitte: Wenn ich das für sie entscheiden soll, nehme ich immer das, was am wenigsten Arbeit macht. Da habe ich ihr eben gesagt, sie soll doch erst mal ihrem Hausarzt auf den Keks gehen.

Und wenn der nicht will, verrät er ihr ganz bestimmt, wer von seinen Kollegen heute noch nichts weiter vor hat und mal eben zu ihr rüberkommt. Damit habe ich doch alles getan, was nötig war, finden Sie nicht, Herr Knopp?“ „Darüber kann man leidlich streiten, liebe Frau Sonnenschein.“ „Jetzt fangen Sie auch noch an, hier an mir rumzumosern. Der Hausarzt der Anruferin hat mich schon so zur Sau gemacht. Schreit der Kerl doch ins Telefon, ich soll sofort einen Notarzt und eine RTW schicken, die Patientin würde bereits sterben.

Von so was kriege ich echt sofort Sodbrennen. Gutmütig wie ich nun mal bin, habe ich dann eben alles alarmiert, was ein Stethoskop halten kann. Und, wozu war das gut? Für nix! Die Pizza war kalt und der Patient hinterher auch. Nächstes mal sollen sie doch wieder auf das Band sprechen, dann muss ich mich jedenfalls nicht über jeden blöden Mist aufregen…“

„Sagen Sie mal, Frau Sonnenschein: Wie sind Sie eigentlich zu diesem Job gekommen?“ „Weiß ich nicht mehr genau, Herr Knopp. Ich bin schon so lange hier,  seit ziemlich vielen Jahren. Aber ich glaube, es hatte irgend etwas mit Vitaminen zu tun… apropos Vitamine: Möchten Sie eine gesunde, knackige Pizza Rucola?.“ „Nein, vielen herzlichen Dank.“ „Aber Sie sehen doch, Herr Knopp: Ich bin um die Gesundheit meiner Mitmenschen immer bemüht.“ „Ja, wirklich? Immer?“, frage ich. „Na gut, vielleicht nicht immer. Aber immer öfter…“

*Foto 1: Die Kollegen vom Außendienst helfen auch gerne mal aus, wenn auf der Leidstelle Nachschub knapp wird. Dieses Bild basiert auf dem Bild Rtwnef Ambulance Rettungsdienst Germany.jpg aus der freien Mediendatenbank Wikimedia Commons und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. Der Urheber des Bildes ist Rettungssani.

**Foto 2: Arbeitsplatz der Leidstelle Pollenbach – “The person you have called is temporarily not available because currently pizza is ready. Please call later again.” Dieses Bild basiert auf dem Bild Leitstelle05.jpg aus der freien Mediendatenbank Wikimedia Commons und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. Der Urheber des Bildes ist Steschke.



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