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Pollenbach: Horrido – Tagebuch eines Kleintierjägers

Von Tobias Knopp

pollenbach_kleintierjaeger1Pollenbach. Verehrte Leser, ab heute veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen Auszüge aus dem Tagebuch des Oskar Wackerbarth (43), Schwachstromelektriker, verheiratet, Vater von zwei Kindern und passionierter Kleintierjäger.

Sonntag, 8. Februar 2009. Liebes Tagebuch, heute ist ein ganz, ganz schrecklicher Morgen. Ich habe den größten Teil der Nacht damit verbracht, mich um Valerie und Heinzchen zu kümmern. Valerie kriegt so langsam die ersten Zähnchen. Sie hat knallrote Bäckchen, sabbert alles voll und schreit ständig, als werde ein Ferkel geschlachtet. Ich habe ihr gestern Abend Fieber gemessen: 38,9°C.

Gegen 21.10 Uhr ist sie kurz eingeschlafen. Aber schon fünf Minuten später ist sie wieder aufgewacht und hat so in die Windel gebrunst, dass es oben aus der Halskrause lief. Also bin ich aufgestanden und habe sie komplett umgezogen. Als ich sie gewickelt hatte, fing sie wieder an zu schreien.

Ich dachte, sie hat Hunger. Also habe ich ihr ein Fläschchen gemacht. Sie hat die Hälfte getrunken, dann aber alles wieder ausgespuckt. Mein Schlafanzug war völlig eingesaut. Diesmal habe ich mich komplett umgezogen. Liebes Tagebuch: Wusstest Du eigentlich, dass man gleichzeitig lachen und mit Kotze gurgeln kann? Valerie kann das. Sie ist ja so süß, wenn sie lacht!

Mit Heinzchen sieht es im Moment nicht viel besser aus. Ich glaube, er hat die Windpocken. Manchmal könnte ich den Kindergarten zusammenkloppen. Jede Woche kommt Heinzchen mit einer anderen Krankheit nach Hause. Jetzt sieht er aus, als hätte er die Krätze. Er ist sehr wehleidig, weint oft und kratzt sich ständig. Ich habe ihm ein großes Zäpfchen gegeben. Keine Ahnung, was das war, aber bei seiner letzten Grippe hatte es gut geholfen. Er ist seit dem etwas apathisch, aber ich genieße die Ruhe…

Valerie und Heinzchen haben die Nacht im Bett zwischen Hedwig und mir verbracht. Valerie war sehr, sehr unruhig. Ich habe kein Auge zugemacht. Hedwig war auch nicht gut drauf. Seit der Geburt von Valerie hat sie ja so starke Migräne, aber nur im Schlafzimmer. Ob sie eine Allergie hat? Der Doktor meinte letztens, sie leide unter einer besonders schweren Form des prämenstruellen Syndroms, das nach „ihren Tagen“ nahtlos in ein postmenstruelles Syndrom übergeht. Danach fängt die Sache gleich wieder von vorne an.

Das es keinen Sex mehr zwischen uns gibt, ist eigentlich nicht schlimm. Man sagt ja nicht umsonst, es gäbe für einen Mann keinen Unterschied zwischen einer Erbsensuppe und einer Ehefrau, denn in beiden stochert man nur lustlos herum.

Insgesamt tut sie mir aber ganz schön leid. Der einzige Mensch, mit dem Hedwig in den letzten Monaten gut klar kommt, scheint der Postbote zu sein. Das ist ja auch ein ganz sympathischer Kerl.  Er lächelt nett und winkt immer so freundlich, wenn ich mit den Kindern zum Einkaufen fahre.

Liebes Tagebuch, ich bin so elendig müde und weiß gar nicht, wie ich meine ganze Arbeit schaffen soll. Als Valerie und Heinzchen heute Morgen gegen 5.30 Uhr endlich eingeschlafen sind und ich vor Erschöpfung gerade eben eingedöst bin,  trat er auch gleich wieder auf den Plan: Bunny, der Todeskandidat. Oh, wie ich diesen gauzenden Scheißköter hasse.

Seit Jahren jeden Morgen das gleiche Spiel: Meine Nachbarn, die versoffenen, arbeitslosen Grützmüllers, haben sich über Nacht ein Flasche Wodka reingehauen und sind jetzt zu voll, um ihre Töle Gassi zu führen. Dann öffnen sie einfach ihre Terrassentür und lassen den Flohsack laufen. Der schießt quer über die Wiese, positioniert sich vor meinem Schlafzimmerfenster und bellt, bis er fast ohnmächtig wird. Dann scheißt er noch in den Sandkasten der Kinder und verzieht sich in die Primeln von Nachbar Meisenspeck. Liebes Tagebuch: Ich zittere und habe Kopfschmerzen. Wann hört die Sau auf zu bellen?

pollenbach_kleintierjaeger2Montag, 9. Februar 2009: Heute Morgen um halb sechs war  Bunny wieder da, aber ich war vorbereitet. Noch gestern Abend habe ich nach kurzer Suche Opas Abführtabletten im Keller gefunden. Die meisten davon sind in einem prächtigen Stück Mettwurst verschwunden. Das Stück habe ich schön im Sandkasten platziert. Durch die Fensterläden konnte ich beobachten, wie  Bunny sich genüsslich die Wurst reingezogen hat. Bin gespannt, was passiert!

Montag, 9. Februar 2009, abends: Liebes Tagebuch, trotz des winterlichen Wetters haben Grützmüllers ihren hellen Schurwollteppich im Garten zum Trocknen aufgehängt. So, wie die Spuren aussehen, hat sich Bunny darauf komplett entkernt. Ich glaube, die Flecken gehen nicht mehr raus. Gegen Mittag war die Schwiegermutter da, mit Putzlappen und Eimer bewaffnet. Ob der Frühjahrsputz so zeitig geplant war? Und wie viele Abführtabletten habe ich eigentlich noch?

Dienstag, 10. Februar 2009: Liebes Tagebuch, das mit der präparierten Wurst hat wirklich prima geklappt. Gleich gestern Abend habe ich einen neuen Köder gelegt. Bunny hat sich riesig gefreut und ordentlich zugelangt. Allerdings sieht er doch so aus, als habe er insgesamt etwas abgenommen. Auch die Region um seine Augen scheint faltiger geworden zu sein. Ich beginne, sein Bellen ein wenig zu genießen.

Dienstag, 10. Februar 2009, abends: Der Tierarzt war da. Durch das halb geöffnete Küchenfenster hörte ich ihn etwas von einer Virusinfektion sagen. Ich befürchte, die Genesung wird sich etwas hinziehen oder schlimmstenfalls ganz ausbleiben. Da ist für den Doktor sicher noch das eine oder andere Scheinchen zu verdienen. Ob ich mit ihm mal über eine Provision spreche?

Mittwoch, 11. Februar 2009: Der Teppich hängt wieder draußen. Da sind auch ein paar Blutflecken drauf. Mein Tipp: Bunny sollte sich mal wieder die Hämorriden veröden lassen. Wichtig: Heute Mittag muss ich in der Apotheke vorbei – Pillen werden knapp! Am frühen Morgen ist mir aufgefallen, dass Bunny’s Elan etwas leidet. Auch sein Kläffen ist müder geworden. Aber das Schönste: Seit zwei Tagen kackt das Mistvieh nicht mehr in den Sandkasten meiner Kinder. Wie auch? Der macht sich ja schon zu Hause völlig alle.

Mittwoch, 11. Februar 2009, mittags: Der alte Grützmüller hat mit seinem Anhänger Fliesen geholt. Wie man hört, will er jetzt die Wände rund um das Hundekörbchen bis hoch zur Decke abwaschbar gestalten. Seine Alte stand hinter der Garage und hat den Hochdruckreiniger getestet. Wie können die sich bei ihrer geringen Arbeitslosenstütze eigentlich so einen verschwenderischen Wasserverbrauch leisten?

Mittwoch, 11. Februar 2009, abends: Liebes Tagebuch, der Tierarzt war da. In der Straße erzählt man sich, er habe  Bunny eine Darmspülung gemacht. Das wird wohl  nicht helfen. Von Bellen kann man bei ihm übrigens gar nicht mehr sprechen. Ich würde das eher „leises Husten“ nennen. Bunny ist dünn geworden. Er schleicht wie Falschgeld durch Grützmüllers Vorgarten und schnuppert traurig am Arsch der Hündin des Tierarztes. Ob er bereits Abschied von den fleischlichen Wonnen nimmt?

Donnerstag, 12. Februar 2009: Bunny hat in der Morgendämmerung lustlos seinen Mettwurstköder geschluckt. Auf dem strapazierenden Weg vom Sandkasten zu den Primeln des Nachbarn Meisenspeck knickt er mit seinen dürren Vorderläufen ein, wie ein angeschossener afrikanischer Wasserbüffel. Seine trockene Zunge schleift über die Waschbetonplatten, und er keucht, als habe er das halbe Leben im Steinkohlebergbau verbracht. Beim Versuch, das Bein zu heben und an Meisenspecks Rosenstock zu pissen, kippt er rechts über und rollt in den Dornenbusch. Wo ist eigentlich mein Fotoapparat?

Donnerstag, 12. Februar 2009, abends: An wen erinnert mich Bunny bloß? Ach ja, jetzt weiß ich es: an die Bilder der hungernden Mohren in Afrika. Als er sich eben über Grützmüllers Terrassenkante schleppte, konnte ich jede seiner einzeln hervorstehenden Rippen erkennen. Seine Schnauze hing schlaff herunter, und sein Bauch war mächtig aufgebläht. Wenn da mal nicht bald Gevatter Tod anklopft….

Freitag, 13. Februar 2009: Bunny ist viel zu schwach zum Laufen. Ich habe ihm seine Mettwurst direkt neben Grützmüllers Sonnenschirmständer gelegt. Er kam gerade noch hin. Der helle Schurwollteppich hängt wieder draußen. Was sind das da drauf nur für gallegrüne Flecken? Die gingen wohl selbst mit dem Hochdruckreiniger nicht mehr raus. Liebes Tagesbuch, ich befürchte, dieser Freitag, der 13. wird kein Glückstag für Bunny.

Freitag, der 13. Februar 2009, mittags: Während Grützmüller und seine Alte im Getränkemarkt Wodka kaufen waren, hat sich Bunny unter der Terrassenbank aus dem irdischen Dasein verabschiedet. Ich habe die Gelegenheit genutzt und ihn in den für die Mülldeponie bereit gelegten Schurwollteppich gewickelt. Nichts ahnend haben die Grützmüllers ihren Liebling im Teppich auf den Anhänger gewuchtet und kurz darauf im hohen Bogen in einen Bauschuttcontainer gepfeffert. Mann, das Leben kann so einfach sein!

Freitag, der 13. Februar 2009, nachmittags: Die bekloppten Grützmüllers latschen durch den Garten und suchen ihren Köter. Ich schaue ihnen vom Küchenfenster zu, saufe Bier und fresse Popcorn. Hedwig fragte, ob ich etwas geraucht habe, weil ich das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht kriege. Sehr unterhaltsamer Nachmittag. Ich liebe Freitag, den 13.!

Samstag, der 14. Februar 2009: Das war seit langer Zeit der erste Morgen, an dem mich die vierbeinige Sau nicht geweckt hat. Dafür hat dann aber Hedwig gesorgt. Seit halb vier schnarcht sie, als wolle sie den ganzen Wald umsägen. So langsam geht mir die alte Schabracke mächtig auf den Zeiger. Die, mit ihrem ständigen Gemecker und ihrer scheiß Migräne. Eigentlich kämen Valerie, Heinzchen und ich doch auch ohne sie klar.

Apropos: wie viele Abführtabletten habe ich eigentlich noch…?

*Fotos: www.pixelio.de



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