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Frühling lässt sein blaues Band (III)

Von Tobias Knopp

pollenbach-schrittflitzer2Pollenbach. Verehrte Leser, ist es Ihnen aufgefallen? Die Vorboten des Frühlings sind in diesen Tagen noch vergleichsweise schwierig zu entdecken. Das hindert uns aber keineswegs daran,  uns in unserer bewährten Frühlingsserie mit der Betrachtung einer weiteren putzigen Spezies für das in Bälde zu erwartende Erwachen der Natur zu wappnen. Nach der Untersuchung des Bezirksbegatters und des Betriebsflansches (der ältere Leser erinnert sich) rückt heute der sogenannte Schrittflitzer in den Fokus unserer unstillbaren Neugier.

Schrittflitzer  [Schritt | flit | zer |, der], Kunstwort, Wortzusammenschluss aus Schritt (bezeichnet neben einer elementaren Bewegungsphase des Gehens bei Mensch und Tier auch den sog. Genitalbereich) und Flitzer (von „flitzen“ => Synonym für „eilen“. Das Wort findet auch Verwendung in der Übersetzung von engl. „streaker“ und bezeichnet Menschen, die auf öffentlichen Veranstaltungen durch das Geschehen laufen, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, wobei sie dazu nicht selten unbekleidet sind).

=> Subkulturelle Namensgebung (mit Mehrfachbedeutung) für kleinwüchsiges männliches Individuum, das durch sein frühkindlich tief verwurzeltes Gefühl der Unscheinbarkeit rastlos getrieben wird, mittels  der Erregung von erhöhter Aufmerksamkeit vor seinem Ableben doch noch den Geschlechtsakt vollziehen zu dürfen.

Vorraussetzung hierfür ist jedoch eine Partnerin zu finden, die in der Lage ist, ihren Ekel zu kontrollieren und ausreichend Mitleid aufzubringen, sich auf diesen Akt der praktischen Nächstenliebe herabzulassen (vgl. => Betriebsflansch).  Artverwandte Begriffe: Fruchtzwerg, Zwickel-Casanova, Schneewittchenstängel, Wadenschubser, Stelzenhacker.

Habitus (biologisch): Der Schrittflitzer ist eine eher weit verbreitete, aber von Natur aus zunächst deutlich unauffällige Spezies. Er erreicht im ausgewachsenen Zustand eine maximale Körpergröße von selten mehr als 160 Zentimetern, was ab der einsetzenden Frühpubertät zu der Erkenntnis führt, in der Gruppe der Gleichaltrigen bisher nicht nur für einen jämmerlichen kleinen Arsch gehalten worden zu sein, sondern auch für die gesamte restliche Lebenszeit alle Kriterien des jämmerlichen kleinen Arsches zu erfüllen.

Darauf reagiert der Schrittflitzer neben der Entwicklung von unübersehbaren Verhaltensauffälligkeiten in erster Linie mit der Einflussnahme auf seinen biologischen Habitus. Oft pflastert der kleine Sackhüpfer seinen bemitleidenswerten Körper mit muskelkontrahierenden Elektrogürteln aus dem Dauerwerbefernsehen und schluckt tonnenweise Anabolika in der Hoffnung, wenn schon nicht mit seinem kümmerlichen Fortpflanzungsorgan, dann doch wenigstens mit seinen Oberarmen ein paarungswilliges, gerne auch weibliches Individuum beeindrucken zu können.

Habitus (soziologisch): Während der Schrittflitzer seine Kindheit, Jugend und Adoleszenz zunächst in den weichen Armen seiner liebenden Mutter verbringt, entwickelt er etwa ab dem 35. Lebensjahr die Vorstellung, es sei an der Zeit, eine eigene und elternunabhängige Sexualität anzustreben. Die plötzliche Ablehnung der bisher als gut und sinnvoll erachteten Praxis intimster Mutternähe führt zumeist zu einem tiefen Bruch in der bis dahin tragfähigen Mutter-Kind-Beziehung.

pollenbach-schrittflitzer1Diese Entwicklung zwingt den Schrittflitzer, sich nun vollends auf einen außerfamiliären Geschlechtspartner zu konzentrieren. Dabei ist er weder hinsichtlich des Geschlechtes noch der sozialen Stellung seines Zielobjektes wählerisch. Allerdings zwingt ihn seine mickrige Unscheinbarkeit zu einem äußert extrovertierten Auftreten. Er hüllt sich in auffällig blumige Kleider, trägt gerne extravagante Hüte, schwört bei der Fußbekleidung auf hohe Absätze oder kommt auch einfach mal nackt daher.

Gerne begrüßt der Schrittflitzer Freunde und Bekannte mit innigen Wangenküssen, sofern es ihm eine eben greifbare Jaffa-Kiste oder Stehleiter erlaubt, sich auf diese Ebene emporzuarbeiten. Ansonsten nimmt er analog seiner üblichen Operationshöhe mit Backenküssen vorlieb. Diese Praxis ist ihm aus dem Berufsleben, namentlich dem Umgang mit seinem Vorgesetzten, ohnehin seit Jahrzehnten vertraut.

Der Schrittflitzer steigert sein Würgereflex verursachendes Auftreten gerne mit unangemessenen, ja teilweise sogar peinlichen Fragen. Bei gemischten Saunabesuchen interessiert es ihn fortwährend, warum sein weibliches Gegenüber denn ständig rote Augen habe. Es ist ihm auch mit Nachdruck nicht nahe zu bringen, dass es sich dabei nicht um die Augen der Saunapartnerinnen, sondern um ihre Brustwarzen handelt, die sich allein  aufgrund seiner jämmerlichen Körpergröße auf seiner Augenhöhe befinden. Armer Kerl.

Beruflicher Werdegang: Charakteristisch für den beruflichen Werdegang des Schrittflitzers ist es, das er zunächst klein anfängt. Seine besondere Fähigkeit, das Hinterteil seines Vorgesetzten als – wenn auch enges – Tor zur Karriere zu nutzen, sichert ihm trotz seiner Unscheinbarkeit einen kometenhaften Aufstieg. So nistet sich der Schrittflitzer oft nach kurzer Zeit in Leitungspositionen ein und konzentriert fortan alle Energie darauf, die ihm Untergebenen anzuschreien, zu schikanieren oder in den sicheren Freitod zu trieben.

Seine Vorgesetzten umschmeichelt der Schrittflitzer zunächst in ausgeprägt liebenswürdiger Art bis er eine ausgeklügelte Strategie entwickelt hat, ihm (dem Vorgesetzten) einen tödlichen Dolchstoß verpassen zu können. Sein Handeln zielt dabei auf die kompromisslose Ausweitung seiner Macht, um es seinen körperlich und moralisch überlegenen Mitmenschen „so richtig zu zeigen“.

In Anlehnung an die ebenso weit verbreitete Nagetierpopulation trägt der Schrittflitzer daher auch den wissenschaftlichen Beinamen  => mitteleuropäische Charakterratte“, was jedoch in keinem Bezug zum biologischen Habitus des Schrittflitzers steht. Jedenfalls haben feldexperimentelle Vergleichsmessungen ergeben, dass Ratten über längere Schwänze verfügen.

Konfliktverhalten: Insgesamt gehört der Schrittflitzer in jene Kategorie des „sozialen Strandgutes“, das im Wasser treibend am liebsten „Kiel oben“ gesichtet wird. Um diesen Umstand wohl wissend, nutzt der Schrittflitzer im täglichen Miteinander jede verfügbare Deckung.

Im Büro lungert er hinter den Kakteen oder unter dem „Benjamini Ficus“. Wird er von einem ihm überlegenen Widersacher entdeckt und sieht sich von einem bewaffneten Angriff (Fliegenklatsche) bedroht, eilt das possierliche Tierchen hurtig von der Fensterbank und tritt den Fluchtweg durch die Beine (Schritt) des Angreifers an.

Zumeist darf der das Weite suchende Schrittflitzer darauf vertrauen, dass der sich ihm entgegen stellende Gegner keine umfassende Gewalt im eigenen Genitalbereich ausübt.  Als gesichert darf diese Erkenntnis jedoch nicht betrachtet werden.

Sexualverhalten: Zur Erfüllung seiner sexuellen Bedürfnisse nimmt der Schrittflitzer zumeist bezahlte Hilfsangebote in Anspruch. Problematisch ist allerdings, dass er vor dem eigentlichen Geschlechtsakt bereits in die Besucherritze des Bettes seiner angemieteten Dienstleisterrin rutscht, dort fest hängt und einen wesentlichen Teil der vereinbarten Zeit mit verzweifelten Befreiungsversuchen verplempert.

Kommt er zeitgerecht frei, fokussiert er sein Handeln auf sadistische Akte. Nach dem Erklimmen der Dienstleisterin kneift, beißt und schlägt er auf sie ein, um zum sexuellen Höhepunkt zu gelangen. Diese reagiert in der Regel mit einer instinktiven  Körperdrehung, was ein erneutes Einklemmen des Schrittflitzers in der Besucherritze zur Folge hat.

Weitere Befreiungsversuche übersteigen das zuvor vereinbarte Zeitkontingent. Schließlich verlässt der Schrittflitzer Geld- und Ejakulationsfrei das Etablissement. Der dabei angestaute tief greifende Frauenhass bildet an den folgenden Arbeitstagen die gesottene Grundlage zum „spannungsfreien Umgang“ mit den ihm untergebenen Mitarbeiterinnen.

Populationsprognose: Trotz des hartnäckigen Eindruckes, dass die Population der in Leitungspositionen auftretenden Schrittflitzer exorbital ansteigt, haben empirische Untersuchungen das Gegenteil bewiesen. Tatsächlich fällt ein Großteil der Schrittflitzer in Gullyroste oder wird einfach vom Wind fortgeblasen. Vermehrt werden auch tödliche Unfälle im Haushalt bekannt. So kamen in jüngster Zeit  diverse  Schrittflitzer ums Leben, die von einem Staubsauger verschluckt wurden.

Bekannt ist auch, dass sich Schrittflitzer gerne auf dem Sofa zu einem Schläfchen zusammen rollen. Hausgenossen, die sich unbeabsichtigt auf die kleinen schlummernden Wollknäuel setzen, müssen damit rechnen, ein fahrlässiges Tötungsdelikt zu begehen. Deshalb bitten wir Sie: Bevor Sie sich setzen, heben sie Kissen und Decken hoch und kontrollieren Sie, ob sich das kleine Mistvieh wohl schon wieder auf Ihrem Platz breit gemacht hat.

Hat Ihr Schrittflitzer freien Auslauf, helfen Halsbänder, Tätowierungen und Ohrchips, ihn bei Verlust wieder ausfindig zu machen.  Lassen Sie Ihren Schrittflitzer regelmäßig impfen und entwurmen. Achten Sie auf Schrittflitzer-Fänger! Halten Sie sich immer vor Augen, wie sehr diese kleinen Kreaturen in den Laboratorien der Pharmaindustrie auf grausamste Art experimentell gequält werden.

Und bitte denken Sie an den uralten indianischen Spruch: Erst wenn der letzte Baum gefällt und der letzte Fisch gefangen ist, werden die Menschen merken, dass man Schrittflitzer nicht essen kann.

Oder doch…?

*pixelio.de