Startseite


Ihre Werbung hier!

Online-Zeitung für den Schwalm-Eder-Kreis | 12. Jahrgang | redaktion@seknews.de | www.seknews.de | täglich neu | Preis: 0,00 Euro

Schüler referieren über die Reichspogromnacht

thomas-schattner131104Homberg. In der Nacht vom 8. zum 9. November 1938 brannten unter anderem in Beuern, Borken, Eschwege, Falkenberg und Felsberg, Grebenstein, Guxhagen, in Hersfeld, Hoof, Treysa, Witzenhausen, in Zierenberg und auch in Fritzlar die Synagogen. Deshalb muss auch davon ausgegangen werden, dass die Homberger Pogromnacht bereits am 8. November 1938 stattfand.  Offizieller Auslöser für diese Gewalttaten war die Rache für die Ermordung eines deutschen Botschaftsangestellten in Paris. Der polnische jüdische Bürger Herschel Grünspan, der mit seiner Familie in Deutschland lebte, ermordete den Delegationsrat Ernst vom Rath. So erschien die Nachricht auf der ersten Seite des Kreisblatts.

Bemerkenswert dabei, dass sich die komplette Titelseite mit diesem Thema beschäftigte. Und noch mehr: Auch die Seite zwei der Ausgabe des 8. November war diesen Ereignissen gewidmet. Grünspan wollte mit seiner Tat ein Zeichen gegen das nationalsozialistische System setzen, da der Reichsführer-SS, Heinrich Himmler, am 26. Oktober 1938 angeordnet hatte, dass alle jüdischen Bürger mit polnischer Staatsangehörigkeit Deutschland verlassen mussten. Zehntausende, auch Herschel Grünspans Familie, waren davon betroffen. Sie „hausten“ nun im „Niemandsland“ zwischen dem deutschen Reich und dem polnischen Staat unter unmenschlichen Bedingungen, da der polnische Staat mit der Aufnahme einer solch gewaltigen Anzahl von Personen überfordert war.

Dieser Mord wurde von offizieller Seite zum Anlass der nachfolgenden Pogrome deklariert. Da die hiesigen Zeitungen jedoch erst unter dem Datum des 8. November von den Pariser Ereignissen berichteten, können diese nicht allein ursächlich für die Ereignisse des 7. Novembers gewesen sein. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wurden die 24 Pogrome in Kurhessen, darunter wohl auch Homberg, von der Gauleitung Kurhessen initiiert.

Regionale bzw. örtliche Repräsentanten des NS-Regimes sahen in diesen Ereignissen einerseits die Chance, Rache zu nehmen für das, was in Paris geschehen war, andererseits konnten sie doch nun gleichzeitig damit alte Rechnungen begleichen. Deshalb handelten sie auch eigenmächtig, erst die Pogrome des nächsten Tages, dem 9. November 1938, waren reichsweit organisiert. Die Vorfälle in Kurhessen bekamen somit „Modellcharakter“ für das Deutsche Reich. Denn Reichsminister Joseph Goebbels war von den Vorfällen in Nordhessen derart angetan, dass einen Tag später von München aus die Sturmabteilung, die SA, reichsweit von der Kette ließ, um das nordhessische Modell kopieren zu lassen.

Anhand von Wiedergutmachungsakten und vor allem Prozessakten, die sich im Marburger Staatsarchiv befinden sowie weiteren Quellen kann einigermaßen rekonstruiert werden, was in der Nacht vom 7. auf den 8. November 1938 in Borken, in Falkenberg und Hebel sowie in Homberg passierte. Diese Nacht und die Ereignisse in ihr gehören zu den grausamen Daten der deutschen Geschichte überhaupt.

Darüber werden Oberstufenschüler der THS auf einer Gedenkveranstaltung in der Aula der THS am Freitag, 8. November, berichten. Auf Einladung des Ökumenischen Arbeitskreises und der Homberger Kirchen werden die Mitglieder der THS-AG „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ unter der Leitung von Studienrat Thomas Schattner über die Ereignisse vor 75 Jahren in der hiesigen Region in einem powerpointgestützten Vortag halten. Zentral sind dabei die Homberger und Borkener Ereignisse sowie die Ereignisse in den Waberner Ortsteilen Falkenberg und Hebel. Damit richten die Mitglieder der AG zum dritten Mal hintereinander die Gedenkveranstaltung in Homberg aus.

Anschließend ist eine Buchpräsentation vorgesehen, Thomas Schattner wird sein neues 132-seitiges Buch unter dem Titel „75 Jahre Reichspogromnacht: Vom Boykott über die Deportationen zum Holocaust – Eine Spurensuche zur jüdischen Geschichte 1933 bis 1946 im Raum Fritzlar-Homberg“ der Öffentlichkeit vorstellen. Zahlreiche Abbildungen und Dokumente veranschaulichen die damaligen Ereignisse.

Das Buch versteht sich als Spurensuche der vergangenen jüdischen Geschichte einzelner nordhessischer Gemeinden. So beinhaltet der Band Aufsätze zur Geschichte der jüdischen Minderheit in Borken, Falkenberg, Fritzlar, Hebel, Homberg, Jesberg und Wabern. Zentral sind dabei die Darstellungen der Ereignisse in der Reichspogromnacht in vier der genannten Orte. Dass diese in unserer Region zeitlich vor der reichsweiten Pogromnacht stattfand, macht eine Einbettung in die Ereignisse davor (1933ff.) und danach bis in das Jahr 1946 notwendig. Ein zweiter Schwerpunkt des Buches beschäftigt sich mit den Deportationen der nordhessischen Juden nach Riga, Sobibor und Majdanek sowie ins Ghetto Theresienstadt.

Dr. Gunnar Richter, der Leiter der Gedenkstätte Breitenau, schrieb im Vorwort des Buches: „Mit der vorliegenden Veröffentlichung gibt Thomas Schattner zahlreiche sehr anschauliche aber auch erschütternde Einblicke in den Prozess der Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung von Homberg/Efze und Umgebung in der Zeit des Nationalsozialismus. An vielen konkreten Einzelschicksalen von Verfolgten zeigt er auf, welche Folgen es für die Betroffenen hatte und in welcher Form sich der Verfolgungsprozess in den einzelnen Städten und Gemeinden der Region ereignete.“ Und Richters Fazit lautet: „Thomas Schattner ist mit diesem Buch eine sehr eindrucksvolle Veröffentlichung gelungen, die anhand von zahlreichen Beiträgen die konkreten Auswirkungen der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Homberg/Efze und der Region darstellt und an die Schicksale vieler Verfolgten und Ermordeten erinnert. Diese Erinnerung soll auch dazu beitragen, den Verfolgten und Ermordeten eine Würdigung zukommen zu lassen“.

Die Auflage des Buches in 300 Exemplaren konnte dank großzügiger Spenden zahlreicher Spender wieder problemlos finanziert werden, so dass das Buch erneut kostenlos abgegeben werden kann. Wer am 8. November verhindert ist, kann sich das Buch zu den normalen Öffnungszeiten der Schule in der Mediathek der THS abholen. (Thomas Schattner)



Tags: , , , , , ,


Ähnliche Beiträge

Bisher keine Kommentare


Einen Kommentar schreiben

© 2006-2017 SEK-News • Powered by WordPress • Theme by: BlogPimp/Appelt MediendesignBeiträge (RSS) und Kommentare (RSS)Impressum + DatenschutzAGB





Facebook Auto Publish Powered By : XYZScripts.com