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Gedenken an die Reichspogromnacht 1938 in Homberg

Foto: nhHomberg. Nachdem im letzten und im vorletzten Jahr andere Formen des Gedenkens in der Kreisstadt im Vordergrund standen, findet in diesem Jahr wieder ein Gang durch die Stadt anhand der 2003 gesetzten Stolpersteine statt. Aufgrund exemplarisch ausgewählter Stolpersteine geht es in diesem Jahr um das Thema „Von der Ausgrenzung über die Diskriminierung bis zur Auswanderung jüdischer Mitbürger“. Es laden dazu ganz herzlich der Ökumenische Arbeitskreis Homberg und die Stadt Homberg ein. Verantwortlich sind dieses Mal erstmals Schüler und Schülerinnen der EKS und der THS (AG „Schule ohne Rassismus“) gemeinsam mit ihren Lehrern, Ulf-Dieter Fink, Gunnar Krosky und Thomas Schattner, die in einem Kooperationsprojekt die Gedenkfeier mit historischen Beiträgen und Gedichten gestalten. Für musikalische Beiträge dazwischen sorgt die katholische Kirche in Homberg mit dem Klarinettisten Thomas Kirchhoffs.

Der Beginn erfolgt am 8. November um 17 Uhr an der Ecke Webergasse/Salzgasse bei der Familie Heilbronn, deren Sohn Julius (Jahrgang 1897) ganz enorm unter der NS-Herrschaft leiden musste, ehe er im Jahr 1942 deportiert wurde und höchstwahrscheinlich noch im Zug ins Ghetto Theresienstadt sterben musste. Doch bereits im Frühjahr 1933 begann das lange Leiden von Julius Heilbronn und damit wurde der Weg zur Reichspogromnacht beziehungsweise zur Deportation und zum Holocaust bereits vorgezeichnet.

Zum Schicksal von Julius Heilbronn
Das Frühjahr 1933 war auch bereits von persönlichen Rachefeldzügen der Parteigenossen der NSDAP gekennzeichnet, die alte Rechnungen beglichen. Am schlimmsten traf es in Homberg wohl den 36-jährigen Juden Julius Heilbronn. Der 1,71 Meter große Mann mit den schwarzen Haaren und den grauen Augen trug den Spitznamen „der Sternengucker“ in der Stadt, weil er immer erhobenen Hauptes durch die Kreisstadt ging.

Zwei Homberger, die sich vor 1933 bei der Schutzpolizei (Schupo) beworben hatten, rächten sich nun an Julius, da sie in Erfahrung gebracht hatten, dass Julius sie vor der Machtübernahme als Nationalsozialisten angeschwärzt hatte und so verhindert hatte, dass sie eingestellt wurden. Jetzt hatte das schlimme Folgen. „Beide abgelehnten Bewerber holten sich Julius aus der Wohnung, gaben ihm ein Schild zu tragen, nahmen ihn in die Mitte und führten ihn durch Hombergs Straßen – begleitet von vielen Jugendlichen“. Auf dem Schild stand geschrieben: „Ich habe veranlasst, dass deutsche Jugend nicht zur Schupo kann“.

Das traf einen Mann, der nach einem Einsatz an der Westfront im Ersten Weltkrieg bedingt durch einen Gasangriff zunächst schwer verwundet und später aus dem Heeresdienst entlassen wurde. Die Folge war derart gravierend, dass er anschließend nur bedingt arbeitsfähig war. Wie sehr sich die Rache an Julius in das Gedächtnis einzelner gebrannt hat, zeigt die Reaktion von Margret Grundmann, geborene Goldschmidt, einer Homberger Jüdin Jahrgang 1916. Am 19. Februar 2008 schrieb sie in einem Brief an den Autor: „Nach all den vielen Jahren bekam ich endlich die Antwort auf eine so traurige Frage. Warum führte man Julius Heilbronn, der ein Schild tragen musste, durch die Straßen in Homberg? Ich war gerade vor unserem Haus, Untergasse 30, wenn Julius vorbei getrieben wurde. Er gab mir solch einen entsetzlich traurigen Blick, Als ob es gestern war, erinnere ich mich noch daran.“

Zum weiteren Schicksal von Julius Heilbronn, der noch mehrfach durch Homberg geführt wurde: Aus den 30er Jahren ist weiter überliefert, dass er zusammen mit der Kindergärtnerin Sophie Hölzer seinen Vater Sußmann nach dessen Schlaganfall „sauber machte“ und wusch. Diese berichtete später wie dankbar Julius für diese Hilfe war: „[…] jedes Mal, wenn ich auswärts gewesen war und mit dem Zug nach Hause kam, holte er mich vom Bahnhof ab. Dort stand er an der Seite und sagte kein Wort. Den Eselsweg ging ich durch, Julius immer zehn Schritte hinter mir. Einmal fragte ich: „Warum machen Sie das?“ „Es soll Ihnen nichts passieren, Schwester“, sagte er. Julius litt zu diesem Zeitpunkt schon stark an der Zuckerkrankheit, ohne Insulin konnte er nicht mehr leben.

1937 wird dann Julius nach Recherchen von Friedrich Dreytza auf offener Straße von zwei SS-Männern als „Saujude“ beschimpft. Da er wie sein Vater eine starke Persönlichkeit besaß und 1934 zudem mit dem „Ehrenkreuz der Frontkämpfer“ ausgezeichnet wurde, wehrte er sich. Nach dem zu früh verstorbenen Fritz Dreytza ließ er sich die Beleidigung nicht gefallen und zeigte deshalb die beiden SS-Männer bei der Polizei in Homberg an. „Diese Anzeige aber wird nicht angenommen und er selbst wird als Störer aus dem Polizeiwachlokal des Rathauses hinausgeworfen“, so Dreytza.

Auf die Reichspogromnacht reagierte er dann ähnlich. Erneut beschwerte er sich bei der Polizei in Homberg. Wieder versuchte er Strafanzeige zu stellen. „Seine Bemühung führt dazu, dass ihm [dieses Mal] ein Schild mit der Aufschrift: ´Ich werde mich nie mehr bei der Polizei beschweren!´ um den Hals gehängt und er von einem Polizeibeamten durch die Stadt Homberg geführt wird“.

Und noch einmal sollte Julius öffentlich auffällig werden. Am 29. Dezember 1941 wurde ein großer Artikel im Kreisblatt publiziert. Seine Überschrift lautete: „Wir helfen unseren Soldaten – Sonderdienst des Gaues Kurhessen der NSDAP zur Woll-, Pelz-, Ski und Wintersachensammlung für die Front“. Selbstverständlich hatten auch die letzten in der Region verblieben Juden zu spenden. Dagegen wehrte sich Julius bei der öffentlichen Übergabe der Spenden am 16. Januar 1942. Wiederum erscheint er auf der Polizei und wiederum wird ihm nun ein Schild mit der Aufschrift: „´Ich werde mich nie mehr bei der Polizei beschweren!´ um den Hals gehängt“. Erneut muss er nach Dreytza durch die Stadt Homberg laufen.

So verwundert es nicht, dass Julius am 20. Februar 1942 wegen Aufsässigkeit gegen die Polizei in die Landesarbeitsanstalt Breitenau eingewiesen wurde. Die Gründe selbst für seine Inhaftierung sind aus den Akten nicht ersichtlich. Erst knapp zwei Monate später am 16. April 1942, wurde er wieder freigelassen. Was er dort erleiden musste, kann mit Sicherheit nicht nachvollzogen werden, da die Geheime Staatspolizeistelle Kassel am 17. März 1942 den Direktor der Landesarbeitsanstalt schriftlich anwies, Julius „[ …] besonders scharf zur Arbeit heranzuziehen“. Am Tag seiner Entlassung ordnete die Geheime Staatspolizeistelle Kassel den Landrat in Fritzlar schriftlich an, Julius ist „[…] bei der nächsten Evakuierung mit abzuschieben“.

Wie sehr Julius zu diesem Zeitpunkt bedingt durch die fast zweimonatige Internierung gesundheitlich geschwächt war, geht aus einem Schreiben des Staatlichen Gesundheitsamtes in Fritzlar vom 28. Mai 1942 an den Bürgermeister in Homberg hervor. Als Fazit formuliert ein Mediziner im Hinblick auf die bevorstehende Deportation von Julius, „[…] daß m. E. ein Abtransport, wenn überhaupt, nur jetzt möglich ist. Wegen des Schwächezustandes wird empfohlen, den Abtransport im Liegen, am besten auf einer Trage vorzunehmen. Transport im Krankenauto ist nicht notwendig. Es genügt ein üblicher Wagen“. (Thomas Schattner)

Quellenverzeichnis:
Unveröffentlichte:
Brief von Margret Grundmann an Thomas Schattner vom 19. Februar 2008,
Personalakte von Julius Heilbronn im Archiv der Gedenkstätte Breitenau,
Hans Schmidt, Judentum in Homberg, maschinenschriftliches Manuskript o.J..

Veröffentlichte:
Hans-Joachim Bauer (Hrsg.), Stadtgeschichte gestaltet und erlebt, Lebensberichte Hornberger Bürger 1916 bis 1982, Homberg/ Efze 1986,
Friedrich Dreytza / Christiane Fäcke, Spuren jüdischen Lebens im Kreis Homberg, Homberg/Efze 2004,
Gedenkstättenrundbrief Nummer 9, Hrsg.: Verein zur Förderung der Gedenkstätte und des Archivs Breitenau e.V., Kassel 1991.



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