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Fahrradklima-Test: Nur leichte Aufhellung in Hessen

Hessen. Zu viel Stagnation und zu wenig Aufbruch, zu viel Mittelmaß und zu wenig Vorbildliches – so das ernüchternde Fazit des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) Hessen zum Abschneiden von 54 hessischen Städten und Gemeinden beim sechsten bundesweiten ADFC-Fahrradklima-Test. Im Herbst 2014 waren Deutschlands Radler aufgerufen, per Internet-Fragebogen verschiedene Aspekte der Fahrradfreundlichkeit ihrer Kommune mit Schulnoten zu bewerten, um deren Stärken und Schwächen hervortreten zu lassen – jetzt liegen die Ergebnisse vor.

Rund die Hälfte der bewerteten hessischen Städte rangiert mit Noten zwischen 3,5 und 4,0 im Mittelfeld des ADFC-Fahrradklimatests. Nur eine einzige Stadt in Hessen erzielt eine bessere Note als 3: Mörfelden-Walldorf ist mit der Note 2,95 Hessens fahrradfreundlichste Stadt und belegt bundesweit Platz 21 in der Kategorie der Städte bis 50.000 Einwohner. Positiv wirkte sich dort die umfassende Fahrradförderung, die Wegweisung für Radfahrer und deren Akzeptanz als Verkehrsteilnehmer aus. Erfreuliche Bewertungen erhielten auch das nordhessische Baunatal (Platz 2 in Hessen mit der Note 3,02) und das südhessische Heusenstamm (Platz 3 in Hessen, Note 3,08).

Über die Landesgrenzen hinaus ragt die Platzierung von Eschborn als bundesweit zweitbester „Aufholer“ bei den Städten bis 50.000 Einwohnern: Seit dem letzten ADFC-Fahrradklimatest vor zwei Jahren verbesserte sich die Stadt deutlich von 4,06 auf 3,42 (+0,64). Für diese Steigerung gibt es klare Gründe: „Eschborn hat Vieles richtig gemacht“, so ADFC-Landesgeschäftsführer Norbert Sanden in seiner Analyse: „Es gibt mit Thomas Ebert einen fahrradfreundlichen Stadtrat und mit Stefan Burger einen engagierten Beauftragten für umweltfreundliche Mobilität. Eschborn öffnete wichtige Einbahnstraßen für den Radverkehr in Gegenrichtung, das Fahrradparken wird verbessert. Seit vielen Jahren arbeitet die Stadt mit dem ADFC in der AG Radverkehr eng zusammen. Dies ist eine ideale Mischung von Erfolgsfaktoren.“

Auch Heppenheim (+0,60) und Schwalbach (+0,53) steigerten sich um jeweils mehr als eine halbe Note. Hier wirken sich vor allem verbesserte Ampelschaltungen positiv aus. Die Universitätsstadt Darmstadt legt um +0,30 Notenpunkte auf 3,50 zu und rückt damit in der Kategorie der Städte mit 100.000 bis 200.000 Einwohnern bundesweit auf Platz sieben vor – eine Verbesserung um sieben Plätze im Vergleich zu 2012.

Frankfurt am Main bleibt mit Platz acht in den Top Ten der Städte über 200.000 Einwohner (2012: Platz 9). Die Note verbessert sich dabei marginal von 3,65 auf 3,61. Bertram Giebeler, verkehrspolitischer Sprecher des ADFC Frankfurt: „Nach dem Aufstieg Frankfurts in die Top Ten des Fahrradklima-Tests 2012 kündigte der Verkehrsdezernent die umfassende Überprüfung der Radweg-Benutzungspflicht und ein weitreichendes Lückenschluss-programm an. Bei der Umsetzung dieser Maßnahmen ist aber bisher herzlich wenig geschehen. Dieses Schneckentempo ist den immer zahlreicher werdenden Radlern in Frankfurt einfach zu langsam!“ Vor vielen Jahren sei Frankfurt wegweisend bei der Öffnung von Einbahnstraßen für den Radverkehr gewesen, „auf diesen Lorbeeren kann sich Frankfurt aber längst nicht mehr ausruhen“, so Giebeler weiter.

Von Lorbeeren ist Wiesbaden weit entfernt. Nachdem die Landeshauptstadt vor zwei Jahren mit der Note 4,55 bundesweit den vorletzten Platz bei Städten über 200.000 Einwohnern einnahm, kommt es nun noch dicker: Während das 2012 letztplatzierte Wuppertal den Radverkehr trotz bergigem Terrain deutlich gefördert hat und sich dadurch 2014 merklich verbesserte (+0,35; Platz 32), stagnierte Wiesbaden exakt auf seiner schlechten Bewertung und wurde damit zum bundesweiten Schlusslicht (Platz 38).

38 hessische Kommunen waren sowohl 2014 als auch 2012 in der Wertung und erlauben damit einen direkten Zweijahresvergleich: Die Durchschnittsnote dieser Städte und Gemeinden hat sich von Note 3,85 auf Note 3,71 geringfügig (+0,14) verbessert. Gut abgeschnitten haben überwiegend Städte, in denen es geeignete Strukturen der Radverkehrsförderung gibt. Dazu gehören ein Radverkehrskonzept, sachkundige Ansprechpartner in der Verwaltung, die Beteiligung an lokalen Radforen und auch der Dialog mit ehrenamtlichen Experten des ADFC.

ADFC-Landesgeschäftsführer Sanden: „Viele Kommunen sehen, dass immer mehr Menschen den Wunsch haben, gut und sicher mit dem Rad unterwegs zu sein. Noch zu wenige wollen aber diesem Trend entsprechen. Eine effektive Radverkehrsförderung braucht das Zusammenwirken von Sachkenntnis, Kommunikation und Finanzen – vor allem aber den politischen Willen. Daran mangelt es aber auf allen Ebenen – von vielen Kommunen bis zum Land. Die Politik kann nicht von Radverkehrsförderung reden, aber die notwendige Neuverteilung von Verkehrsflächen zugunsten von Fußgängern und Radfahrern verhindern. Der Autoverkehr muss auch aus Sicherheitsgründen entschleunigt werden. Attraktive Städte brauchen mehr Radverkehr.“

Als konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der lokalen Fahrradfreundlichkeit nennt der ADFC Hessen die Öffnung von Einbahnstraßen, Aufhebung von Radwegbenutzungspflichten, Einrichtung von Abstellanlagen, eine gute Radwegweisung und aktive Öffentlichkeitsarbeit pro Fahrrad. Dies hat nach Ansicht des ADFC Hessen auch eine direkte Auswirkung auf die Verkehrssicherheit. Landesgeschäftsführer Sanden: „Je attraktiver das Radfahren ist, desto sicherer ist es auch – denn je mehr Radler unterwegs sind, umso aufmerksamer sind Autofahrer. Mehr Radverkehr bedeutet mehr Sicherheit und eine höhere Lebensqualität für alle.“

Der ADFC Hessen vermisst jeglichen Rückenwind für die Kommunen seitens der schwarz-grünen Landesregierung: „In Hessen gibt es weiterhin weder eine konzeptionelle noch eine angemessene finanzielle Radverkehrsförderung durch das Land“, bemängelt Sanden. „Wir arbeiten daran, das zu ändern“, so Sanden weiter. (red)