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Die Pittschellis: Neues Buch von Thomas Schattner

Fotografie der Familie Pittschellis Ende der 1930er Jahre, zu diesem Zeitpunkt war Sohn Ernst SS-Hauptscharführer und Sohn Adolf SS-Obersturmführer. Foto: Archiv Thomas Schattner Homberg. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kamen drei Familienmitglieder der Pittschellis nach und nach nach aus Ostpreußen nach Homberg. Ernst machte den Anfang. Er kam zum Ende des ersten Jahrzehntes des 20. Jahrhundert nach Homberg. Die Pittschellis gründeten hier ihrerseits Familien und bekamen auch in Nordhessen ihre Kinder. Zwischen 1912 und 1920 wurden diese geboren. Die Kinder der Pittschellis erlebten so als Jugendliche beziehungsweise junge Erwachsene die nationalsozialistische Zeit. Aber ihre Biographien hatten Auswirkungen bis in unsere heutige Zeit.

Am 13. Februar 2015 bekam der Autor Thomas Schattner einen Brief einer Anwältin der SOS Kinderdörfer aus München mit einer vollkommen erschreckenden Nachricht. Klaus und Charlotte Brinkmann aus Bad Arolsen lebten nicht mehr. Sie waren am 22. Januar 2015 verstorben, so der Inhalt des Briefes. Des Weiteren ging aus diesem hervor, dass die beiden dem Autor einen Koffer vererbt hatten.

Wenig später kam der Kontakt zum Nachlassverwalter der beiden zustande. Bei Gesprächen und Telefonaten wurde nun schnell deutlich, dass die beiden freiwillig aus dem Leben geschieden waren. Wahrscheinlich spielte Charlottes Familiengeschichte bei diesem Freitod eine tragende Rolle, denn erstens wollte niemand von Klaus und Charlottes Familien an ihrer Beisetzung teilnehmen. Lediglich ihr Nachlassverwalter und der Autor bekundeten daran Interesse. Und als der Autor im Februar den Koffer überreicht bekam und öffnen konnte, sprach der Inhalt Bände. Dieser bestand nämlich zweitens aus der NS-Bibliothek der beiden plus dem Familienarchiv von Charlottes Vorfahren inklusive Stammbücher. Dieses Erbe fasste ich so auf, dass ich über Charlottes Vorfahren publizieren sollte, woraus das neuerschienene Buch entstanden ist. „[…] Der Inhalt ist sperrig, unbequem – er handelt vom Mitmachen und von der persönlichen Schuld während der nationalsozialistischen Herrschaft“, so Johannes Grötecke in seinem Vorwort.

Aus dem geerbten Archivalien von Klaus und Charlotte Brinkmann, die bis Anfang des Jahres in Bad Arolsen lebten (sie hatten aus ganz verschiedenen Archiven Material über Charlottes Vorfahren gesammelt, so aus dem Bundesarchiv, dem ehemaligen Berlin Document Center, dem Bad Arolser Stadtarchiv, etc.) konnten drei Biographien detailliert erarbeitet werden. Das sind die Biographien von Ernst Senior (Charlottes Großvater) und seinen Söhnen Ernst Junior (Charlottes Vater) und Adolf (Charlottes Onkel). Diese drei arrangierten sich nicht nur mit den Nationalsozialisten, sondern sie waren hochgradig darin verstrickt. So machten beide Söhne große Karrieren bei der SS. So ließen Ernst Senior und Adolf ihr Leben am Ende des Zweite Weltkriegs als überzeugte Nationalsozialisten.

Ergänzend wurde die Biographie von Ruth Pittschellis (Charlottes Tante), einer Cousine von Ernst Junior und Adolf hinzugefügt. Diese Biographie zeigt, dass sich auch Mitglieder der Familie Pittschellis bei aller Sympathie für den Nationalsozialismus diesem immer wieder ein gutes Stück entziehen konnten.

Das Buch wirft Fragen auf, gibt aber auch Antworten. Zu den Fragen noch einmal Johannes Grötecke aus Bad Wildungen: „Das Beispiel der Familie Pittschellis zeigt Chancen und Grenzen dieser historischen Aufarbeitung. Erst sie ermöglicht ein Verständnis für Strukturen der Macht, für die Anziehungskraft der NS-Ideologie, für die Bereitschaft zur Selbstaufgabe in einem mörderischen System. Infolge Thomas Schattners Recherchen stellen sich viele, wichtige Fragen: Warum engagieren sich die Männer Pittschellis bereits Mitte der 1920er Jahre für eine lokale Splitterpartei namens NSDAP? Warum melden sie sich sogar freiwillig zur SS und nehmen teil etwa am Vernichtungskrieg in der Sowjetunion oder am Dienst im KZ Buchenwald? Warum verschweigen sie nach dem Krieg ihre persönliche Schuld, und warum lässt die Gesellschaft sie einfach so gewähren (hier: Ernst Pittschellis und die Bürger Arolsens)? Warum laufen auch und gerade Angehörige der Mittelschicht zu den Nazis über (die Pittschellis waren Handwerker und kirchlich sozialisiert)? Und warum sind auch politisch eher distanzierte Menschen so „begeisterte Hitler-Anhänger“, dass sie selbst nach Kriegsende den Befreiern noch eher skeptisch gegenüberstehen (wie Ruth Pittschellis)?

Die – teils unbequemen – Antworten auf solche Fragen verweisen letztlich auch auf uns selbst: Wären auch wir damals gefolgt? Und sind wir heute wirklich gefeit vor solch bösen Anziehungskräften?“ Und weiter schreibt der Historiker aus Bad Wildungen: „Wie wichtig das Reden über die NS-Zeit auch viele Jahrzehnte ‚danach‘ ist, wie sehr das Öffnen des Koffers Not tut, zeigt auch das Beispiel von Klaus und Charlotte Brinkmann. Denn Nachfahren der Tätergeneration sind oft voller Schuldgefühle, seelisch belastet, traumatisiert, weil über Ursachen und Ausmaß der Schuld ihrer Väter geschwiegen wurde. Dieses Buch ist ein kleiner Baustein, den Koffer zu öffnen, das Schweigen zu brechen und daraus Lehren zu ziehen für die Gegenwart. Damit war – trotz ihres frühzeitigen Todes – die (Vor-) Arbeit der Brinkmanns nicht umsonst.“

Das 188 Seiten starke und reich bebilderte Buch ist bei Amazon erschienen und kostet 8,99 Euro. Es kann auch in der Buchhandlung Mönch in Homberg erworben werden. (Thomas Schattner)



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