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Online-Zeitung für den Schwalm-Eder-Kreis | 12. Jahrgang | redaktion@seknews.de | www.seknews.de | täglich neu | Preis: 0,00 Euro

Würde und Selbstbestimmung im Blick

Stephan Kuntz, Dorothea Böcher-Burkart, Frederik Vahle, Michaela Wegener, Prof. Dr. Imke Niediek, Doris Albert und Dr. Martin Sander-Gaiser (v.l.). Foto: nh

Stephan Kuntz, Dorothea Böcher-Burkart, Frederik Vahle, Michaela Wegener, Prof. Dr. Imke Niediek, Doris Albert und Dr. Martin Sander-Gaiser (v.l.). Foto: nh

Schwalmstadt. „Halt! Handeln im gesellschaftlichen Umbruch“, so lautete das Thema des Heilpädagogik-Fachtags am vergangenen Montag in der Hephata-Kirche. Knapp 80 Fachkräfte aus ganz Deutschland waren zu der Tagung gekommen, der in Regie der Fachschule für Heilpädagogik an der Hephata-Akademie für soziale Berufe veranstaltet wurde. Heilpädagogen arbeiten mit Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen zusammen.

Dem Tagungsthema näherten sich Grußwortredner, Referenten und Gäste aus verschiedenen Blickwinkeln. Die Moderatorin der Veranstaltung, Diplom-Psychologin und Fachbereichssprecherin Michaela Wegener von der Hephata-Akademie, kennzeichnete den gesellschaftlichen Umbruch durch Beschleunigungsprozesse, die auch vor der Gestaltung heilpädagogischer Beziehungen nicht Halt machten. Die Fachschule für Heilpädagogik an der Hephata-Akademie stelle sich als Lernort dieser Herausforderung – mittlerweile seit 30 Jahren. Dr. Martin Sander-Gaiser, Leiter der Hephata-Akademie für soziale Berufe, beleuchtete den theologischen Aspekt des Themas. Er bezog sich unter anderem auf Psalm 145, Vers 14: „Wer keinen Halt mehr hat, den hält der Herr; und wer schon am Boden liegt, den richtet er wieder auf.“ Doris Albert, stellvertretende Geschäftsführerin des Berufs- und Fachverbands Heilpädagogik, stellte die sozialpolitischen Aspekte des gesellschaftlichen Umbruchs heraus. Dieser sei geprägt von demografischem Wandel, Fachkräftemangel, gesetzlichen Änderungen wie dem angestrebten Bundesteilhabegesetz, Behindertenrechtskonvention und Flüchtlingsthematik.

Referentin Prof. Dr. Imke Niediek, Erziehungswissenschaftlerin und Soziologin sowie Vorsitzende der Gesellschaft für Unterstützte Kommunikation, wagte mit ihrem Vortrag: „Beschleunigen, Entschleunigen, Innehalten – schwere Behinderung und pädagogisches Handeln einer beschleunigten Gesellschaft“ einen soziologischen Ausblick auf das Thema. Dabei unterschied sie vor allem die technologische und die soziale Beschleunigung, die einander bedingten und verstärkten. Der Mensch selbst, aber auch einzelne Bereiche seines Handelns, beispielsweise seine Kommunikation, könnten in immer kürzerer Zeit immer mehr Raum überwinden. Wechsel und Veränderung seien an der Tagesordnung und liefen einer Erwartungssicherheit von Stabilität und Handlungsbestimmung entgegen. Die Steigerung der Handlungs- und  Erlebnisepisoden pro Zeiteinheit führe zu einem zunehmenden Zeitdruck, sowohl im Privat- als auch Berufsleben, so Niediek. Mögliche Umgangsformen damit könnten sein, schneller zu reden, zu arbeiten und zu lernen. Pausen weiter zu reduzieren, Lücken zu füllen und langsame Prozesse durch schnellere zu ersetzen. Aber: „Gerade Menschen mit Behinderungen tragen oftmals ihre eigene Zeit in sich“, so Niediek. So könne es nicht die Lösung sein, beispielsweise das Essenanreichen durch eine zeitsparende Sondenernährung zu ersetzen. „Das würde die Würde und die Selbstbestimmung unserer Klienten gefährden.“ Stattdessen plädierte Imke Niediek für kurze, intensive Begegnungen, das Zulassen von Leerräumen, Morgenrituale und wiederkehrende Rhythmen anstelle einer reinen Pädagogik der Erlebnisse.

Diplom-Pädagoge und Sprachheilpädagoge Stephan Kuntz näherte sich dem Thema des Fachtags in seinem Vortrag „Halt in Bewegung. Safe Place in Sprache, Psychomotorik, Musik und Poesie.“ Unterstützt wurde er dabei von Musiker und Soziolinguist Frederik Vahle. Kuntz bezeichnete den Safe Place als „inneren Dialograum“, der ein bewegender Ort der Entstehung von Selbstwirksamkeit und Sprache sei, „ein symbolisch, seelischer Schutzraum“. Dieser entstehe aus einem Schatz an inneren Bildern und Erlebnissen und verbinde mit „einem erinnernden Vorausahnen zukünftiger Handlungen“ Vergangenheit und Zukunft, also Erfahrungen mit zu erwartenden Wirkungen. Schon ein Kind erlebe sich so als Verursacher von Handlungen und Selbstwirksamkeit. Diesem Aspekt folgend, seien Entwicklungsprozesse in Bewegung, Kommunikation, Sprache und Musik sowie die Entstehung eines inneren und äußeren Halts möglich zu fördern. Als wichtige Förderfaktoren für einen inneren Halt nannte Kuntz eine sichere Beziehungsbasis, eine gute Selbstwertschätzung, den Aufbau innerer Dialogräume und das Gefühl der Selbstwirksamkeit. Die Impulse der Vorträge und Grußworte vertieften die Teilnehmenden am Nachmittag der Tagung in verschiedenen Workshops. (me)



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