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Geerken: Lernen, mit Tiefschlägen umzugehen und wieder aufzustehen

Axel Geerken. Foto: Hartung

Axel Geerken. Foto: Hartung

Melsungen. Nach dem Höhenflug in der Saison 2015/16, in der mit Platz vier und der erneuten EHF-Cup-Qualifikation das beste Ergebnis der 90-jährigen Clubgeschichte erreicht wurde, ist Handball Bundesligist MT Melsungen ohne Vorwarnung hart auf den Boden der Realität geknallt. Nach sieben Spieltagen in der laufenden Meisterschaftsrunde lautet die Zwischenbilanz: 4:10 Punkte, Platz 16, der erste von drei Abstiegsplätzen! Wie konnte es dazu kommen? Wo doch bis auf wenige Ausnahmen die gleiche Mannschaft auf dem Feld steht, die noch bis vor vier Monaten die drei Top-Clubs der Liga vor sich hertrieb? Die sich mit Flensburg, Kiel und den späteren Deutschen Meister auf Augenhöhe duellierte und all drei sogar jeweils einmal schlagen konnte. Und nun, in der noch jungen neuen Saison, scheinen alle Attribute, die das Team von Michael Roth zuvor auszeichneten, quasi über Nacht abhanden gekommen zu sein. Doch warum? Wie konnte das passieren? Hat das niemand kommen sehen?

Die Antwort auf die letzte Frage lautet schlichtweg: Nein! Die Vorbereitung lief wegen dreier Verletzter zwar nicht ganz nach Plan, aber sportlich doch mit der von Trainer Roth angestrebten Entwicklung. Die Mannschaft steigerte sich von Turnier zu Turnier und war nach den rund sechs Wochen gut für die Saison präpariert. Das bestätigte sie dann auch sogleich mit einem mühelosen Weiterkommen in der ersten Runde des DHB-Pokals mit den Siegen über die Zweitligisten Leutershausen und Neuhausen. Nur eine Woche später gab es ein böses Erwachen in Form einer Heimniederlage gegen Aufsteiger Coburg. Das hätte ein Warnschuss vor den Bug sein können, war es aber nicht. Denn sechs Tage danach, in Erlangen, gegen einen weiteren Aufsteiger, zeigte die Mannschaft das gleiche Bild und fast das gleiche Ergebnis. Der Fehlstart war perfekt.

Dass man dann beim dritten Saisonspiel, in dem Fall gegen den amtierenden Deutschen Meister, nur krasser Aussenseiter sein würde, war klar. Die Rotweißen zeigten gegen die Rhein-Neckar Löwen Biss und alte Tugenden, eine Überraschung indes wollte nicht gelingen. Der Knoten platzte dann mit dem Heimsieg über Gummersbach. Doch der Spielplan war unbarmherzig, sah anschließend das Match bei Titelkandidat Flensburg/Handewitt vor. Auch wenn diese Partie letzendlich verdient an die Hausherren ging, waren im Spiel der MT immer wieder Lichtblicke zu sehen, die Hoffnung machten, dass sich die Mannschaft recht bald stabilisieren würde. Diese Hoffnung wurde genährt durch das folgende 31:27 über Frisch Auf Göppingen. Die Fans quittierten diesen mitreissenden Heimauftritt nach dem Schlusspfiff mit minutenlangen standing ovations. Die MT, so schien es, war endlich wieder in der Spur. Umso jäher war dann der Rückschlag beim 20:23 in Leipzig, den Gegner, den man noch in der vergangenene Saison zweimal ganz deutlich in die Schranken gewiesen hatte. Und nun also Platz 16, meilenweit vom ursprünglichen Saisonziel entfernt, nämlich das gute Abschneiden vom letzten Spieljahr bestätigen zu wollen.

Ob die Ziele neu definiert werden müssen, was die möglichen Ursachen der Krise sind und welche Wege wieder aus ihr herausführen sollen, sind die Fragen, denen sich MT-Vorstand Axel Geerken im Interview mit der Redaktion des MT-Bundesligamagazins stellt.

Die Fans sind irritiert beim Blick auf die aktuelle Tabelle, erkennen bisweilen ihre Mannschaft nicht wieder. Wie bewertet denn die Clubführung die derzeitige Lage?

Geerken: Die Eindrücke und Gefühle der Fans sind sehr gut nachvollziehbar. Die Situation ist ja auch deshalb nur schwer zu fassen, weil jeder, der die MT verfolgt, noch die Bilder von der glanzvollen vergangenen Saison im Kopf hat. Und die lassen sich mit dem aktuellen Geschehen nicht in Einklang bringen. Wir können und wir wollen hier auch gar nichts beschönigen. Die Fakten, also die bisherigen Ergebnisse und der Tabellenstand, sprechen eine deutliche Sprache.

Muss denn schon jetzt, nach nur sieben Spieltagen, das Saisonziel neu definiert werden?

Geerken: Nach der positiven Entwicklung der Mannschaft und dem sehr guten Abschneiden in der vergangenen Saison wäre es zunächst unverständlich gewesen, als neue Zielsetzung ‘einen Platz im Mittelfeld’ auszugeben. Für den Verein, die Trainer und die Mannschaft war klar: Dieses tolle Ergebnis wollen wir mit einer weiteren erfolgreichen Saison möglichst bestätigen! Derzeit sieht es nicht danach aus, dass uns dies gelingt. Aber wir denken wir jetzt nicht über Ziele nach, die wir am Ende dieser Saison erreicht haben wollen. Wir setzen uns zunächst mit den Realitäten auseinander. Das ständige Zurückdenken an eine bessere Zeit oder auch die Überlegung ‘was wäre wenn’ hilft uns nicht weiter. Die Wahrheit liegt nun einmal auf dem Platz.

Wo die MT in diesen ersten Wochen der neuen Saison mehrheitlich nicht überzeugt hat. Was sind die Gründe?

Geerken: Eine solche Situation ist nicht einfach zu analysieren. Natürlich betreiben wir Ursachenforschung. Das Management, die Trainer, die Mannschaft – sowohl in diesen jeweiligen Gruppen wie auch gemeinsam. Eine mögliche Erklärung, die auch menschlich nachvollziehbar ist, lautet: Durch den Erfolg in der vergangenen Saison sind automatisch die Erwartungen auf allen Ebenen gestiegen. Was auch nicht verwundert. Der Verein will mehr, die Fans wollen mehr und die Mannschaft sowieso. Wenn es dann aber auf dem Spielfeld nicht rund läuft, macht sich schnell eine gewisse Enttäuschung breit. Denn Anspruch und Wirklichkeit klaffen auseinander. Zuallererst natürlich bei den Spielern selbst. Die müssen plötzlich feststellen, dass sie ihren eigenen Erwartungen hinterherlaufen. Das führt zwangsläufig zur Verunsicherung, die sich weiter aufschaukelt, je öfter der gewünschte Erfolg ausbleibt. Die Folge: Man ist als Spieler nicht nur mit seiner eigenen Leistung unzufrieden, sondern entdeckt plötzlich auch vermeintliche Fehler beim Mitspieler. Und zwar solche, die bei erfolgreichen Spielen zwar auch vorkommen aber da nicht ins Gewicht fallen. Einfachste Pässe kommen nicht an, Torwürfe werden nicht genügend vorbereitet, die Abstimmung funktioniert nicht richtig, die vorgegebene Marschroute wird verlassen, usw. Man fragt sich als Aussenstehender, warum so etwas bei Profisportlern überhaupt vorkommt. Aber hier sind eben auch nur Menschen und keine Roboter am Werk.

Was sind die Schlussfolgerungen daraus?

Geerken: Bei der Analyse, warum es auf dem Platz nicht läuft, muss man zum Beispiel unterscheiden, ob die Fehler aus Verunsicherung passieren oder aus Undiszipliniertheit. In beiden Fällen können in erster Linie die Trainer steuernd eingreifen. Etwa, indem sie dem verunsicherten Spieler Vertrauen schenken, ihm durchaus auch mal Fehler zugestehen ohne sofort ausgewechselt zu werden. Wer sich hingegen nicht an die Marschroute hält, sich egozentrisch statt mannschaftsdienlich verhält, muss mit entsprechend deutlichen Hinweisen oder gar Maßnahmen rechnen. Wir sehen das bei der MT insgesamt aber eher teamorientiert. Das heißt, eine Mannschaft gewinnt zusammen und verliert auch zusammen. Wenn es ein Tief gibt, ist nie einer allein dafür verantwortlich. Also muss sich die Mannschaft unter gemeinsamer Anstrengung auch wieder dort heraus arbeiten.

Welche Maßnahmen werden dazu ergriffen?

Geerken: Zunächst einmal hat die Clubführung der Mannschaft sehr deutlich gemacht, welchen Status sie im Verein genießt und wie jeder einzelne hier behandelt und auch belohnt wird. Denn Spieler können sich  bei uns voll und ganz auf das Training und den Wettkampf konzentrieren, weil ansonsten alle anderen Dinge für sie geregelt werden. Aus anderen Vereinen weiß ich, dass wir uns in puncto Service rund um die Mannschaft vor keinem Championsleague-Club mehr verstecken brauchen. Daraus erwächst natürlich eine entsprechende Erwartung an die Mannschaft. Wer also quasi ein Rundum-Sorglos-Paket genießen will, muss mit Leistung und Einstellung zeigen, was ihm dieses wert ist. Ansonsten wird der Club hier Einschränkungen vornehmen müssen. Den sportlichen Teil betreffend, wird Michael Roth die Zügel auch im Training weiter anziehen. Es wird für die Mannschaft jetzt zum Beispiel schwerer, sich freie Tage zu verdienen. Als Clubführung ist es unsere Aufgabe, wachzurütteln, wenn wir der Meinung sind, dass  – wie in diesem Fall – die sportliche Malaise mit einer anderen Einstellung und einem anderen Auftreten seitens der Mannschaft  durchaus vermeidbar gewesen wäre.

Es scheint also hinter den Kulissen der MT einiges in Aufruhr geraten zu sein, oder?

Geerken: Nein, ganz und gar nicht. Wir gehen nach wie vor sehr sachlich und mit Augenmaß an unsere Aufgaben heran. Im Sport ist nun einmal nicht alles bis ins Detail planbar. Wir haben schon in der letzten Saison – gerade angesichts unseres Höhenfluges – immer wieder angemerkt, dass es auch Rückschritte geben kann. Damit mussten wir nach dem Erreichen des vierten Platzes zwar nicht mit dieser  Deutlichkeit rechnen, aber so gänzlich neu sind solche Situationen gerade im Spitzensport ja nicht. Insofern verfallen wir jetzt angesichts des Tabellenstandes nicht in Panik. Zumal wir in den früheren Jahren bewiesen haben, dass es sich auch bei Unvorhergesehenem auszahlt, die Ruhe zu bewahren. Tendenziell geht es seit fünf, sechs Jahren für die MT immer nur bergauf. Da wirft uns diese Momentaufnahme nicht aus der Bahn. Entscheidend ist doch, dass man als Sportler lernt, mit Tiefschlägen umzugehen und danach wieder aufzustehen. Ich bin mir sicher, so sehen das alle, die Spitzensport verstanden haben. Wir sind davon überzeugt, dass unsere Mannschaft sehr bald wieder zu ihrer Form finden und den Fans noch viel Freude bereiten wird. Dazu wollen wir die nächste Gelegenheit nutzen und am Sonntag möglichst beide Punkte gegen Stuttgart holen.

(Bernd Kaiser)



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