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Online-Zeitung für den Schwalm-Eder-Kreis | 13. Jahrgang | redaktion@seknews.de | www.seknews.de | täglich neu | Preis: 0,00 Euro

Fehldiagnose Alzheimer – Irren ist ärztlich

Herbert Schäfer (85) am Grab seiner Ehefrau Charlotte, die vor zehn Jahren von ihm ging. Foto: Schmidtkunz
Herbert Schäfer (85) am Grab seiner Ehefrau Charlotte, die vor zehn Jahren von ihm ging. Foto: Schmidtkunz

Spangenberg. Journalist Herbert Schäfer – einst bei ZDF Frontal – will es noch einmal wissen: Er schreibt ein investigatives Buch, „das die Leute vor dem Alzheimer-Schwindel warnen soll“.

Stich ins Hornissen-Nest

Vor zwei, drei Tagen hatte der 85-Jährige in der Redaktion der SEK-News angerufen. Direkt über dem Balkon seines Hauses in Spangenberg nisten Hornissen, hat er gesagt. Eine typische Geschichte für lokale Medien. Ist ja auch für andere Leute interessant, deren Erker-Ecken oder Balkondächer von den streng naturgeschützen Hautflüglern aus der Familie der Faltenwespen heimgesucht werden. Denn wenn man versehentlich ins Hornissen-Nest sticht …

Drei seiner Presseausweise belegen Herbert Schäfers publizistisches Wirken in früheren Jahrzehnten. Unter anderem arbeitete er als Redakteur beim ZDF-Magazin Frontal. Foto: Schmidtkunz
Drei seiner Presseausweise belegen Herbert Schäfers publizistisches Wirken in früheren Jahrzehnten. Unter anderem arbeitete er als Redakteur beim ZDF-Magazin Frontal. Foto: Schmidtkunz

Irren ist ärztlich

Beim Treffen in seinem abgelegenen Haus am Spangenberger Waldesrand wechselt Herbert Schäfer aber dann ohne Umschweife das Thema. „Danke, dass Sie gekommen sind“, grüßt er lächelnd, „ich will Ihnen etwas über mein neues Buch erzählen: ‚Fehldiagnose Alzheimer – Irren ist ärztlich‘“.

Üblicherweise wäre das der Moment gewesen, auf dem Absatz kehrt zu machen. Doch ein paar geschickt platzierte Presseausweise lassen innehalten. Auf einer Pressekarte steht immerhin „ZDF“ und „Frontal“. Der Mann hat in seiner Glanzzeit offenbar investigativ fürs Fernsehen gearbeitet. Warum also nicht einem alten Berufskollegen am Sonntagnachmittag mal ein Stündchen opfern?

Brisanter Enthüllungsjournalismus

Herbert Schäfer (85) hat als Journalist und Autor die investigative Recherche nie gescheut; nicht einmal in der eigenen Familie. Foto: Schmidtkunz
Herbert Schäfer (85) hat als Journalist und Autor die investigative Recherche nie gescheut; nicht einmal in der eigenen Familie. Foto: Schmidtkunz

Und erzählen kann Schäfer immer noch. Er kennt eine Menge Geschichten. Gut zwei Dutzend Bücher hat er geschrieben. Manch Titel schreit nach Verschwörungstheorie, mancher verbreitet den Hauch von Reiseabenteuer, und alle tragen die Handschrift eines hartnäckigen Rechercheurs. „Zeitbombe Wasser“, „Ringfahndung“, „Tatort Lebensmittelmarkt“ oder „Gepanscht, verbraten und verkauft“ – der Duktus der Taschenbuch-Titel riecht nach Methode Wallraff. Prompt kommt der unvermeidliche Hinweis: „Am Telefon konnte ich nichts sagen. Zu gefährlich!“

Da ist sie also, diese milde Paranoia, die den Berufsstand der Enthüllungsjournalisten prägt. Schäfer fühlt sich wegen seinem aktuellem Buchprojekt durch Pharma-Konzerne und von einer korrupten Ärzteschaft bedroht. Seine Quellen kann er jetzt noch nicht nennen. „Zu gefährlich!“

Medizin und Wirtschaftskriminalität

Schließlich muss aber doch Butter bei die Fische. „Alzheimer gibt es nicht“, postluliert Schäfer. Er könne das beurteilen, weil er selbst in Marburg Allgemeinmedizin studiert habe – „sechs Semester, ohne Physikum“ – und weil er von 1971 bis 1997 in Mainz für das ZDF häufig Medizin-Themen und Wirtschaftskriminalität recherchiert habe.

Anlass für Schäfers zehnjährigen Erhebungen zum Thema Alzheimer war seine Ehefrau Charlotte. Sie war eine ausgebildete Medizinisch Technische Assistentin (MTA), die eines Tages die Diagnose Alzheimer bekam. Ein Schock für die Familie. Auf der Suche nach Hilfe gegen diese wohl schwerste Form der Demenz sind die Schäfers durch ganz Deutschland gereist. Bei einem Arzt am Bodensee erfuhren sie, dass die Frau gar nicht an Alzheimer leidet. Ein Gehirntumor im Gedächtniszentrum hatte bei ihr demenzartige Symptome ausgelöst. „2009 ist Charlotte Zuhause gestorben“, bedauert Schäfer. Der Tumor sei durch eine Obduktion bestätigt worden.

Herbert Schäfer (85) will mit „Fehldiagnose Alzheimer“ eine falsch liegende Ärzte- und Pharma-Lobby anprangern. Foto: Schmidtkunz
Herbert Schäfer (85) will mit „Fehldiagnose Alzheimer“ eine falsch liegende Ärzte- und Pharma-Lobby anprangern. Foto: Schmidtkunz

Das gibt Ärger mit der Familie

„Dem gehe ich nach“, schwor sich Herbert Schäfer. Dass seine Frau sterben musste, weil womoglich korrupte Doktoren mehr an Boni aus der Industrie interessiert waren, als an der Heilung ihrer Patientin – das wollte der Journalist auf jeden Fall aufdecken. Jetzt ist er so weit, schreibt nach eigenen Worten in den kommenden drei bis vier Wochen die letzten Zeilen unter dem Arbeitstitel „Fehldiagnose Alzheimer“. Seine Töchter – eine ist Ärztin, eine arbeitet in einem Altenzentrum – haben ihm von dieser Recherche abgeraten. Autor Schäfer bleibt indes stur: „Mit meiner Familie werde ich viel Ärger bekommen.“ Wenn es der Wahrheitsfindung dient, dürfe man eben keine privaten Ressentiments haben.

1,7 Millionen Menschen mit Demenz

Was er allerdings noch braucht, ist ein Verleger, der die knallhart seriöse Arbeit schätzt und der auch dem Autor kritisch gegenüber tritt. Fakten spielen dabei eine große Rolle. Schäfer kennt sie. Es gibt in Deutschland 1,7 Millionen Demenzkranke. Bis zu 1,5 Millionen (pflege.de spricht von 1,1 Millionen) davon leiden an Alzheimer, was Schäfer jedoch nicht glaubt. „Dahinter steckt ein Riesengeschäft für die Pharma-Industrie“, ist sich der Spangenberger Publizist sicher. „Diese Ärzte-Geschichte kann ich nicht mit ins Grab nehmen!“ schwört sich Schäfer auf seinen journalistischen Endspurt ein. „Das bin ich meiner Charlotte doch schuldig.“

Machen Pillen Menschen krank?

Mit seiner ablehnend kritischen Haltung gegenüber der Alzheimer-Diagnose steht Herbert Schäfer nicht allein. Schon am 17. Oktober 2011 interviewte Welt Online eine Hamburger Biologin und Buchautorin zum Thema. Das Magazin aus dem Hause Axel Springer erfuhr im Gespräch mit Cornelia Stolze, „es gibt mehr als 130 Medikamente, von denen man weiß, dass sie demenzähnliche Symptome hervorrufen können“. Biologin Stolze nennt als Beispiele Schmerzmittel, Psychopharmaka, Antiepileptika, bestimmte Antibiotika sowie Herzmittel. Stolzes Buch ist bei Kiepenheuser & Witsch erschienen, Titel: »Vergiss Alzheimer: Die Wahrheit über eine Krankheit, die keine ist«.

Viele Pillen können Symptome auslösen, die Alzheimer ähneln, meint Biologin Cornelia Stolze im Welt-Interview. Foto: Steve Buissinne | Pixabay
Viele Pillen können Symptome auslösen, die Alzheimer ähneln, meint Biologin Cornelia Stolze im Welt-Interview. Foto: Steve Buissinne | Pixabay

Checkliste der Alzheimer Gesellschaft

Nach einer Checkliste der amerikanischen Alzheimer Gesellschaft („Alzheimer’s Association“) gibt es zehn Punkte, anhand derer man Alzheimer erkennen können soll:

• 1) Vergesslichkeit, die das Alltagsleben beeinträchtigt. Beispiel: Das Kurzzeitgedächtnis geht verloren, der Betroffene kann sich nicht an kurz zurückliegende Ereignisse erinnern.
• 2) Schwierigkeiten bei der Planung von Alltagstätigkeiten und der Problemlösung. Der Betroffene kann bspw. nicht mehr nach Rezept kochen.
• 3) Schwierigkeiten bei gewohnten Tätigkeiten zu Hause, im Büro oder in der Freizeit. Beispiel: Der Betroffene findet den Weg zum Supermarkt nicht mehr, obwohl er diesen eigentlich seit Jahren kennt.
• 4) Probleme bei der zeitlichen und örtlichen Orientierung. Beispiel: Alzheimer-Patienten haben Schwierigkeiten mit der Uhrzeit, der Jahreszeit oder der zeitlichen Einordnung wie gestern, heute oder morgen.
• 5) Schwierigkeiten mit Bildern und räumlicher Wahrnehmung. Beispiel: Entfernungen werden nicht mehr richtig eingeschätzt und auch das Lesen fällt schwer.
• 6) Sprachprobleme. Beispiel: Betroffenen fällt das richtige Wort nicht ein oder Dinge werden anders benannt wie bspw. „Hand-Uhr“ statt „Armbanduhr“.
• 7) Verlegen von Gegenständen und das Wiederauffinden an eher ungewöhnlichen Orten. Beispiel: Wenn Betroffene den Haustürschlüssel im Kühlschrank oder der Spülmaschine aufbewahren.
• 8) Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen. Das kann auch der Fall sein, wenn Betroffene ihre Körperpflege oder Kleidung vernachlässigen.
• 9) Rückzug aus dem sozialen Leben. Betroffene ziehen sich immer mehr aus dem sozialen Leben zurück, wenn sie merken, dass sie mit den anderen nicht mehr mithalten können und weil sie fürchten, unangenehm aufzufallen.
• 10) Veränderung der Stimmung und der Persönlichkeit. Je nach Veranlagung können z. B. Verwirrtheit, Depressionen, Ängste oder Misstrauen auftreten – auch in gewohnten Situationen mit vertrauten Menschen.

Anlaufstelle im Schwalm-Eder-Kreis:

Im Falle persönlicher Zweifel sollte jeder den Arzt oder die Ärztin seines Vertrauens aufsuchen. Informationen über Demenz oder Alzheimer gibt es auch bei der Alzheimer Gesellschaft Schwalm-Eder e.V., Kasseler Str. 80, 34212 Melsungen. Ansprechpartner dort ist Dr. Jens Zemke, Chefarzt für Altersmedizin, Tel.: 05661 777-0.

(von Gerald Schmidtkunz)



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