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Nachbarn wurden zu Feinden

Freuen sich trotz des traurigen Themas über den Erfolg und das Interesse an dem neuen Buch über Erinnerungen an jüdisches Leben in Obervorschütz: Autor Dr. Dieter Vaupel und die Studentin Alida Scheibli, die die Lesung auch musikalisch begleitete. Foto: Manfred Schaake

Ober-/Niedervorschütz. Mit einer szenischen Lesung in der Scheune neben seinem Wohnhaus in Obervorschütz haben Autor Dr. Dieter Vaupel und Alida Scheibli das neue Buch „Wir lebten friedlich mit allen Nachbarn … – Erinnerungen an jüdisches Leben in Obervorschütz“ vorgestellt.

Lesungen in Scheune und Synagoge

Scheibli lebt in Niedervorschütz und studiert Germanistik und Soziologie. Sie besuchte die Drei-Burgen-Schule in Felsberg, deren Leiter Vaupel fast 20 Jahre war.

Da der Platz in der Scheune begrenzt ist, wird es wegen des großen Interesses eine weitere Lesung am 9. November in der Synagoge Gudensberg geben. Und auch in der Felsberger Synagoge, die im Herbst nach Wiederherstellung des alten Zustandes eingeweiht wird, plant Vaupel eine Lesung.

In den Rollen von Adler und Plaut

Die Premiere in Obervorschütz weckte bei Bürgern Erinnerungen an das ehemalige jüdische Leben. Obervorschützer berichteten über Gespräche mit Angehörigen der ehemaligen jüdischen Familie Adler, die den Ort in den vergangenen Jahren besuchten. Es gab Lob und Anerkennung für die Arbeit Vaupels. Er schlüpfte bei der Buchvorstellung in die Rolle von Hermann Adler, Alida Scheibli zitierte Johanna Plaut.

Der Gastwirt Adler heiratete 1920 Recha Plaut, Johanna war ihre Tochter. Seit Generationen war die Familie Plaut – Recha Adlers Vorfahren – in Obervorschütz ansässig. Ihr Vater Isaak Plaut war Gastwirt, ebenso wie dessen Vater Seligmann Plaut. Der hatte 1877 das Haus an der heutigen Hauptstraße 3 gekauft. Vaupel: „Er besaß den Mut, dort ein Gasthaus zu eröffnen.“

Leiden im Alltag

1933 war dies alles vorbei, hat Vaupel dokumentiert: „Nachbarn wurden zu Feinden, zu Akteuren, zu Tätern, die ihnen das Leben schwer machten. Demütigungen, Missachtungen, Diskriminierungen und Ausgrenzungen, unter denen alle litten, gehörten nun zum Alltag für die Familie, ganz besonders für die noch minderjährigen Kinder. Aber – und das ist ein Hoffnungszeichen bis heute – nicht alle machten mit.“ Es gab einige, so der Autor, die menschlich blieben in einem unmenschlichen System – auch, wenn sie dies nicht offen zeigen durften.

Hermann Adler: „Als Adolf Hitler am 30. Januar 1933 an die Macht kam, stand auch das kleine Dorf Obervorschütz kopf.“ Eine SA-Gruppe hatte sich gegründet, „an der Spitze standen der von seinen Parteigenossen neu eingesetzte Bürgermeister Konrad Scherb und der NSDAP-Ortsgruppenleiter Adam Heideloff. Sie gingen beide für ihre Partei durchs Feuer.“

Scherb verbreitet Angst und Schrecken

Am 1. April 1933 wurde zum reichsweiten Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen, hat Adler festgehalten. Das betraf auch Adlers Gastwirtschaft und den Kolonialwarenhandel. Die Parole „Kauft nicht beim Juden“ habe anfangs viele Stammgäste nicht abgeschreckt: „Am Ende wagten es nur noch wenige, unser Haus zu betreten. Scherb versetzte das Dorf in Angst und Schrecken.“ 1938 musste die Gaststätte endgültig schließen.

Im Buch wird beschrieben, wie jüdische Kinder vom Lehrer, „ein erklärter Antisemit und Anhänger der Nazipartei“ beschimpft wurden. Dokumentiert ist, dass in Gudensberg seit dem Frühjahr 1938 „kein einziger der ehemals über 100 Juden mehr wohnte, alle hatten die Stadt fluchtartig verlassen, nachdem es immer wieder Übergriffe gegeben hatte“.

Scheibli und Vaupel präsentieren die ins Buch gefassten Recherchen. Foto: Schaake

Schlimmer Übergriffe

Hermann Adler schildert den Abend des 9. November. Aus einem undefinierbaren Stimmengewirr an der Tür sei gerufen worden: „Aufmachen Judenbande, sonst schlagen wir die Türe ein.“ Als man geöffnet habe, sei aus der Reihe der Männer mit Fackeln und SA-Uniformen gerufen worden: „Da ist ja der Judenstinker.“ Er habe bereits gewusst, dass es zuvor schon in Kassel, Felsberg, Guxhagen und anderen Orten schlimme Übergriffe auf jüdische Häuser und ihre Bewohner gegeben habe.

„Jetzt trinken wir erstmal ein Bier“

In der Obervorschützer Wohnung schmissen die Eindringlinge alles, was in den Schränken stand, auf den Fußboden. Adlers Frau, so ist dokumentiert, sagte, „Bitte, bitte, hört doch auf damit, wir tun Euch doch nichts“. Einer der Männer habe gebrüllt: „Maul halten, Judenweib. Verschwindet endlich von hier, wir haben euch lange genug ertragen.“ Geschirr, Bücher, Regale und Stühle wurden durchs Küchenfenster auf die Straße geworfen. Einer der früheren Stammgäste habe gesagt: „Jetzt trinken wir erst einmal ein Bier, nur diesmal gibt’s Freibier vom Juden.“ Dann sei er als Judenstinker bezeichnet worden.

Brutal auf den Bahnsteig gestoßen

Die Lesung endet mit Johanna Plaut, die zuvor mit ihrer Familie in Viehwaggons zunächst in ein Konzentrationslager in Frankreich gebracht worden war: „Nach vielen Stunden Fahrt hielt der Zug an, brutal stieß man uns aus dem Waggon auf den Bahnsteig. Wir waren in Auschwitz angekommen.“ Dort wurde sie ermordet.

(Manfred Schaake)



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