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Zu Besuch bei Vivian Groppe in den USA

Ausland. Von seinen Reiseeindrücken in die USA zu seinem früheren Schützling Vivian Groppe berichtet Leichtathletik-Trainer Alwin Wagner: „Kaum hatte sie begonnen, da war sie auch schon wieder vorbei – die Zeit, in der ich Vivian Groppe gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer besten Freundin Naomi in Los Angeles und Reno besuchen durfte.

Nichts für leicht fröstelnde Sportler: Das Sprintraining am frühen Morgen bei +2°C. Foto: N.N. | pm, Alwin Wagner

Nichts für leicht fröstelnde Sportler: Das Sprintraining am frühen Morgen bei +2°C. Foto: N.N. | pm, Alwin Wagner

Es waren Tage voller intensiver Eindrücke, unvergesslicher Erinnerungen und unerwarteter Begegnungen mit meiner eigenen Vergangenheit – Momente, die noch lange in mir nachklingen werden.

Gefühl von Kraft und Explosivität

Vor 41 Jahren bereitete ich mich etwa 80 Kilometer südlich von Los Angeles, auf die Olympischen Spiele vor. Noch heute erinnere ich mich an die Leistungen, die ich damals im Trainingslager in Irvine erzielte. Leistungen, die mir später nie wieder in dieser Form gelungen sind. Aus dem Startblock heraus konnte auf den ersten 2o Metern mit unseren DLV-Sprintern mithalten – ein Gefühl von Kraft und Explosivität. Im 5er-Hocksprung erreichte ich Weiten über 19 Meter, konnte 5×125 kg reißen und ließ beim Abschlusstraining die 1,8kg-Scheibe an die 70-Meter-Marke fliegen – eine Weite, die mein damaliges Potenzial eindrucksvoll bestätigte. Mit dem offiziellen Wettkampfgerät wirft man erfahrungsgemäß etwa drei Meter weniger. Noch heute frage ich mich manchmal, was möglich gewesen wäre, wenn ich im Olympia-Finale 1984 vor 80.000 Zuschauern meine Nerven besser im Griff gehabt hätte?

Von Muskelpaketen skeptisch beäugt

Seit jenen Tagen hat sich natürlich vieles verändert – die Orte, die Menschen, vielleicht auch die Stimmung. Und doch war es erstaunlich, wie vertraut mir einige der markanten Plätze während unserer Reise wieder vorkamen. Besonders bei der Sightseeing-Tour durch Los Angeles, Beverly Hills, Santa Monica und Hollywood wurden zahlreiche Erinnerungen wach. Am deutlichsten jedoch am berühmten Venice Beach, wo unter freiem Himmel Bodybuilder stolz ihre durchtrainierten Körper präsentierten. Damals konnte ich ohne jegliches Aufwärmen beim Bankdrücken fast 40 Wiederholungen mit einer 100kg-Hantel durchführen. Diese Leistung zog nicht nur neugierige Blicke auf sich, sondern auch das respektvolle Nicken einiger Muskelpakete, die mich zuvor wohl eher skeptisch beäugt hatten.

Von den verheerenden und zerstörerischen Waldbränden in den Hollywood Hills, die vor einigen Monaten zu umfangreichen Evakuierungen führten und erhebliche Schäden in der Region verursachten, war fast nichts mehr zu erkennen. Die Landschaft zeigte sich regeneriert, als hätte die Natur die Narben längst überwachsen.

Vivian Groppe mit Cheftrainerin Shantel Twiggs im Gespräch. Die Headcoach der University of Nevada hat selbst eine beeindruckende Trainer-Karriere hinter sich. Foto: N.N. | pm, Alwin Wagner

Vivian Groppe mit Cheftrainerin Shantel Twiggs im Gespräch. Die Headcoach der University of Nevada hat selbst eine beeindruckende Trainer-Karriere hinter sich. Foto: N.N. | pm, Alwin Wagner

Sierra Nevada – schneebedeckt und majestätisch

Vivian Groppe, die seit September 2024 an der University of Nevada International Business und Sportmanagement studiert, wusste nur, dass ihre Eltern nach Los Angeles kamen und flog zu diesem Anlass von Reno in die pulsierende Millionenmetropole. Sie ahnte aber nicht, dass auch Naomi und ich in LA waren. Als sie am Flughafen ihre Eltern umarmte und plötzlich auch uns sah, erstarrte sie und es sah so aus, als könnte ihr Verstand nicht glauben, was sie sah. Dann brach eine Welle der Emotionen über sie herein; es war wie eine Mischung aus Schock und Freude – ein Augenblick, der uns allen unter die Haut ging.

Nach zwei Tagen, an denen wir Sightseeing-Touren durch Los Angeles machten, fuhren mit dem Auto die über 800 Kilometer zu ihrem Studienort in Reno. Es war eine Autofahrt mit atemberaubenden Kontrasten. Zunächst durch eine endlos wirkende Wüstenlandschaft mit kargen Weiten, die fast eine meditative Stille ausstrahlten. Dann, fast wie aus dem Nichts, ragten die mächtigen Gipfel der Sierra Nevada auf – schneebedeckt, majestätisch und imposant. Die Route entlang dieser Bergkette zeigte die Natur in ihrer rauen Schönheit.

Nach dem Essen in den Hörsaal

Einen Tag nach dieser langen Reise stand für Vivian zunächst eine Vorlesung auf dem Programm, auf die eine intensive Krafttrainingseinheit folgte. Shantel Twiggs, eine erfahrene Trainerin, die seit mehr als zwanzig Jahren als Head Coach des Nevada Wolf Pack tätig ist und das ‚Wolfsrudel‘ der University of Nevada mit Erfolg leitet, gab ihre Anweisungen in einer großzügigen, hochmodernen Halle, die weit mehr zu bieten hatte als nur die üblichen Kraftgeräte. An diesem Vormittag wurden mit sichtbarer Disziplin gezielt Beine, Schultern, Bauch und Rücken, also ein ganzheitliches Körpertraining durchgeführt. Es lag eine spürbare Energie in der Luft, ein Mix aus Ehrgeiz, Teamgeist und sportlicher Leidenschaft. Am liebsten hätte ich sofort mittrainiert, aber meine Gesundheit lässt dies nicht mehr zu. Nach dem Mittagessen ging es für Vivian wieder zurück in den Hörsaal, um ihre Vorlesungen fortzusetzen.

Alwin Wagner in LA. Im Hintergrund ist der weltbekannte, ikonische Schriftzug der Film-Traumfabrik zu sehen. Foto: N.N. | pm, Alwin Wagner

Alwin Wagner in LA. Im Hintergrund ist der weltbekannte, ikonische Schriftzug der Film-Traumfabrik zu sehen. Foto: N.N. | pm, Alwin Wagner

Training am Gefrierpunkt

Am nächsten Morgen fand das Sprint- und Staffeltraining bei Temperaturen um den Gefrierpunkt im Stadion statt. Während sich die Athletinnen mit Lockerungs- und Gymnastikübungen aufwärmten, wurde die Laufbahn vom Schnee befreit. Vivian, die bei ihrer Freiluftsaison-Eröffnung in Sacramento die DLV-Norm im Sprint für die deutschen U23-Meisterschaften im Juli in Ulm abhaken konnte, sollte nach dem Plan von Coach Twiggs kraftvolle Sprints bis zur 40m-Marke absolvieren. Die Trainerin gab ihren Mädchen ausreichend Erholungszeit, um ihre Leistung in jedem Durchgang optimal zu entfalten. Zur Verbesserung der Reaktionsgeschwindigkeit folgten auf Kommando Starts aus dem Block. Während ich in der eisigen Kälte fror, lief Vivian zum Abschluss des Trainings noch zweimal 150 Meter unter 18,50 Sekunden und zeigte damit eine vielversprechende Leistung für die bevorstehenden Staffelwettbewerbe über 4×100 sowie 4×400 Meter, die in Berkeley ausgetragen wurden.

Klirrende Kälte, tiefblauer Himmel

Während die deutsche U18-Meisterin über 200 Meter von 2021 in der Uni weitere Vorlesungen besuchte, machten wir uns auf den Weg zum geschichtsträchtigen Donnerpass – einem über 2.100 Meter hoch gelegenen Gebirgspass in der nördlichen Sierra Nevada, der für seine extremen Schneefälle bekannt ist. In manchen Wintern sollen sich hier über zehn Meter Schnee auftürmen. Auch Anfang April lag noch eine ordentliche Schneedecke. Trotz der klirrenden Kälte lohnte sich der Ausflug: Der tiefblaue Himmel, der glitzernde See und der beeindruckende Blick auf die umliegenden Berge entschädigten für das Frieren allemal.

Vivian Groppe zeigt auch beim Hanteltraining Ausdauer und Leistungswillen. Foto: N.N. | pm, Alwin Wagner

Vivian Groppe zeigt auch beim Hanteltraining Ausdauer und Leistungswillen. Foto: N.N. | pm, Alwin Wagner

Dann kam der Abschied, ein Moment, den man auf Reisen am liebsten hinauszögern würde. Tage voller intensiver Eindrücke, herzlicher Begegnungen, überraschender Momente und landschaftlicher Schönheit lagen hinter mir – eine Zeit, die mich nicht nur bereicherte, sondern auch Spuren hinterließ.

Rückkehr zu den Erinnerungen

Für mich war diese USA-Reise mehr als nur eine Reise – es war ein Wiedersehen mit den Orten, die in meinem Herzen verwurzelt sind, eine Rückkehr zu Erinnerungen, die zwischen Vergangenheit und Gegenwart leben. Es war eine emotionale Zeitreise, in der ich Orte von früher besuchte, doch diesmal mit den Augen des Heute sah. Und das machte all die Erlebnisse noch kostbarer und hinterließ bei mir ein warmes Gefühl der Dankbarkeit und Zufriedenheit.“

Alwin J. Wagner
red

P.S.:

In Berkeley lief die 4×100-Meter-Staffel der University of Nevada in der Besetzung Parsons, George, Kalma und Vivian Groppe mit 45,70 Sekunden eine solide Zeit. Noch stärker präsentierten sich die vier über 4×400 Meter: In identischer Aufstellung erzielte das Quartett mit 3:42,33 Minuten eine Leistung, mit der man in der DLV-Bestenliste 2024 hinter dem VfL Sindelfingen (3:41,29) den zweiten Platz belegt hätte.



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Ein Kommentar zu “Zu Besuch bei Vivian Groppe in den USA”

  1. Jochen Reinders

    Lieber Alwin, immer wieder ein Genuss, deine Berichte zu lesen.
    Grüße aus Tirol von Jochen


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