MT-Sprinterin zeigt ihr bestes US-Rennen

Emotionen pur: Vivian Groppe (MT Melsungen) strahlt nach ihrer persönlichen Bestzeit von 11,84 Sekunden auf amerikanischen Boden. Foto: N.N. | pm, Alwin Wagner
Clovis. Bei den Meisterschaften der Mountain West Conference in Clovis (Kalifornien), bei denen die besten Sprinterinnen aus, Colorado, Wyoming, New Mexico, Nevada, Utah, Hawaii und Kalifornien aufeinandertrafen, präsentierte sich Vivian Groppe (MT Melsungen) über 100 Meter hochkonzentriert und mit neu gewonnenem Selbstvertrauen.
Nachdem sie in den vergangenen Wochen trotz starker Trainingsleistungen mehrfach an der Zwölf-Sekunden-Marke gescheitert war, wirkte die 21-Jährige diesmal auffallend locker und mental gefestigt.
Innerer Knoten geplatzt
Zuvor hatte sie sich häufig durch ihre eigenen hohen Erwartungen unter Druck gesetzt und dadurch am Start oder auf den letzten Metern verkrampft. In Clovis entstand jedoch erstmals der Eindruck, dass dieser innere Knoten geplatzt war. Möglicherweise hatte daran auch das starke Staffelrennen zwei Wochen zuvor Anteil, bei dem sie als Startläuferin maßgeblich zu der starken Zeit von 44,95 Sekunden beigetragen hatte.
Schon beim Aufwärmen zeigte die Athletin der MT Melsungen große mentale Stärke. Kurz vor dem Rennen erfuhr sie, dass sie im vierten Zeitvorlauf unter anderem auf Taniya Looney treffen würde. Die Sprinterin der University of New Mexico zählt derzeit zu den stärksten Kurzsprinterinnen der Conference und war erst zwei Wochen zuvor beeindruckende 11,05 Sekunden gelaufen. Hinzu kamen weitere Athletinnen mit Bestzeiten im Bereich von 11,50 Sekunden.
Explosivität aus dem Block heraus
Doch statt sich von der hochklassigen Konkurrenz einschüchtern zu lassen, zog Vivian daraus zusätzliche Motivation. „Das pusht mich nur noch mehr“, erklärte sie entschlossen vor dem Start. In den Tagen zuvor hatte sie intensiv an ihrem Start und der Beschleunigungsphase gearbeitet. Bereits im Training war ihre deutlich verbesserte Explosivität aus dem Block erkennbar gewesen. Entsprechend selbstbewusst formulierte sie ihr Ziel: „Heute laufe ich zum ersten Mal in dieser Saison unter zwölf Sekunden. Ich hoffe auf eine Zeit im Bereich von 11,70 Sekunden.“
Und tatsächlich erwischte sie einen starken Rennbeginn. Nach dem Startschuss kam sie explosiv aus dem Block und fand sofort sauber in ihre Beschleunigungsphase. Mit kraftvollen, schnellen Schritten lag sie bis nahezu zur Rennhälfte hervorragend im Rennen und befand sie sich überraschend direkt hinter der späteren Siegerin Looney und mitten zwischen den Mitfavoritinnen. Ihre Bewegungen wirkten dynamisch und kontrolliert, der Rhythmus stimmte und für einen Moment schien alles perfekt zu laufen. Selbst in der Liveübertragung war spürbar, dass die Studentin aus Beiseförth merkte: Heute ist etwas möglich.
Rennen von hohem sportlichen Wert
Doch als sie aus den Augenwinkeln wahrnahm, dass die Konkurrenz auf gleicher Höhe lag, erhöhte sich der Druck. Statt weiterhin locker und stabil aus der Hüfte zu arbeiten, wollte sie plötzlich zu viel erzwingen. Ihr Oberkörper kippte leicht nach vorne, wodurch sie ihre Kraft nicht mehr optimal in Vortrieb umsetzen konnte. Ein Teil der Energie verpuffte nach unten und vorne, anstatt sie explosiv weiter zu beschleunigen. Ihr enormer Wille war deutlich zu erkennen, doch genau in diesem Moment fehlte die nötige Lockerheit. In der entscheidenden Phase verlor sie wertvolle Hundertstel, während die Konkurrenz technisch sauber blieb und auf den letzten Metern weniger Geschwindigkeit einbüßte. Dennoch hatte dieses Rennen einen hohen sportlichen Wert: Mit 11,84 Sekunden stellte sie ihre bislang schnellste Zeit auf amerikanischem Boden auf.
Den Sieg sicherte sich wie erwartet Taniya Looney (New Mexico) mit starken 11,08 Sekunden. Die US-Amerikanerin nahm auf den letzten Metern sogar sichtbar Tempo heraus und blieb dennoch deutlich unter der aktuellen deutschen Jahresbestzeit von Gina Lückenkemper. Damit unterstrich Looney eindrucksvoll ihre Ambitionen mit Blick auf die Weltmeisterschaften 2027 in Peking.
Zeitverlust beim Staffelwechsel
Nach dem missglückten letzten Wechsel beim 4×100-Meter-Staffelrennen vor zwei Wochen, bei dem das Team trotz des schweren Fehlers noch unter 45 Sekunden geblieben war, hatte sich die Mannschaft mit gelungenen Wechseln sogar eine Zeit unter 44,50 Sekunden ausgerechnet. Damit wäre auch die Qualifikation für die erste Runde der NCAA Championships Ende Mai in Fayetteville in Reichweite gerückt. Doch auch diesmal verlief der Wettkampf nicht wie erhofft. Die stark verbesserte Vivian Groppe lief mit deutlich höherem Tempo als zuletzt auf die erste Wechselzone zu. Die zweite Läuferin der University of Nevada reagierte jedoch zu spät, sodass die Melsungerin beinahe auflief. Auf der Gegengeraden kämpfte sich das Quartett zwar wieder heran, doch auch der zweite Wechsel kostete wertvolle Zeit. Schlussläuferin George, die auch nicht ihre erhoffte Form abrufen konnte, schaffte es nicht mehr in die Medaillenränge zu laufen. Mit 45,52 Sekunden belegte das Quartett aus Reno Rang fünf und verpasste die Bronzemedaille um 0,52 Sekunden.
Bestnoten im Studium
Dass Vivian Groppe Leistungssport und Studium hervorragend miteinander verbinden kann, bewies sie auch eindrucksvoll in ihrem vierten Semester. Trotz der intensiven und erfolgreichen Leichtathletik-Saison absolvierte sie parallel in ihren Studienfächern sechs Prüfungen, wobei sie jede einzelne mit der Bestnote „Sehr gut“. Bestand. Damit unterstreicht die 21-Jährige nicht nur ihre sportliche Klasse, sondern auch ihre außergewöhnliche Disziplin und Zielstrebigkeit abseits der Laufbahn.




