Die Wirtschaft im Krisenmodus
Region. Die wirtschaftliche Stimmung in Nordhessen und der Region Marburg hat sich deutlich eingetrübt. Das geht aus der aktuellen Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Kassel-Marburg hervor. Demnach brechen Investitionsbereitschaft, Beschäftigungserwartungen und Zukunftsvertrauen der Unternehmen spürbar ein.
Der IHK-Klimaindex sank von 98,4 auf 83,4 Punkte und liegt damit deutlich unter der Wachstumsschwelle von 100 Punkten.
Unternehmen verlieren Vertrauen
„Die Wirtschaft ist auch in unserer Region im Krisenmodus“, sagt Dr. Arnd Klein-Zirbes. Nach seiner Einschätzung handelt es sich längst nicht mehr nur um eine konjunkturelle Schwäche. Vielmehr leide der Standort Deutschland unter einer Vertrauens-, Investitions- und Wachstumskrise. Seit Herbst 2024 würden die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen von den Unternehmen durchgehend als größtes Risiko genannt.
Nur noch 8,5 Prozent der befragten Unternehmen rechnen mit einer besseren Geschäftsentwicklung in den kommenden Monaten. Gleichzeitig stieg der Anteil der Betriebe mit pessimistischen Erwartungen auf 33,8 Prozent. Viele Unternehmen verschieben Investitionen und halten sich bei Neueinstellungen zurück.
Investitionen brechen ein
Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung bei den Investitionen. Der Investitionssaldo fiel auf minus 12,9 Punkte. Nach Angaben der IHK beschränken sich viele Unternehmen inzwischen auf notwendige Ersatz- und Erhaltungsinvestitionen. Erweiterungen und Zukunftsprojekte würden dagegen häufig aufgeschoben oder ganz gestrichen.
„Die Wirtschaft verwaltet vielerorts nur noch den Bestand, statt aktiv Zukunft zu gestalten“, warnt Jörg Diehl, Geschäftsführer der SW-MOTECH GmbH & Co. KG. Bleiben Investitionen dauerhaft aus, verliere der Standort Schritt für Schritt an Innovationskraft, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit.
Baugewerbe und Handel unter Druck
Die wirtschaftliche Schwäche zieht sich laut Umfrage durch nahezu alle Branchen. Besonders stark betroffen ist das Baugewerbe. Dort fiel der Klimaindex von 118,6 auf 60,0 Punkte. Keines der befragten Bauunternehmen erwartet derzeit eine Verbesserung der Geschäftslage.
Auch im Großhandel verschlechterte sich die Stimmung erheblich. Ursachen seien unter anderem stockende Bauprojekte, eine schwache Nachfrage und ausbleibende Investitionen. Im Einzelhandel rechnen inzwischen mehr als die Hälfte der Unternehmen mit einer weiteren Verschlechterung der Geschäftslage. Kaufzurückhaltung, hohe Kosten und sinkende Kundenfrequenzen belasten die Branche zusätzlich.
Exporte und Arbeitsmarkt schwächeln
Neben der schwachen Inlandsnachfrage bereitet vielen Unternehmen die Entwicklung des Auslandsgeschäfts Sorgen. Nur noch 9,5 Prozent der Betriebe erwarten steigende Exporte, während 40,5 Prozent von rückläufigen Ausfuhren ausgehen.
Auch Sven Stehl sieht die Folgen der wirtschaftlichen Entwicklung bereits in der Reise- und Dienstleistungsbranche. Hohe Energie- und Rohstoffpreise sowie steigende Mobilitätskosten belasteten viele Unternehmen erheblich. Gleichzeitig beobachte man eine zunehmende Zurückhaltung bei Geschäftsreisen, Veranstaltungen und projektbezogenen Ausgaben.
Die wirtschaftliche Unsicherheit wirkt sich inzwischen auch auf den Arbeitsmarkt aus. Lediglich 7,4 Prozent der Unternehmen planen zusätzliche Einstellungen. Dagegen rechnen 30,7 Prozent mit einem Personalabbau.
IHK fordert Reformen
Als größte Risiken nennen die Unternehmen wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen, hohe Energie- und Rohstoffpreise, die schwache Inlandsnachfrage sowie steigende Arbeitskosten.
Dr. Arnd Klein-Zirbes fordert deshalb ein umfassendes Reformpaket. Dazu zählen unter anderem eine frühere Senkung der Unternehmenssteuern, niedrigere Stromkosten, Entlastungen bei der Einkommensteuer, eine Reform der Gesundheitsfinanzierung sowie die zügige Umsetzung geplanter Infrastrukturinvestitionen.
An der aktuellen Konjunkturumfrage beteiligten sich rund 300 Unternehmen aus Nordhessen und der Region Marburg.





