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Stolpersteine für Familie Frenkel

Drei Opfer des nationalsozialistischen Holocaust aus Wabern

Das abgerissene frenkelsche Wohnhaus in der Bahnhofstraße (heute Kornhaus Raiffeisen). Fotografie: Geschichts- und Kulturkreis Wabern

Das abgerissene frenkelsche Wohnhaus in der Bahnhofstraße (heute Kornhaus Raiffeisen). Fotografie: Geschichts- und Kulturkreis Wabern

Wabern. Wenn am 8. Februar 2018 vier „Stolpersteine“ in der Bahnhofstraße für die Familie Frenkel gelegt werden, gedenkt Wabern einer Familie, deren fast sämtliche Mitglieder Opfer des Völkermords der Nationalsozialisten wurden. Die Familie Frenkel zog im April 1930 von Falkenberg in die Bahnhofstraße 15 nach Wabern. Das Wohnhaus der Frenkels wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts abgerissen, es stand auf dem heutigen Gelände des Kornhauses. Der Vater der Familie war der Handelsmann Laser Frenkel (geboren am 17. Februar 1879 in Falkenberg). Er betätigte sich als Vieh- und Fellhändler, handelte aber auch mit Textilien.

Er hatte im Jahre 1909 Rika Oppenheimer (geboren am 14. April 1877) geheiratet. Aus dieser Ehe stammte Sohn Max (geboren am 1. September 1910). Bereits im Januar 1918 verstarb Rika. Wann Laser Frenkel in zweiter Ehe Jettchen Wertheim heiratete, konnte nicht ermittelt werden. Es ist lediglich die Geburt von Tochter Margot (geboren am 20. Mai 1920) nachgewiesen. Über den Alltag der Familie ist nicht viel bekannt. Sicher ist nur, dass Laser vom 1. September 1916 bis zum November 1918 als deutscher Soldat am Ersten Weltkrieg teilnahm.

Kennkarte von Laser Frenkel vom 13. Februar 1939 (StA Kassel Best. A, „Volkskartei - Sonderkartei J“). Repro: Thomas Schattner

Kennkarte von Laser Frenkel vom 13. Februar 1939 (StA Kassel Best. A, „Volkskartei – Sonderkartei J“). Repro: Thomas Schattner

Überliefert ist jedoch, dass es der Familie finanziell nicht gut ging. So bat Laser sowohl 1915 als 1922 um die Ermäßigung der israelitischen Klassensteuer. Laser und Max waren jeden Tag unterwegs, sie betrieben den Vieh- und Fellhandel ausschließlich außer Haus, für ein eigenes Geschäftslokal dürfte es finanziell nicht gereicht haben. So verwundert es nicht, dass Laser im Februar 1931 einen Antrag auf Ermäßigung der Gemeindesteuer stellte. Passend dazu erschien Laser Frenkel eines Tages vor dem Fenster eines Waberner Bürgers, den er gut kannte. Dieser begrüßte ihn mit den Worten, „du grischt ja schlimmer, als wenn deine Frau gestorben wäre“. Darauf habe Laser geantwortet: „Für eine Postkarte bekommt man eine andere Frau, die Ziege ist gestorben, das ist mein ganzes Vermögen“.

Das Verhältnis zwischen den Frenkels und ihren Mitbürgern war sehr unterschiedlich. So bekam ein Nachbarskind eine Tischdecke von den Frenkels zur Konfirmation geschenkt. Auch tauschte Tochter Margot mit anderen Mädchen ihr Poesiealbum aus. Dazu besuchte die Familie Frenkel regelmäßig am Sabbat ihre Nachbarn. So verwundert es auch nicht, dass die Frenkels schon einmal ein Buffet bei der benachbarten Schreinerei Pilgram in Auftrag gaben.

Andererseits gab es auch Konflikte. So drang im März 1932 der Vaters eines Mieters der Frenkels widerrechtlich in ihre Wohnung ein. Dabei misshandelte dieser Laser körperlich und beleidigte Jettchen mit den Worten: „Du verfluchtes Aas, dich kennt man, man weiß, was du bist, geh nach Falkenberg, da hörst du dein Lob“. Und auch schon im Sommer 1931 kam es höchstwahrscheinlich in Zusammenhang mit der „nationalsozialistischen Bauernkundgebung“ zu unschönen Szenen, denn auf dem Grundstück der Firma „Kurtz und Dippel“ (heute „Café am Rathaus“) stand eine Feldküche, welche die Kundgebungsteilnehmer verpflegt hat.

Kennkarte von Jettchen Frenkel vom 11. Februar 1939 (StA Kassel Best. A, „Volkskartei - Sonderkartei J“). Repro: Thomas Schattner

Kennkarte von Jettchen Frenkel vom 11. Februar 1939 (StA Kassel Best. A, „Volkskartei – Sonderkartei J“). Repro: Thomas Schattner

Wahrscheinlich aufgrund dieser Ereignisse verließ Tochter Margot am 31. Oktober 1935 Wabern. Sie zog nach Kassel und arbeitete dort als Hausmädchen. Sie kehrte noch einmal kurz nach Wabern zurück, um dann aber erneut, Wabern zu verlassen.

Im Frühjahr oder im Frühsommer 1938 traf Margot eine ehemalige Schulfreundin in der Kasseler Bahnhofsunterführung. In einem anschließenden Gespräch in der Gaststätte „Oberbayern“ äußerte sich Margot sinngemäß über ihre Zukunft: „Was es mit uns gibt, weiß ich nicht!“ Mit Sicherheit wusste sie von den Existenznöten ihrer Familie in Wabern. Denn im April 1938 stand ein Antrag einer dritten Person auf der Tagesordnung des Waberner Gemeinderats, auf dem Grundstück Frenkel eine Konditorei mit Café zu errichten.

Die Eltern mit Sohn Max folgten Margot aufgrund zahlreicher Schikanen Ende Oktober 1938 nach Kassel. Mit ihnen verließen die letzten jüdischen Bürger Wabern, Wabern war nun in der damaligen Sprache der Zeit „judenfrei“.

Der Umzug nach Kassel muss vor dem Hintergrund enormer Existenznöte gesehen werden. Denn seit dem 30. September 1938 war es den Frenkels wie rund 360 weiteren jüdischen Viehhändlern verboten, sich weiter wie bisher beruflich zu betätigen, denn auch der „kurhessische Viehhandel“ wurde „judenfrei“.

Hinzu kam noch ein weiteres Ereignis. Im Herbst 1938 wurde die Familie nachts überfallen. Vor den SA-Männern konnte man sich nur durch Sprünge aus den Fenstern retten. Die Familie war so in Wabern nicht mehr sicher.

In Kassel wurde Sohn Max noch einmal von Waberner Bürgern bei der Arbeit auf der Dönche gesehen. Aber auch in Hattenhof, Landkreis Fulda, muss Max eine Zeit gelebt haben.

Eintrag von Margot Frenkel und das Poesiealbum von Wilhelmine Pilgram vom 3. März 1932. Repro: Thomas Schattner

Eintrag von Margot Frenkel und das Poesiealbum von Wilhelmine Pilgram vom 3. März 1932. Repro: Thomas Schattner

Am 9. Dezember 1941 wurde Laser Frenkel mit seiner Ehefrau Jettchen und etwa 1.000 weiteren nordhessischen Juden von Kassel aus in das Ghetto Riga (Lettland) deportiert und anschließend ermordet. Über das genaue Schicksal von Sohn Max ist nur bekannt, dass er ebenfalls ins Ghetto Riga deportiert wurde. Als dieses evakuiert wurde, kam Max ins Konzentrationslager Stutthof bei Danzig, wo er ermordet wurde. Das Schicksal von Tochter Margot ist unbekannt, eventuell konnte sie sich nach England oder Australien in Sicherheit bringen. Da ihr Schicksal ungewiss ist, bekommt auch sie einen Stein im Sinne von Demnigs Idee der fiktiven Familienzusammenführung vor Ort gesetzt. (Thomas Schattner)



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