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68er-Proteste: „Gegenschule“ der BTHS

Die „Gegenschule“ am Burgberg. V. li.: Hans Junker, Hans-Peter Bernhardt, Hannelore Verloh (geb. Viehmann). Unten, li. Horst Brühmann. Vor der Tafel mit Armen in der Luft: Dieter Bott. Bott und Bernhard waren vermutlich aus Frankfurt zu Gast. Foto: Manfred Lengemann, Weinheim

Die „Gegenschule“ am Burgberg. V. li.: Hans Junker, Hans-Peter Bernhardt, Hannelore Verloh (geb. Viehmann). Unten, li. Horst Brühmann. Vor der Tafel mit Armen in der Luft: Dieter Bott. Bott und Bernhard waren vermutlich aus Frankfurt zu Gast. Foto: Manfred Lengemann, Weinheim

Homberg. Am 16. Februar 1968 wurde die erste „Gegenschule“ der alten Bundesrepublik in Homberg/Efze am Bundespräsident-Theodor-Heuss-Gymnasium (BTHS) gegründet. Die Leiter der „Gegenschule“ waren zwei ehemalige BTHS-Schüler, Hans-Peter Bernhard (er war der offizielle Leiter der Schule) und Dieter Bott, die zu Beginn des Jahres 1968 in Frankfurt am Main Soziologie studierten.

Treffen in örtlichen Gasthäusern

Für die „Gegenschule“ opferten sie ihre Semesterferien, so dass die „Gegenschule“ am 15. April 1968 nach drei Monaten endete. Ursprünglich sollte sie zwei Mal in der Woche stattfinden, jeweils montags und freitags von 14.00 bis 15.00 Uhr. Geplanter Treffpunkt war Otto Jüttes „Bürgerstuben“. Man traf sich später aber auch am Burgberg und in Biergärten als Jütte seine Gaststätte nach dem Verteilen von Flugblättern durch Bott und Bernhard am 18. April 1968 nicht mehr zur Verfügung stellte. Die „Gegenschule“ stand unter dem Motto: „Die Kommerzialisierung der Sexualität im modernen Spätkapitalismus“.

Klare Aufforderung: „Herr Direktor, wehren Sie sich.“ Foto: Schulmuseum der BTHS

Klare Aufforderung: „Herr Direktor, wehren Sie sich.“ Foto: Schulmuseum der BTHS

Pornoeinbruch in der Schule

Dieter Bott eröffnete die „Gegenschule“ mit einem Vortrag über „Sexualtabus“, in der nächsten Sitzung stand das Thema „Sexualtabus und das Recht heute“ im Mittelpunkt des Unterrichts. Doch dann entwickelten sich die Dinge anders. Sehr rasch bekam man eine große mediale Aufmerksamkeit bspw. durch Reporter des Magazins „Der Spiegel“, Mitglieder der Frankfurter Redaktion der „Bild am Sonntag“, Mitarbeiter der Frankfurter Rundschau und des Magazins „Konkret“. Das Wort vom „Pornoeinbruch in der Schule“ (Der Spiegel) machte schnell die Runde.

Dabei sahen das die Mitglieder der „Gegenschule“ ganz anders. Ein Mitglied erinnerte sich im Frühjahr 2018 wie folgt an die Ereignisse des Jahres 1968: „Die Gegenschule galt ja damals als äußert radikal, aber so radikal waren sie dann auch wieder nicht, also konsequent im Sinne der Idee wäre gewesen, wenn sie jetzt nicht außerhalb der Schule eine Gegenschule gegründet hätten; sondern wenn sie geschlossen in die THS einmarschiert wären, hätten das Rektorat besetzt und gesagt: So, ab jetzt heißt das John-Lennon-Schule und wir, die Schüler, bestimmen jetzt, was hier passiert, die Lehr- und Lerninhalte. Und wir führen jetzt hier freie Liebe ein. […] Die eigentliche Absicht war, eine von Schülern selbst verwaltete Schule zu schaffen“.

Direktor Dr. Horst Clément. Foto: Schulmuseum der BTHS

Direktor Dr. Horst Clément. Foto: Schulmuseum der BTHS

Angeklagte, Ankläger und Abgeurteilte

Am Ende hatten sich die beiden Protagonisten bei zwei Gerichtsterminen u.a. wegen der „Gegenschule“ zu verantworten. Beim Revisionsprozess in Marburg/Lahn traten Bernhard und Bott am ersten Prozesstag in Richterroben auf, um zu symbolisieren, „wir verstehen uns nicht als Angeklagte, sondern als Ankläger“ (Dieter Bott). Am zweiten Verhandlungstag trugen sie Sträflingskleider. Damit wollten sie ausdrücken, dass sie bereits verurteilt waren. Ausgeliehen war die Kleidung in einem Frankfurter Kostüm- und Karnevalsverleih, der Anwalt kostete 40.- DM und der Sträfling 60.- DM (heute rund 20.- € bzw. 30.- €).

Drei schulgeschichtliche Veröffentlichungen

Mit Thomas Schattners Publikation wird 50 Jahre nach 1968 erstmals der Versuch unternommen, die „Gegenschule“ der Homberger BTHS umfangreich zu dokumentieren, um sie zumindest ein wenig zu „entmystifizieren“. Als Grundlage dazu dienten dem Autor zahlreiche Dokumente und Fotografien, die sich im Besitz des Schulmuseums der BTHS befinden. Diese dritte schulgeschichtliche Publikation zur Chiffre „1968“ rundet zugleich das Jubiläumsjahr 2018 ab.

Während der erste Band die Schülerzeitungen der BTHS aus der zweiten Hälfte der 1960er Jahre thematisierte, ging es im zweiten Band um die Wirkungsgeschichte von „1968“ an der BTHS. Der dritte Band rückt nun die „Gegenschule“ in den Mittelpunkt der lokalhistorischen Betrachtung.

Über Amazon erhältlich

Das 269 Seiten starke Buch „1968: Die ‚Gegenschule‘ an der BTHS in Homberg/Efze: Zwischen Provokation und antiautoritärem Protest gegen das Kleinstadtestablishment“ ist bei Amazon erschienen und kostet 11,32 €.

(red)

Links steht Trollhagen, links unten sitzend Hans-Peter Bernhard, daneben kniet Jutta Wenzel. In der Mitte, vorn, sitzt Horst Brühmann, rechts daneben Volker Otto. Rechts am Bildrand mit Brille: Hans Junker. Rechts oben geht Dieter Bott aus dem Bild. Die anderen waren nicht von der BTHS, gehörten aber zum Tross von Bernhard und Bott. Foto: Manfred Lengemann, Weinheim

Links steht Trollhagen, links unten sitzend Hans-Peter Bernhard, daneben kniet Jutta Wenzel. In der Mitte, vorn, sitzt Horst Brühmann, rechts daneben Volker Otto. Rechts am Bildrand mit Brille: Hans Junker. Rechts oben geht Dieter Bott aus dem Bild. Die anderen waren nicht von der BTHS, gehörten aber zum Tross von Bernhard und Bott. Foto: Manfred Lengemann, Weinheim

 



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