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Spitzensport in der Krise

Alwin J. Wagner in einer undatierten Aufnahme. Quelle: ajw

Alwin J. Wagner in einer undatierten Aufnahme. Quelle: ajw

Mailand/ Cortina d’Ampezzo. Eine Abrechnung mit den 25. Olymischen Winterspielen vom 6. bis 22. Februar 2026 in Mailand und Cortina d’Ampezzo schrieb der ehemalige Olympiateilnehmer (1976, 1984, 1988 im Diskuswurf) Alwin J. Wagner, Melsungen, in nachfolgendem Kommentar:

„Nach Jahren des sportlichen Sinkflugs in den Sommersportarten ist inzwischen auch der deutsche Wintersport – mit Ausnahme der traditionsstarken Kufensportarten – nahezu am Boden angekommen. Was sich dort beobachten lässt, erinnert fatal an die Entwicklung in der deutschen Leichtathletik: große Ankündigungen, schonungslose Analysen und selbstkritische Worte, doch die Ergebnisse werden immer schwächer.

Nach dem unbefriedigenden Abschneiden der deutschen Biathleten kündigte der scheidende Sportdirektor Felix Bitterling eine intensive Analyse an und sprach offen über Versäumnisse der Vergangenheit. Eine vertraute Reaktion im deutschen Spitzensport. Erst kommt das Scheitern, dann die Aufarbeitung, aber nur selten kommt die nachhaltige Wende.

Ein ähnliches Muster zeigte sich bereits in der Leichtathletik. Als die deutschen Athleten bei der WM 2022 in Eugene lediglich zwei Medaillen erreichten, kündigte der damalige Vorstandsvorsitzende des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, Idriss Gonschinska, eine ‚schonungslose Analyse‘ und eine ‚sehr konsequente Aufarbeitung‘ an. Ein Jahr später folgte bei der WM in Budapest die ernüchternde Steigerung: Es gab keine einzige Medaille mehr.

Zur Problematik trägt jedoch nicht allein die Verbandsarbeit bei. Auch die öffentliche Erwartungshaltung spielt eine Rolle. Wenn Medien gute und mittelmäßige Sportler bereits im Vorfeld zu Medaillenkandidaten hochjubeln und der Eindruck entsteht, die Athleten müssten ihre Medaillen nur noch abholen, darf man sich nicht wundern, wenn diese Erwartungen anschließend enttäuscht werden. Olympische Erfolge entstehen selten aus medialem Druck, sondern aus langfristiger Entwicklung – und oft auch aus Überraschungen.

Goldmedaillen gewinnen nicht selten Athleten, mit denen zuvor kaum jemand gerechnet hat. Beispiele dafür sind Skispringer Philipp Raimund oder Skicrosserin Daniela Maier, um die es im Vorfeld vergleichsweise ruhig war. Besonders deutlich zeigte dies auch Yemisi Ogunleye, die Olympiasiegerin im Kugelstoßen 2024, die kaum jemand auf der Rechnung hatte. Erfolg im Spitzensport folgt eben nicht medialen Prognosen, sondern individueller Leistungsentwicklung.

Gleichzeitig drängt sich eine unbequeme Frage auf: Liegt ein Teil des Problems auch in der Qualität der sportlichen Betreuung? Bei vielen Trainern und Betreuern fehlt offenbar die notwendige Kompetenz, Konsequenz und internationale Spitzenqualität. Während andere Nationen ihre Trainerstrukturen kontinuierlich modernisieren, wirken Teile des deutschen Systems schwerfällig und wenig leistungsorientiert.

Ende 2025 legte Gonschinska sein Amt nieder, um sich neuen beruflichen Herausforderungen zu widmen. DLV-Präsident Jürgen Kessing, seit 2017 im Amt, forderte derweil zusätzliche finanzielle Mittel und wünschte sich ‚die eine oder andere Milliarde mehr‘ für den Sport. Doch stellt sich die Frage: Fehlt es tatsächlich am Geld?

Die Rahmenbedingungen in Deutschland gelten weiterhin als hervorragend. Trainingsanlagen, Fördersysteme, wissenschaftliche Begleitung und materielle Ausstattung entsprechen weiterhin einem internationalen Spitzenstandard. Die sportlichen Resultate hingegen bleiben aus. An den äußeren Bedingungen kann das schwache Abschneiden kaum liegen.

Nach der medaillenlosen WM in Budapest formulierten Gonschinska und Kessing dennoch eine neue Zielmarke: Deutschland solle bis zu den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles wieder zu den fünf führenden Leichtathletik-Nationen gehören. Man fühlt sich dabei unweigerlich an Goethes Worte erinnert: ‚Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.‘

Inzwischen haben beide Protagonisten das zunehmend leckschlagende Schiff DLV verlassen. Im Zuge einer Strukturreform erhielt der Verband im Sommer 2025 eine neue Führungsstruktur; an die Stelle des bisherigen Präsidiums trat ein Aufsichtsrat, Kessing kandidierte nicht mehr. Die zentrale Frage bleibt jedoch unbeantwortet: Finden die deutschen Leichtathleten den Anschluss an die Weltspitze überhaupt wieder?

Der Blick auf den internationalen Medaillenspiegel zeigt die Dimension des Problems. Olympische Medaillen sind die sportliche Visitenkarte eines Landes. Deutschland hinkt mittlerweile nicht nur bei Sommerspielen, sondern auch im Wintersport der Weltspitze deutlich hinterher. Die einstige deutsche Stärke ist brüchig geworden. Lediglich die Kufensportarten retten noch regelmäßig die Bilanz.

Wenn bei den Olympischen Winterspielen nur acht Goldmedaillen von 116 möglichen gewonnen werden, kann das nicht der Anspruch einer führenden Sportnation sein. Der deutsche Spitzensport steht damit insgesamt an einem Wendepunkt.

Analyseankündigungen allein sind ein Witz. Strukturen müssen endlich passen, Aufgaben, Zuständigkeiten und Entscheidungswege müssen klar geregelt sein. Trainingsstätten müssen effizient genutzt werden, Funktionäre und Trainer müssen endlich liefern, statt Ausreden zu suchen. Und auch die Athleten dürfen sich nicht nur in Trainingslagern eine schöne Zeit machen. Am Ende zählen nur die Ergebnisse bei Welt- und Europameisterschaften sowie bei den Olympischen Spielen – alles andere ist Schaulaufen ohne Wert.“

Alwin J. Wagner



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