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Nach Enteignung mit 10 Mark in die USA

Felsberg. „Legalisierter Raub“ heißt die Ausstellung, die seit dieser Woche in der Felsberger Drei-Burgen-Schule zu sehen ist. Sie zeigt die Schicksale jüdischer Familien auf, die unter dem Nazi-Regime ausgeplündert wurden und alles verloren – auch in unserer Region. „Im ländlichen Nordhessen, einer Gegend mit einer starken antisemitischen Tradition, waren die Lebensbedingungen der jüdischen Bevölkerung schon gleich nach 1933 so bedrückend, dass die meisten Juden, so auch die Felsberger, bereits vor 1938 in die größeren Städte oder ins Ausland flüchteten“, stellte Katharina Stengel vom Fritz-Bauer-Institut bei der Eröffnung der Ausstellung fest.

Nach der „Arisierung“ des jüdischen Besitzes begannen die Finanzbehörden ab 1938 dann in großem Stil das Eigentum der Juden zugunsten der Reichskasse einzuziehen: Judenvermögensabgaben wurden eingezogen, Konten gesperrt, Auswanderungssteuern erhoben, so dass die Flüchtlinge in der Regel bitterarm in den Aufnahmeländern ankamen.

„Diese Ausstellung zu zeigen, bedeutet uns sehr viel. Die Schule ist genau der richtige Ort dafür“, sagte Schulleiter Dr. Dieter Vaupel bei der Begrüßung der rund 90 Gäste in der Aula der Drei-Burgen-Schule. Sein Dank galt auch den zahlreichen Unterstützern und Sponsoren, von denen viele anwesend waren. In den vergangenen Jahren war die Ausstellung, die vom Frankfurter Fritz-Bauer-Institut und dem Hessischen Rundfunk, Ministerium für Wissenschaft und Kunst und der Sparkassen Kulturstiftung getragen wird, nur in großen Städten zu sehen. Nach Wiesbaden, Darmstadt und Berlin ist nun Felsberg Ort des Geschehens. Ein Experiment für alle Beteiligten, die Schau in einer Kleinstadt zu präsentieren.

Bürgermeister Stiegel wies in seinem Grußwort darauf hin, dass nicht Anklagen und Schuldzuweisungen im Vordergrund stehen sollen, sondern Aufklärung und Reflexion. Dr. Thomas Wurzel von der Sparkassen-Kulturstiftung, einer der großen Förderer des Konzeptes, stellte aktuelle Zusammenhänge zu der Ausstellungsthematik her und appellierte an Zivilcourage, Ehrlichkeit und Respekt auch gegenüber Andersdenkenden oder Menschen aus anderen Kulturkreisen.

Neben den historischen Hintergründen – Texte und Fotos, die die systematische Ausbeutung der jüdischen Bevölkerung erläutern – stehen konkrete Schicksale im Vordergrund. Katharina Stengel hat auch einige Schicksale Felsberger Juden aufspüren können, die die Ausstellung um einen regionalen Schwerpunkt ergänzen. So wie das der wohlhabenden Brüder Louis und Siegward Löwenstein, sie besaßen einen Getreide- und Futtermittelgroßhandel in Gensungen. Mitte der Dreißigerjahre waren sie gezwungen, ihren Betrieb zu verkaufen, der Staat nahm ihnen auch noch das Wenige, das ihnen geblieben war. Sie selbst konnten mit 10 Reichsmark in der Tasche in die USA fliehen. „Dieser ,legalisierte Raub'“, so Stengel, „ist das Thema der Ausstellung. Die Ausstellung macht Geschichte greifbar: Fotos, persönliche Gegenstände der enteigneten Familien und Dokumente der Finanzämter zeigen den Leidensweg der Menschen und lösen Betroffenheit aus.“

Betroffenheit bei den Zuhörern löste bei der Eröffnungsveranstaltung auch die Lesung Helge Heynolds vom Hessischen Rundfunk aus. Er brachte Zeitdokumente zum sprechen: Auszüge aus Akten eines Prozesses nach Kriegsende gegen 16 Felsberger Bürger wegen ihrer Beteiligung am Judenpogrom 1938, aus einem Erlass des Reichsministers der Finanzen zur „Sicherstellung von Gegenständen aus jüdischen Besitz“ und aus einem Schreiben der Gestapo an die Juden, die ab 1941 systematisch in die Vernichtungslager deportiert.

Katrin Dillmann, Schülerin der Drei-Burgen-Schule, sowie Renate und Roland Häusler, sorgten für die musikalische Gestaltung der Veranstaltung. Dabei schaffte das Ehepaar Häusler mit ihren Liedern einen engen Bezug zur Ausstellungsthematik herzustellen, zu Anfang mit politischen, zum Schluss mit melancholischen jiddischen Liedern, aus denen trotz allem immer wieder viel Hoffnung und Optimismus zu erkennen war.

Die letzte Habe wurde in einer Überseekiste nach Amerika gerettet, daneben die vertreter der Kooperationspartner v.l. Katharina Stengel (Fritz-Bauer-Institut), Dr. Dieter Vaupel (Drei-Burgen-Schule), Dr. Thomas Wurzel (Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen), Dr. Bettina Leder-Hindemith (Hessischer Rundfunk).

Die Ausstellung „Legalisierter Raub, Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen 1933 bis 1945“, ist bis 17. Mai in der Felsberger Drei-Burgen-Schule zu sehen, geöffnet Montag bis Samstag jeweils von 10 bis 18 Uhr.

Begleitprogramm
Mittwoch 2. Mai: Um 19.30 Uhr wird in der Aula der Drei-Burgen-Schule der Film „Der große Raub“ gezeigt. Im Anschluss gibt es eine Diskussion mit den Autoren Henning Burk und Dietrich Wagner.
Mittwoch 9. Mai: Miriam Pressler liest um 20.00 Uhr aus ihrem Roman „Die Zeit der schlafenden Hunde“
Sonntag 13. Mai: Um 10.00 Uhr gibt es einen Stadtrundgang zur jüdischen Geschichte Felsbergs. Treffpunkt ist der Parkplatz Untertor.

Dienstag, 15. Mai: Ab 19.30 Uhr referiert Monica Kingreen (Fritz-Bauer-Institut) zum Thema „Die gewaltsame Verschleppung der Juden 1941/42 aus den Altkreisen Melsungen und Fritzlar-Homberg“
Schulklassen können die Ausstellung auch außerhalb der Öffnungszeiten besuchen. Anmeldungen unter 05662/3011.

Foto oben: Ausstellungsbesucher am Eröffnungsabend beim Betrachten der Vitrinen und Schautafeln in der Bücherei der Drei-Burgen-Schule.




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