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Hella Böker – Eine Ausnahmeathletin

Melsungen. Hella Böker, eine der erfolgreichsten Leichtathletinnen des Verbandes, wurde am 29.11.1941 in Pethau, in der Nähe von Zittau geboren und wuchs nach dem Zweiten Weltkrieg in der Nähe von Leipzig auf. Bereits als Mädchen war sie von den Disziplinen Kugelstoßen und Diskuswerfen so sehr beeindruckt, dass sie unbedingt auch einmal eine Werferin werden wollte. Sie spielte zunächst mit Erfolg Handball, aber diese Sportart konnte sie nicht befriedigen. So nahm das Schicksal seinen Lauf: Sie wechselte zur Leichtathletik und wirft seit dieser Zeit alles, was ihr in die Hände kommt und was dieser Sport zu bieten hat: Disken, Speere, Gewichte, Hämmer, Keulen und Schleuderbälle.

Bekanntlich ist Talent die Summe von Zufällen, die mit einem definierten Anforderungsprofil korrespondiert. Bereits 1956 fiel die vielseitig begabte Hella Ulbricht den Funktionären im damaligen Arbeiter- und Bauernstaat auf, denn bei einem Schul-sportfest warf sie den Diskus weiter als alle Altersgenossinnen und auch im Kugelstoßen war sie am erfolgreichsten. Ein Jahr später verbesserte sie den DDR-B-Jugend-Rekord im Diskuswerfen auf 35,98 m sowie weitere zwei Jahre später bezwang sie als erste Jugendliche die begehrte 50m-Marke und stellte mit 50,22 m einen neuen Jugend-Weltrekord auf.

1960 wurde sie mit dem Titel „Meister des Sports“ ausgezeichnet. Sie wurde fünfmal in die Nationalmannschaft der DDR berufen und bereiste als Leichtathletin viele Länder. 1962 nahm sie in Belgrad an den Europameisterschaften teil, beendete aber bereits zwei Jahre später das Kapitel „Leistungssport“ und damit auch die Werferei.

1981 durfte Hella Ulbricht aus der DDR ausreisen und zog von Leipzig nach Nordhessen. Dort heiratete sie. Winfried Böker, einen sportinteressierten Finanzbeamten aus Fuldabrück. Eifrig verfolgte sie in der Presse die Ergebnisse der deutschen Werfer und gerne hätte sie nach zwanzig Jahren Abstinenz auch wieder ein Wurfgerät in die Hand genommen. So kam es, dass sie im Herbst 1985 zu dem Melsunger Diskuswerfer Alwin J. Wagner Kontakt aufnahm. Und Wagner war es, der sie wieder zu Wettkämpfen animieren konnte. Beim ersten Training im Januar 1986 riss ihr die Achillessehne im rechten Bein. Nach einem Jahr begann sie wieder vorsichtig mit dem Lauf- und Sprungtraining. Doch wieder riss ihr die Achillessehne – dieses Mal im linken Bein. Jede andere Athletin hätte spätestens zu diesem Zeitpunkt mit dem Sport aufgehört, nicht Hella Böker. Nachdem diese Verletzung ausgeheilt war, nahm sie das Training wieder auf und wurde 1988 zum ersten Mal Deutsche Seniorenmeisterin der Altersklasse W45 im Diskuswerfen mit 42,16 m. Ein Jahr später verteidigte sie ihren Titel, und 1991 gelang ihr sogar das Kunststück, sowohl in der Altersklasse W45 als auch in der W50 die nationalen Meister-schaften im Kugelstoßen und Diskuswerfen –  also vier Titel in einem Jahr – zu gewinnen.

„Durch ihr sportlich und menschlich tadelloses Auftreten kann sie heute noch Leistungen abrufen, die für eine Frau, die sich im 70. Lebensjahr befindet, als phänomenal zu bezeichnen sind“, sagte Alwin J. Wagner, der zweimal in der Woche mit der immer noch sehr motivierten Leichtathletin trainiert. „Hella ist ein Vorbild für unsere Schülerinnen und Schüler und ist voll in unsere Trainingsgruppe integriert. Wer sieht, wie sie zum Auftakt eines jeden Trainings bei den Ballspielen mit den Jungen und Mädchen mithält, kann nicht glauben, dass sie 55 Jahre älter ist als ihre Trainingspartner“.

Auf die Frage nach ihren herausragenden Charakterzügen antwortet sie: „Zielstrebigkeit und Willensstärke“. Genau diese beiden Eigenschaften haben die 69 Jahre alte Leichtathletin zu einer festen Größe in der Weltklasse der Senioren-Werferin-nen werden lassen. Mit drei Weltmeisterschaften und fünf Siegen bei den Europameisterschaften konnte sie schon vor zwanzig Jahren in die Phalanx der weltbesten Kugelstoß- und Diskuswerferinnen eindringen und sich dort bis heute etab-lieren.

1996 siegte sie in Malmö bei den Europameisterschaften im Werfer-Fünfkampf mit dem neuen Europarekord von 3717 Punkten. Vier Jahre später konnte sie ihren Triumph im finnischen Jyväskylä wiederholen. Auch im Jahr 2004 war sie in der Vielseitigkeitsprüfung der besten europäischen Werferinnen in Aarhus nicht zu bezwingen.

Dreimal stand sie bei den Senioren-Weltmeisterschaften bei der Siegerehrung auf dem obersten Treppchen. 2004 gewann sie sowohl im Hammer- als auch im Gewichtwerfen die Goldmedaille. Ein Jahr später wurde sie im spanischen San Sebastian im Gewichtwerfen der W60 mit 14,49 Meter erneut Weltmeisterin.

Obwohl die Saison 2010 für sie mit einer schweren Verletzung begann, war sie in den Sommermonaten in den  Wurfwett-bewerben unbezwingbar. Zu Beginn des Jahres zog sie sich unmittelbar vor dem Abschlusstraining zu den deutschen Hallenmeisterschaften in Sindelfingen vor der Stadtsporthalle in Melsungen auf einem nicht gestreuten Parkplatz einen komplizierten Bruch des linken Handgelenks zu und musste dadurch fast vier Monate mit dem Training pausieren. Nicht selten plagten Hella Böker in dieser Zwangstrainingspause Selbstzweifel. Aber mit ihrer Erfahrung, einem wohl dosierten Training sowie einem eisernen Willen ebnete sie den Pfad zu einer erfolgreichen Fortsetzung ihrer Leichtathletikkarriere. Von Meeting zu Meeting eilend holte sie Sieg auf Sieg, gewann bei den Landes-Senioren-Meisterschaften in Fulda die Titel im Kugelstoßen, Diskus- und Speerwerfen. „Es macht mir unwahrscheinlich Spaß, dass ich wieder werfen kann“, sagte sie nach ihrem „Tripple“ in Fulda.

Zwar fehlten ihr in der Vorbereitungsphase für die deutschen Meisterschaften viele Trainingswürfe mit dem Hammer, aber auch ohne diese ausgefallenen Einheiten bekam sie ihre Technik wieder in den Griff. „Die Kraft allein bringt noch keine große Weite, es muss auch das Gefühl für die Wurfgeräte vorhanden sein“, betonte sie und fuhr selbstbewusst nach Kevelaer. Dort machte sie bereits im Vorkampf des Hammerwurf-Finales alles klar und legte den nötigen Abstand zwischen sich und die Konkurrenz. Kurz darauf hatte sie ihre  24. deutsche Seniorenmeisterschaft gewonnen.

Schade, dass der Beschluss des Internationalen Leichtathletik-Verbandes, auch das Hammerwerfen für die Frauen zuzulassen, für die erfolgreichste Leichtathletin der MT 1861 Melsungen viel zu spät kam. Die Frauen dürfen nämlich erst seit 1999 auf internationaler Ebene mit dem Hammer um die Medaillen werfen. Hella Böker hätte sicherlich 30 Jahre früher ein Kapitel in der Geschichte des Hammerwerfens der Frauen mitgeschrieben, denn sie hat jene Veranlagung, die man benötigt, um in die absolute Weltklasse vorzustoßen. Doch auch wenn ihr Sportgerät nur noch knapp über die 30m-Marke fliegt, hat sie sich nichts vorzuwerfen, denn das reicht immer noch, um in ihrer Altersklasse die Titel zu sammeln. Sie wird aber den vollkommenen Wurf, wo alles in Bewegung zerfließt und der Körper Teil des Sportgerätes wird und umgekehrt, wo die Anstrengung aufgeht in nur mehr gefühlte Harmonie, nicht mehr so spüren, da ihr im Laufe der Jahre die Schnellkraft abhanden gekommen ist.

Auch im Kugelstoßen und in der Vielseitigkeitsprüfung der Werfer, dem Werfer-Fünfkampf, konnte Hella Böker in diesem Jahr die deutsche Meisterschaft gewinnen und sich somit die Titel 25 und 26 sichern.

Mit ihren Erfolgen möchte das Melsunger Aushängeschild die Wurfdisziplinen in der Seniorenklasse weiter nach vorne bringen. „Die Leute sollen merken, dass man auch im Alter noch gute Leistungen erzielen kann und dass Diskus- und Hammerwerfen auch im Seniorenbereich eine ästhetische Sache ist,  die man sich ruhig einmal anschauen kann“, betonte sie und hofft im kommenden Jahr auf einen guten Einstand in der neuen Altersklasse der W70. Alwin J. Wagner rechnet sogar mit vier weiteren deutschen Meisterschaften, sodass sie am Ende des Jahres 2011 allein in der Leichtathletik 30 nationale Titel ihr Eigen nennen kann.

Ihr großes Ziel – und darauf arbeitet sie mit ihrem Trainer hin –  ist eine erfolgreiche Teilnahme an der Senioren-EM in ihrer Heimatstadt Zittau, wo vom 16. bis 25. August 2012 im sog. „Kleinen Dreieck – Zittau, Bogatynia (Polen) und Hradek nad Nisou (Tschechien) die kontinentalen Titelkämpfe ausgetragen werden. Außerdem möchte sie gerne einen weiteren Traum wahrmachen: Sie möchte die Olympischen Sommerspiele 2012 in London als Zuschauerin live erleben und dabei das Knistern der Anspannung der Athleten spüren und mit ihnen Freud und Leid teilen. (ajw)



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