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Heimat will gefunden werden

Jahresempfang der Hephata Diakonie am 4. April mit 120 Gästen

hephata140407Schwalmstadt-Treysa. „Heimat ist offenbar kein statischer, sondern ein dynamischer  Begriff. Ist Ausgangs- und Zielpunkt menschlicher Existenz zugleich“, so Hephata-Vorstand Pfarrer Maik Dietrich-Gibhardt in seiner Besinnung zum Jahresempfang der Hephata Diakonie am 4. April. 120 Gäste aus Gesellschaft, Vereinen, Politik, Wirtschaft, Kirche und Diakonie waren in den Hephata-Kirchsaal gekommen, um die Vorstellung des neuen Jahresmottos der Hephata Diakonie zu erleben. Traditionell wird das Jahresmotto rund um den 1. April, dem Gründungsdatum der Hephata Diakonie vor 113 Jahren, der Öffentlichkeit vorgestellt. In diesem Jahr lautet es: „MitMenschen aktiv – Heimat und Aufbruch.“ Gastredner waren zum einen der Journalist und Buchautor Sebastian Christ. Zum anderen Muzit Haile, die aus Eritrea nach Deutschland geflohen ist und seitdem in einer Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge der Hephata-Jugendhilfe in Kassel lebt.

Zunächst näherte sich jedoch Hephata-Vorstand Maik Dietrich-Gibhardt dem Thema an. Er erinnerte daran, dass das Thema Heimat in der Bibel eine wichtige Rolle spielt, fast immer verbunden mit dem Motiv des Aufbruchs. „Heimat will offenbar gefunden werden. Auch durch Aufbruch. Und will gestaltet werden. Als ein Ort der Geborgenheit und der Zugehörigkeit – und zugleich als ein Ort der lebendigen Begegnung mit Menschen, um Gottes Willen.“ Landeskirchenrat Horst Rühl, Theologischer Vorstand der Diakonie Hessen, richtete im Anschluss daran ein Grußwort an die Gäste. „Heimat trägt man hier“, sagte Rühl, als er sich die Hand aufs Herz legte, „da, wo es warm wird“.  Er mahnte, dass Heimat lebensnotwendig und zugleich ein Menschenrecht sei: „Unsere christliche Grundhaltung lässt uns in den Menschen, die bei uns Heimat suchen, die erkennen, die mit uns gemeinsam das Recht auf ein Leben in Würde, Frieden und Freiheit haben.“ Rühl stellte in diesem Zusammenhang die aktuelle Broschüre der beiden Hessischen Landeskirchen und der Diakonie Hessen „Flüchtlinge willkommen heißen, begleiten und beteiligen“ vor, die Gemeinden und Einrichtungen zu einer Willkommenskultur auffordert. Die Broschüre wurde von der verantwortliche Beauftragten der Landeskirche für Migration und Flucht, Pfarrerin Anna-Sophie Schelwis, anschließend an Interessierte verteilt.

Mit einem Interview boten Muzit Haile (17) und Henning Wienefeld, Fachberater der Hephata-Jugendhilfe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, den Gästen dann einen Einblick in das Leben eine sogenannten UMFs, einen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlings, wie Muzit Haile selbst einer ist. Muzit kam mit damals 14 Jahren aus Eritrea nach Deutschland, ohne Eltern, ohne die deutsche Sprache zu sprechen oder Kultur zu kennen. Sie war heimlich geflohen, vor einer Ausbildung in einem Militärlager, die alle Jugendlichen in Eritrea zwangsweise absolvieren müssen. Ihrer Familie sagte sie nichts von ihren Fluchtplänen, um sie zu schützen. Vier Monate dauerte die Flucht über den Sudan, mit Hilfe eines Fluchthelfers landete sie schließlich auf dem Frankfurter Flughafen. Heute besucht Muzit die Realschule und hat gute Noten, danach will sie das Fachabitur machen und Orthopädie studieren. Alles klar ist trotzdem nicht. „Weiß Deine Mutter, wo Du bist?“, fragte sie Henning Wienefeld. „Ich hatte und habe keinen Kontakt mit ihr. Ich habe keine Ahnung, wie es ihr geht“, erwiderte die 17-Jährige. Muzit gilt in ihrer Heimat als verschollen, würde aber nach einer Kontaktaufnahme als Landesverräterin gelten, deren Familie Gewalt zu fürchten hätte.  „Was war besonders schwer?“, fragte Henning Wienefeld weiter. „Die Sprache, meine erster Tag in der Schule war schwer. Ich dachte, ich werde die Sprach nie verstehen.“ Auf die Frage, was Heimat für sie bedeute, sagte Muzit: „Für mich bedeutet Heimat Mutterland, da wo ich geboren und aufgewachsen bin. Wenn alles gut wäre in Eritrea, würde ich zurückgehen. Dort ist meine Familie, hier fühle ich mich manchmal so klein.“

Der zweite Gastredner des Jahresempfangs war Autor und Journalist Sebastian Christ. Er verließ seine Heimat Frankenberg aus beruflichen Gründen, heute lebt er in Berlin. Mit einer Wanderung von Polen nach Holland erfüllte er sich den lang gehegten Traum der Vermessung der deutschen Provinz. Davon und dem dazu erschienene Buch berichtete er bei einem Fotovortrag beim Jahresempfang. „Man gibt Strukturen auf, vielleicht auch Freundschaften, Gemeinschaft, nicht aber das, was einen geprägt hat“, sagte Christ. Er habe sich bewahrt, auch in der Großstadt nicht provinziell zu denken, wohl aber zu fühlen, in der Beurteilung von Situationen und Menschen. Sein Fazit lautete dann auch: „Nicht jeder muss in Berlin leben, um glücklich zu sein. Es ist sehr, sehr gut möglich, in Deutschland in der Provinz zu sein. Die Provinz ist für mich der Kompass meines Lebens.“ (me)




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