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Online-Zeitung für den Schwalm-Eder-Kreis | 12. Jahrgang | redaktion@seknews.de | www.seknews.de | täglich neu | Preis: 0,00 Euro

Freyherr von Knigge leibhaftig in der Domstadt

rho141029aFritzlar. In einer Kutsche kam Freyherrn von Knigge am Sonntagnachmittag, 26. Oktober 2014, in Fritzlar an. 80 Gäste hatten sich im Sitzungssaal des Fritzlarer Rathauses eingefunden um zu hören, was es mit dieser Reise auf sich hat, die Knigge vor 220 Jahren in seinem literarischen Werk „Reise nach Fritzlar im Jahre 1794“ beschrieben hatte. Die Idee der Erinnerung an den Freyherrn Knigge kam von Dr. Richard Gronemeyer. Er war bei Internetrecherchen über Wikipedia auf einen Beitrag von Manfred Ochs gestoßen. Als Mitglied der Fritzlarer Stadtführergilde hatte sich  dieser mit Knigges Reise nach Fritzlar befasst. Seitdem beschäftigt sich Gronemeyer  mit dem Leben des als „Benimm-Knigge“ bekannten Freyherrn. Schnell wurde klar, dass Knigge nicht auf die Empfehlungen zum sozialen Zusammenleben reduziert werden darf, die er in seinem Werk „ vom Umgang mit Menschen“ beschreibt. Damit  würde man diesem Kind der Aufklärung nicht gerecht, meint Gronemeyer.

Knigge begeisterte sich für die Ideen der französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Dabei  geriet er häufig in Konflikte mit der Obrigkeit, was seiner Karriere im Dienste des Adels nicht gerade förderlich war.

rho141029bAm vergangenen Sonntag fuhr der Freyherr Knigge in Gestalt seines im Stile der Zeit kostümierten Darstellers Gronemeyer standesgemäß mit einer Kutsche vor dem Rathaus vor. Dort nahm er die Huldigungen des Publikums entgegen. Er wurde begleitet von seinem Adlatus Manfred Ochs, der Knigges Zeitgenossen und Intimfeind Lavater spielte.

Im ersten Teil beschrieb Gronemeyer das Leben des immer zu deftigen Späßen und witzigen Einfällen aufgelegten Edelmannes, der sich damit aber nicht immer das Wohlwollen seiner spießigen Zeitgenossen zuzog.

Passend zu den Textpassagen spielte Dr. Ulrich Skubella am Flügel  Musik von Ludwig van Beethoven, einem Geistesverwandten Knigges. In der Mehrzahl waren es Stücke, die Beethoven „Bagatellen“ genannt hat. Damit meint der Komponist kurze Einfälle, die immer sehr originelle Geistesblitze und technisch durchaus keine Bagatellen in unserem heutigen Verständnis des Wortes sind. Besonders gut gelang dem Pianisten die Bagatelle As-Dur, op. 33, Nr.7, einem sehr schnellen Stück („presto“) mit einem harmlos wirkenden Motiv, das in immer schnelleren Bewegungen immer mehr Fahrt aufnimmt und mit grandios hämmernden Akkorden in beiden Händen im fortissimo endet.

rho141029cIm zweiten Teil traten dann der Freyherr Knigge und der Schweizer Geistliche und Gelehrte Johannes Lavater vor das Publikum. Lavater hatte eine Schrift „die Reise nach Kopenhagen“ verfasst, die Knigge zu einer parodistischen Replik („Reise nach Fritzlar“) veranlasste. Zunächst zitierte Manfred Ochs als Lavater gekonnt salbungsvoll näselnd die Banalitäten aus der Lavater-Schrift, darauf kam Knigges Replik, mit der er auf Lavater direkten Bezug nahm, diesen frömmelnden und selbstgerechten Mann verulkend und sogar verhöhnend. Die Zuhörer mussten ihre Ohren spitzen, denn die Sprache des frühen 19. Jahrhunderts ist doch anders als das Deutsch, das wir heute sprechen. Übrigens kam der Reisende Knigge nie in Fritzlar an. Die katholische Stadt war damals, umgeben von einem evangelischen Umland, in einer desolaten Situation und für Knigge ein Ort der Reaktion.

Die Zuhörer genossen den interessanten Nachmittag und dankten den drei Beteiligten mit viel Beifall. (rho)



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