Startseite

Ihre Werbung hier!

SEK-News ist die unabhängige Online-Zeitung für den Schwalm-Eder-Kreis. Täglich neu und kostenlos.

Historische Blechschindeln neu entdeckt

Niederurff. Eine ehemalige jüdische Metzgerei im Ortskern von Niederurff, einem Ortsteil von Bad Zwesten, wurde zu einem besonderen Schmuckstück, weil der Eigentümer, Dr. Stefan Pollmächer, genau hingeschaut und den Wert der historischen Blechschindelfassade erkannt hat. Gemeinsam mit zwei Restauratoren untersuchte er diese besondere, seit dem 19. Jahrhundert europaweit vorkommende Art der Fassadenverkleidung.

Ein stimmiges Häuser-Enseble bilden die mit den Blechschindeln verhängten Giebel-Fassaden. Foto: Dr. Alexander Pollmächer

Ein stimmiges Häuser-Enseble bilden die mit den Blechschindeln verhängten Giebel-Fassaden. Foto: Dr. Alexander Pollmächer

So fiel die Entscheidung, dieses einzigartige Stück Handwerksarbeit nicht zu entsorgen, sondern nach denkmalpflegerischen Gesichtspunkten zu reparieren.

Neues Raster gegen die Schieflage

Die Schindeln wurden sorgfältig dokumentiert, nummeriert und behutsam abgenommen. Nach erfolgter Reinigung und Aufbereitung wurden die Schindeln wieder an die Fassade angebracht. Verformte Elemente konnten mit Hilfe von Wärme wieder in ihre ursprüngliche Form gebracht werden. Nur wo keine Reparatur möglich war, wurden bauzeitliche Schindeln aus anderen Baustellen ergänzt. Eine besondere Herausforderung stellten die Übergänge und die bauliche Schieflage des Gebäudes dar, für die eigens ein neues angepasstes Raster entwickelt wurde.

Auch für die beiden Restauratoren war diese Maßnahme ein Experiment, das nun wissenschaftlich aufgearbeitet und dokumentiert wird, damit das gewonnene Wissen zukünftig auch auf andere Gebäude übertragen werden kann.

Der historische Blechschindelbehang ist ein effektiver Schutz für die darunter liegende Fachwerkfassade. Foto: Dr. Alexander Pollmächer

Der historische Blechschindelbehang ist ein effektiver Schutz für die darunter liegende Fachwerkfassade. Foto: Dr. Alexander Pollmächer

Liebevoll wiederhergestellte Fassade

„Die Instandsetzung der historischen Blechschindelfassade in Niederurff war für uns in vielerlei Hinsicht Neuland. Viele Techniken mussten neu gedacht, historische Materialien neu bewertet und handwerkliche Lösungen eigens entwickelt werden“, sagt Philipp Alexander Sojka, Restaurator und Goldschmied aus Schwalmstadt.

Dass es gelungen sei, daraus ein Modellprojekt zu machen, zeige, wie wichtig Mut, Fachwissen und die enge Zusammenarbeit aller Beteiligten vor Ort seien, ergänzt Rainer Scherb, Schreinermeister und Restaurator aus Gilsa. Er betont: „Blechschindeln sind sehr gut formbar, bieten Schutz vor Korrosion und entfalten eine eigenständige, zeitlose Ästhetik.“

Das Ergebnis ist eine liebevoll wiederhergestellte Fassade mit einem ganz besonderen Charme. „Ich gehe davon aus, dass für die nächsten 100 Jahre an der Fassade Ruhe ist“, so Pollmächer, der jetzt ein Lager für historische Blechschindeln eingerichtet hat. Interessierte können sich gerne bei ihm melden, wenn sie historische Blechschindeln entsorgen oder ihre Fassade reparieren wollen.

Historische Baustoffe auf Dachböden

„Das Projekt verdeutlicht eindrucksvoll, wie Denkmalpflege, handwerkliches Können und Ressourcenschonung ineinandergreifen können“, sagte Elke Hamacher, Bezirksdenkmalpflegerin im Landesamt für Denkmalpflege Hessen.

„Wir finden Blechschindeln auf Dachböden, in Scheunen oder bei Sanierungsmaßnahmen. Derart langlebige historische Materialien sind besonders wertvolle, da sie sich – ebenso wie viele andere historische Baustoffe – hervorragend für die Wiederverwendung eignen.“ Das Projekt setze wichtige Impulse für eine zukunftsfähige Baukultur und sei ein Musterbeispiel für nachhaltiges Bauen und gelebte Denkmalpflege. Die Umsetzung der vorbildlichen Maßnahmen wurde mit Denkmalfördermitteln des Landes unterstützt.

Die besondere handwerkliche Qualität der Verschindelung zeigt sich rund um die Fensterlaibungen. Foto: Philip Alexander Sojka

Die besondere handwerkliche Qualität der Verschindelung zeigt sich rund um die Fensterlaibungen. Foto: Philip Alexander Sojka

Wichtiger Teil der Ortsgeschichte

Der historische Ortskern von Niederurff mit der Burg wurde als charakteristisches Beispiel einer von der Landwirtschaft, einem Adelssitz und einer Wehrkirche geprägten Ortsentwicklung in die Liste der Kulturdenkmäler in Hessen eingetragen. In der Ortsmitte befindet sich auch die ehemalige jüdische Metzgerei als Teil einer giebelständigen Straßenbebauung. Das Gebäude in der Parkstraße 12 trägt maßgeblich zum Denkmalwert der Gesamtanlage bei, die aus Fachwerkgebäuden des 18. und 19. Jahrhunderts besteht. Und es ist bis heute ein wichtiger Teil der jüdischen Geschichte des Ortes.

Weiterführende Informationen liefert das Arbeitsblatt »Historische Fassadenbehänge aus Blech«, das in der Reihe der Johannesberger Arbeitsblätter erschienen ist und über die Beratungsstelle für Handwerk und Denkmalpflege in der Propstei Johannesberg in Fulda erworben werden kann:
https://denkmalpflegeberatung.de/2025/02/03/johannesberger-arbeitsblaetter2024-erschienen/

Dr. Katrin Bek, Landesamt für Denkmalpflege Hessen
red


Tags: , , , , , , , , ,


Ähnliche Beiträge

Bisher keine Kommentare


Einen Kommentar schreiben

© 2006-2026 SEK-News • Powered by WordPress & Web, PR & Marketing• Theme by: BlogPimp/Appelt MediendesignBeiträge (RSS)Kommentare (RSS)ImpressumDatenschutzAGB