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Vorbild fürs neue Leitbild

Interview mit Prof. Dr. Gerhard Wegner zum Jahresempfang der Hephata-Diakonie

Schwalmstadt-Treysa. Prof. Dr. Gerhard Wegner, Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland, wird am 1. April den Festvortrag beim Jahresempfang der Hephata Diakonie halten. Dabei wird Wegner Bezug nehmend auf das neue Jahresmotto Hephatas „MitMenschen aktiv – Vielfalt leben“ über Voraussetzungen für die Teilhabe aller Menschen an der Gesellschaft sprechen.

Herr Prof. Wegner, die Evangelische Kirche fordert die gerechte Teilhabe aller Menschen an der Gesellschaft. Wie kann die aussehen?
Diese Forderung haben wir vor allem auf von Armut bedrohte Menschen bezogen. Aber sie bezieht sich auch auf Menschen mit Behinderung, auf in Pflege befindliche Menschen und andere. Wir versuchen dazu ein Leitbild einer inklusiven Gesellschaft voranzutreiben, in der Menschen nicht irgendwohin abgeschoben oder ausgegrenzt werden, sondern in der möglichst alle sich auch im Zentrum der Gesellschaft beteiligen können.

Wie sieht dieses Leitbild aus?
Wir sind stark engagiert ein Leitbild zu erarbeiten, wie Zusammenarbeit im Sozialraum besser stattfinden kann. Das Stichwort lautet: Gemeinwesendiakonie. Das hat auch etwas mit einem veränderten Leitbild für den Sozialstaat zu tun. Der klassische deutsche Sozialstaat funktionierte auf einer anstaltlichen Basis: Wenn jemand ein Problem hatte, nicht mehr alleine zu Hause leben konnte, dann zog er in der Regel in eine Einrichtung. Davon wollen wir weg, weil wir wissen, dass das nicht den Ansprüchen der Menschen entspricht.

Wohin soll es stattdessen gehen?
Wir entwickeln ein neues Leitbild, das sich an individueller Teilhabeplanung und an Personen orientiert, das Wohnort näher, Menschen näher, Familien näher ist. Ein Beispiel: Wenn eine ältere Person in einem Stadtteil dement wird und nicht mehr alleine zurecht kommt, und es gibt keine Angehörigen mehr, dann wäre die neue Lösung: Es gibt einen Stadtteilmanager, es gibt Menschen im Stadtteil als Anlaufstelle, die gucken, wie kann man trotz aller Probleme sensibel dafür sorgen, dass der Mensch noch möglichst lange im Stadtteil leben bleiben und seinen Unterstützungsbedarf mit verschiedenen Quellen abdecken kann, beispielsweise auch mit Kirchengemeinde und Diakonie. „Wir müssen alle dementich lernen“, hat mein Kollege Thomas Klie vor kurzem gesagt.

Bitte, was?
Wir müssen Menschen mit Einschränkungen in der Mitte der Gesellschaft behalten. Wir müssen lernen, beispielsweise mit dementen Menschen oder mit behinderten Menschen zu kommunizieren, sie zu akzeptieren, anstatt sie in Heime abzuschieben. Das wäre ein enormer Lebenszugewinn für uns alle. Für uns alle, weil viele von uns auch in der Gefahr stehen, selbst dement zu werden oder Demenz in der Familie zu erleben. Wenn man merkt, dass solch eine Erkrankung nicht gleich eine Einweisung oder Ausgrenzung nach sich zieht, kann man viel besser damit umgehen.

Wo zeigt sich die Ausgrenzung noch?
Es gibt viele Barrieren, die im mentalen Bereich der Menschen liegen. Da werden Menschen komisch angeguckt, da wird an Menschen vorüber gegangen. Da trauen Menschen sich selbst nicht, weil sie Scham empfinden, weil sie von Armut bedroht oder betroffen sind, am öffentlichen Leben teilzunehmen, sich in einem Verein zu engagieren. Und Menschen, die vor allem Armen helfen wollen, tun dies oft herabneigend.

Was meinen Sie damit?
Sie tun dann eher gerne etwas für diese Menschen als das sie gerne etwas mit ihnen tun würden. Das muss sich ändern. Man muss den Anderen auf Augenhöhe begegnen, darf sie nicht bevormunden.

Was ist ein Beispiel für eine Hilfe von oben herab?
Es gibt eine Tradition in unseren Kirchengemeinden, die ist älter als die Tafeln, dass man den Armen zu Weihnachten irgendwelche Pakete mit Süßigkeiten schenkt. Ich finde das nicht so toll.

Wieso?
Weil solch eine Art von Fürsorge nicht wirklich jemanden hilft. Da beschert man einmal ein schönes Erlebnis, aber eigentlich signalisiert solche eine Hilfe nur, dass man mit den Menschen gar nichts wirklich zu tun haben will. Man lässt sich ja nicht wirklich auf sie ein. Das alleine kann der Weg nicht sein.

Die Tafeln – wie ordnen Sie die ein?
Die Tafelbewegung ist eine der größten Bürgerbewegungen gegen Armut, die es in Deutschland je gab. Das ist großartig! Das sind oftmals Menschen aus der Mittelschicht, die sich bei den Tafeln vielfältig für arme Menschen einsetzen. Der Weg kann nun nur sein, die Tafelbewegung weiter zu entwickeln.

In welche Richtung?
Dass dort befähigende Maßnahmen gemacht und nicht nur Lebensmittel verteilt werden. Und dass selbst von Armut betroffene Menschen in der Organisation mitwirken, bei der Ausgabe der Lebensmittel und den anderen Maßnahmen. Dann hat man schon eine ganze Menge erreicht.

Ein Schritt auf dem Weg zu einer Gemeinwesendiakonie?
Ja. Da gibt es aber noch eine ganze Menge weitere Schritte, beispielsweise Mehrgenerationenhäuser, Pflegestützpunkte, Familienzentren mit Beratungsangeboten, die aus Kindergärten hervorgehen. Das alles zusammen genommen, bietet große Chancen, die soziale Infrastruktur zu verbessern. Und bietet die Möglichkeit für alle Beteiligten besser als bisher vor Ort Unterstützung und Befähigung zu bekommen.

Fällt Ihnen zum neuen Leitbild ein Vorbild ein?
Ein bundesweit sehr bekanntes und schönes Projekt gibt es in Bremen-Lüssum. Dort haben  Kirchengemeinde, Kommune und Diakonisches Werk zusammen ein Haus für Familien und Anwohner geschaffen, in dem vielfältigste unterstützende Aktivitäten für den Stadtteil betrieben werden. Es finden sich Angebote von Kochkursen für Hartz IV-Empfänger über unterstützende Beratungen für muslimische Frauen bis hin zur Beratung für pflegebedürftige Menschen und deren Angehörige. Das ist eine wunderbare Sache. Und Vielfalt – in Bezug auf Betroffene und Hilfen.

„Vielfalt leben“ – wann wäre das für Sie Realität?
Wenn wir uns gegenseitig nicht mehr komisch angucken. Wenn sich möglichst viele Menschen auf Augenhöhe begegnen. (Das Gespräch führte Melanie Schmitt)



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