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Werkstätten im Visier

Selbsthilfetag bei Hephata zur Zukunft der Arbeit mit Behinderung

SONY DSCSchwalmstadt-Treysa. Die klassischen Werkstätten für Menschen mit Behinderungen waren einst eine Errungenschaft des Sozialstaats.  Doch auf dem  Weg zur inklusiven Gesellschaft, in der alle Menschen das gleiche Recht auf Arbeit haben, stehen Alternativen zur Diskussion. „Wie sieht die Zukunft der Arbeit mit Behinderung aus?“,  lautete  dann auch das Thema des Selbsthilfetags am 11. Oktober 2014.

Eingeladen hatte die Arbeitsgemeinschaft Behinderter Menschen, Angehöriger und Beiräte in der Diakonie Hessen (AGBM) auf das Stammgelände Hephatas in Treysa. Vorsitzender Helmut Opper begrüßte rund 70 Teilnehmer im Speisesaal der Werkstätten am Lindenplatz. „Wir sind gerne Gastgeber des 20. Selbsthilfetags“, sagte Pfarrer Maik Dietrich-Gibhardt, Vorstandssprecher der Hephata Diakonie, gegenüber den Vertretern aus Behinderteneinrichtungen, aus der Politik und Betroffenen. Dietrich-Gibhardt nannte Stefan Wagner als positives Beispiel:  Der 33-Jährige arbeitet auf einem Bio-Hof in Momberg, betreut von der Hephata-Werkstatt für  Menschen mit Behinderungen. „Durch passende Arbeit ist er mitten im Arbeitsleben, das empfindet er als Glück.“ Ermöglicht werde dies durch das so genannte Betriebsintegrierte Beschäftigungsprogramm (BiB) des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen als überörtlichem Sozialhilfeträger.

Großen Raum nahm während des Selbsthilfetags die Frage nach der Zukunft der Werkstätten ein. Der Prozess, sich gegenüber dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu öffnen,  werde für die  Werkstätten nicht von Nachteil sein, so  Landtagsabgeordnete Claudia Ravensburg (CDU). Man dürfe die Menschen allerdings nicht allein lassen, sondern müsse individuell schauen, was für wen der richtige Weg sei.  Auch SPD-Bundestags­abgeordneter Dr. Edgar Franke zweifelte nicht daran, dass die Werkstätten weiterhin von großer Bedeutung für die Arbeit mit Menschen mit Behinderungen sein würden.  Laut Koalitionsvertrag müsse der Kreis bei der Eingliederungshilfe entlastet werden, „in Werkstätten werden eher mehr als weniger Menschen arbeiten“, so die Einschätzung des gesundheitspolitischen Sprechers .

SONY DSCDas Ziel des Landeswohlfahrtsverbandes (LWV) Hessen sei es,  bei der Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen eine Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt anzustreben, sagte Jürgen  Melchior. Als Zwischenschritt von der Arbeit in Werkstätten und einem sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis könne das erwähnte BiB angesehen werden, bei dem Menschen die Chance bekommen, sich in Betrieben des allgemeinen Arbeitsmarktes zu testen. Als einen wichtigen Baustein bezeichnete Melchior das neue Hessische Perspektivprogramm zur Verbesserung der Arbeitsmarktchancen schwerbehinderter Menschen (HePAS) des LWV Hessen. Damit ist es seit 2014 möglich, dass Einstellungsprämien für Arbeitgeber zur Verfügung gestellt werden, wenn sie  Menschen mit Behinderungen beschäftigen. Außerdem können auch Werkstätten eine Prämie erhalten, wenn ein  Mensch mit Behinderung aus der Werkstatt in ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis wechselt.  Für Menschen, die nicht in Werkstätten beschäftigt sein wollen, gebe es zudem die Möglichkeit des persönlichen Budgets für Arbeit. Hier müsse jedoch noch sicher gestellt werden, dass diese Menschen auch über eine Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung verfügten. Schwierig sei die Situation insbesondere für die wachsende Zahl von Menschen mit seelischen Beeinträchtigungen, für die es bislang keine Möglichkeit gebe, am allgemeinen Arbeitsleben teilzunehmen, so Melchior weiter.

„Wir sind überrascht gewesen, wie viel Offenheit uns auf dem Arbeitsmarkt seitens der Betriebe begegnet  ist“, berichtete Stefan Reuß, Landrat des Werra-Meißner Kreises. Für zwei Jahre ist der Landkreis Modellregion für Inklusion. Ziel sei es, bis zum Jahr 2020 100 zusätzliche Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen zu schaffen, 25 zusätzliche Plätze seinen schon in diesem Jahr durch den Aufbau von vier neuen Dorfläden in Zusammenarbeit mit der Handelskette tegut geschaffen worden. Nichtsdestotrotz werde es noch einige Zeit in Anspruch nehmen,  bis Betriebe die Arbeit mit Menschen mit Behinderung  als Chance begriffen, so Reuß.

Aus Sicht einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen beteiligte sich  Wolfgang Zöller vom Lebenshilfewerk Marburg-Biedenkopf an dem Selbsthilfetag. „Ich sehe die ganzen Ansätze etwas kritisch“, sagte er. „Wir haben einen hohen Zufriedenheitsgrad in den Werkstätten, was ist daran so schlimm?“  Er habe Sorge, dass der Begriff der Fürsorge in der laufenden Diskussion auf der Strecke bleibe.  Mit  95  BiB-Plätzen im Landkreis Marburg-Biedenkopf seien die Grenzen des Machbaren erreicht – „wenn mehr gefordert wird, muss auch mehr Geld in das System fließen“. Zudem sei in Zukunft mehr und mehr die individuelle Einzelbetreuung gefragt:  Die Zahl der Menschen mit Mehrfachbehinderungen und Menschen mit seelischen Behinderungen werde steigen, die Bedeutung der Tagesförderstätten zunehmen. „Wir setzen uns für die Weiterentwicklung der Werkstätten ein“, sagte Joachim Bertelmann  von der Baunataler Diakonie Kassel, der gemeinsam mit Armin Gutwald  die Positionen der Diakonie Hessen vertrat. Die Werkstätten sollten sich entgegen ihres Images der Bastel- und Spielbuden möglichst dem Wettbewerb des Kapitalmarkts stellen. Das Recht auf Teilhabe am Arbeitsplatz könne auch in den Werkstätten gelingen. Die Diakonie wolle auch Menschen mit schwereren Behinderungen die Teilhabe am Arbeitsplatz ermöglichen, hierfür eigneten sich die Werkstätten am besten. Die Entscheidung, wer wo arbeite, dürfe nicht davon abhängen, wer die Unterstützung für einen Arbeitsplatz zahlt.

In den  Arbeitsgruppen  und der anschließenden Podiumsdiskussion kam die Frage nach der Finanzierung auf. Günter Ritter vom Werkstattrat Hephatas: „Ich unterstütze alle Kollegen, die raus wollen, aber es muss auch gewährleistet sein, dass die, die in den Werkstätten bleiben, betreut sind, das genügend Personal vorhanden ist.“  Jörg Hesse von der AGBM gab zu bedenken, dass der überwiegende Teil der Menschen, die ein Beschäftigungsverhältnis außerhalb der Werkstätten anstrebten, wieder zurück kämen:  Sie seien nicht genügend qualifiziert und nicht genügend vorbereitet für den Arbeitsmarkt. „Wie bereite ich den Meister am Arbeitsplatz darauf vor, wie er mit seinem neuen Kollegen mit Behinderung umgehen soll?“, wollte Detlef Schwierzeck  wissen, Mitarbeiter der Hephata Diakonie und Erster Stadtrat, der neben Bürgermeister Dr. Gerald Näser die Stadt  Schwalmstadt  vertrat.  Das  Umfeld  müsse  auf Menschen mit Behinderungen vorbereitet werden, am besten im Betrieb selbst, sagte Landtagsabgeordneter Ernst-Ewald Roth (SPD).

Damit  es möglichst vielen Menschen mit Behinderungen so ergeht wie Stefan Wagner, müssen noch einige Barrieren beseitigt werden, dies wurde während des Selbsthilfetags deutlich.  In Treysa stellt allein schon der Bahnhof eine Hürde da, allen Menschen das Recht auf Arbeit zu ermöglichen – der Zugang zu den Zügen ist  nicht barrierefrei, wie Johannes Putz, ehemaliger Beschäftigter und Mitarbeiter der Hephata Diakonie, hervorhob.  „Ich nehme es als Arbeitsauftrag mit nach Berlin, hier  noch einmal  bei der Bahn nachzuhaken“, sagte Franke. (Kerstin Diehl)

Hintergrund:
Im Jahr 2006 haben die Vereinten Nationen die Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen verabschiedet. Diese ist seit 2009 in Deutschland in Kraft. Demnach haben behinderte Menschen das gleiche Recht auf Arbeit. Die Arbeit soll die Möglichkeit eröffnen, den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. Zehn Prozent der Bürger in Hessen leben nach der amtlichen Statistik mit körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderungen.  Nach Angaben des Landeswohlfahrtsverbandes arbeiteten in Hessen im Jahr 2013 rund 20 000 Bürger in Werkstätten für behinderte Menschen oder wurden in Tagesförderstätten betreut. Daneben besuchten 2600 Menschen Tagesstätten für seelisch behinderte Menschen.



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