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Sinti und Roma besuchten die Homberger BTHS

Schüler der BTHS hörten aufmerksam zu. Foto: Thomas Schattner

Schüler der BTHS hörten aufmerksam zu. Foto: Thomas Schattner

Homberg. Am 75. Jahrestag der Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 waren drei Repräsentanten des hessischen Landesverbandes der Sinti und Roma zu Gast in der Aula des Homberger Gymnasiums. Dieser Termin war ganz bewusst gewählt. Vor 75 Jahren war der Holocaust längst im Gange (die ersten ca. 1.000 jüdischen Bürger aus dem Regierungsbezirk Kassel wurden bereits am 9. Dezember 1941 von Kassel aus deportiert). Denn an diesem 20. Januar 1942 ging es den Machthabern im NS-Staat darum, die Verantwortung für den Völkermord auf möglichst viele Schultern zu verteilen.

Damals trafen sich Repräsentanten von Staat, Partei und NS-Organisationen wie der SS (Schutzstaffel, ursprünglich so etwas wie Hitlers Privatarmee) bzw. der Gestapo (Geheime Staatspolizei) im Süden von Berlin am Wannsee in einer ehemals jüdischen Villa. Dort wurde eiskalt und technokratisch der Plan geschmiedet, elf Millionen jüdische Bürger Europas zu ermorden. Dass davon tatsächlich rund sechs Millionen in den NS-Vernichtungslagern im östlichen Europa ermordet wurden, ist allgemein bekannt. Wer aber gedenkt der 500.000 ermordeten europäischen Sinti und Roma (darunter ca. 700 hessische Sinti und Roma), die sich auch sprachlich bis heute mit der Bezeichnung „Zigeuner-Lager“ im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau erhalten haben?

Schulleiter Dr. Weskamp bei der Begrüßung der Gäste. Foto: Thomas Schattner

Schulleiter Dr. Weskamp bei der Begrüßung der Gäste. Foto: Thomas Schattner

Dass war Anlass genug, dass die AG „Schule ohne Rassismus“ der BTHS unter ihrem Leiter Thomas Schattner bewusst am diesem Tag Sinti und Roma nach Homberg eingeladen haben. Zumal ein Teilnehmer der Wannseekonferenz schon im Jahr 1924 in der gleichen Aula Vorträge gehalten hat. Der spätere Chef des Volksgerichtshofes (dem berüchtigten Gericht im nationalsozialistischen Deutschland, welches zum Beispiel die Verschwörer um Stauffenberg nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 hat hinrichten lassen) Roland Freisler hatte während seiner Assessorentätigkeit am Homberger Amtsgericht 1924 Vorträge im gleichen Raum gehalten.

Fatima Stieb, Rinaldo Strauß und Malte Clausen (alle vom Landesverband der hessischen Sinti und Roma) berichteten und diskutierten aus diesem Grund mit den Schülern der Jahrgangsstufe 13 eine Schulstunde über  Rassismus im heutigen Alltag. Dabei gab es viel Neues für die Schüler zu hören.  So berichtete Rinaldo Strauß über die Schwierigkeiten, zusammen mit seiner Frau in Marburg eine Wohnung mieten zu können. Nach einer fast schon telefonischen Einigung mit den Vermietern, zogen diese regelmäßig die „Bremse“, nachdem sie den leicht dunkelhäutigen Mann persönlich kennen lernten. Plötzlich hieß, es seien noch andere Bewerber im Rennen. Dann wurden er und seine Frau lange hingehalten. Am Ende gab es nur Absagen. Des Weiteren berichtete er, dass seine Frau in einer Boutique in Berlin am Kurfürstendamm gearbeitet hätte. Schon beim Einstellungsgespräch wären Polen und „Zigeuner“ thematisiert worden, denn diese hätten in der Boutique nichts zu suchen, schließlich würden sie nur klauen. Rhetorisch fragte dann Strauß die Schüler, „hätten sie sich geoutet?“ Mehrfach betonte er, es komme auf den Mensch, seinen Charakter und seine Persönlichkeit an. Und auf nichts anderes!

Fatima Sieb berichtete anschließend, dass sie über 50 Bewerbungen nach ihrem Realschulabschluss geschrieben habe. Nur fünf Arbeitgeber hätten ihr geantwortet, nur weil auch sie einen etwas dunkleren Teint hat. Später sei sie in der Ausbildung gemobbt worden. Als bekannt wurde, dass sie eine Sinti ist, wurde ihr zunächst die Arbeit an der Kasse des ausgebildeten Einzelhandelsgeschäfts verboten. Sukzessiv wurden ihr immer mehr Betätigungen im Rahmen ihrer Ausbildung verboten, so dass eine „normale“ Ausbildung nicht mehr möglich gewesen sei. Dabei hatte sie sich immer ganz normal verhalten. Später berichtete sie davon, wie schwer es sei, die Kinder der Sinti und Roma auf „normale“ Schule gehen zu lassen. Viele Grundschullehrer in Bad Hersfeld würden nahezu noch immer automatisch den Kindern dieser Minderheit die Empfehlung zum Besuch der Sonderschule geben.

Fatima Stieb, Rinaldo Strauß und Malte Clausen vom hessischen Landesverband der Sinti und Roma. Foto: Thomas Schattner

Fatima Stieb, Rinaldo Strauß und Malte Clausen vom hessischen Landesverband der Sinti und Roma. Foto: Thomas Schattner

So wurde schnell klar, dass auch heute noch Vorurteile das Bild der Sinti und Roma in der Bundesrepublik bestimmen. Malte Clausen ergänzte dann, dass Vorurteile vielleicht so etwas wie urmenschlich sind, um sich selbst zu schützen. Wichtig sei aber, sich dessen bewusst zu sein und immer wieder dagegen anzukämpfen. Und das sei gerade auch heute unbedingt notwendig, so Rinaldo Strauß, der sich persönlich sehr besorgt um die aktuelle politische Situation auf der Welt zeigte. Er ordnete die Diskriminierung der Sinti und Roma in den politischen globalen Diskurs ein. Wenn der zukünftige US-Präsident Donald Trump, nur um an die Macht zu kommen, z.B. gegen Latinos in den USA Wahlkampf geführt habe, wenn Rechtspopulisten in Großbritannien den Brexit erreicht hätten, dann fragte er sinngemäß, wohin steuert die Welt?

In einer zweiten Schulstunde führten Malte Clausen und Rinaldo Strauß enorm informativ und spannend einen Geschichtskurs der Jahrgangsstufe 13 und die AG „Schule ohne Rassismus“ durch die Ausstellung zur Geschichte des Antiziganismus, die seit Dienstag an der BTHS im Foyer des Altbaus bis zum 8. Februar der Öffentlichkeit zugänglich ist. In diesem Zeitraum bieten die Schüler der AG an, selbständig Klassen und Kurse durch die Ausstellung zu führen.

Damit endete an der BTHS ein informativer und für die Schüler mit bleibenden Eindrücken verbleibender  Vormittag am 75ten Jahrestag der Wannsee-Konferenz. (Thomas Schattner)



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