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Müller-Festspiele beim Sieg über Minden

Philipp Müller. Foto: Heinz Hartung

Philipp Müller. Foto: Heinz Hartung

Kassel/Melsungen. Eine ganze Halbzeit Anlauf brauchte die MT Melsungen beim 31:27 (14:15) über GWD Minden, um zunächst einmal die kurzfristigen Ausfälle zweier Schlüsselspieler zu verarbeiten. Erst dann kam die Mannschaft vor 4.168 Zuschauern in der Kasseler Rothenbach-Halle auf Betriebstemperatur und landete schließlich einen geduldig erkämpften Arbeitssieg gegen über weite Strecken frech aufspielende und zumeist ebenbürtige Gäste. Stärkste Melsunger waren Philipp und Michael Müller, mit acht, bzw. sechs Toren, für GWD traf Luka Zvizej sechsmal ins Netz.

Sie nahmen kein Ende, die Hiobsbotschaften für die MT Melsungen vor Anpfiff der Partie gegen Minden. Zuletzt erwischte es auch noch Johan Sjöstrand sowie Julius Kühn, die beide im Aufgebot fehlten. Der Rest der Rekonvaleszenten, inklusive Nebojsa Simic, stand zwar immerhin wieder mit auf dem Spielberichtsbogen, im Vollbesitz der Kräfte waren indes die wenigsten.

Entsprechend wild ging es vor allem in der Deckung zu, wo Mathias Lenz zu seinem ersten Einsatz in der Start-Sieben kam. Vor ihm bildete der zurückgekehrte Finn Lemke den Innenblock zusammen mit Philipp Müller, der im Vorwärtsgang auch die Kühn-Position besetzte. Und der aus Sicht der Einheimischen durchaus Akzente zu setzen wusste. Der Haken dabei: es waren nur Reaktionen. Auf das forsche Tempo der Gäste nämlich, die angesichts der personellen Lage des Gastgebers ihre Chance witterten und von Beginn an mächtig aufs Tempo drückten.

So führten die Weserstädter nach sieben Minuten schon mit 5:2 und schickten sich an, die Rothenbach-Halle im Sturm zu nehmen. Erst allmählich vermochten sich die Nordhessen zusammenzufinden und wenigstens in der Bewegung nach vorn etwas mehr Struktur in die eigenen Reihen zu bringen. Was ganz klar Philipp Müller zuzuschreiben war. Der ackerte unermüdlich, tauchte mitunter sogar halbrechts am Kreis auf und fand die Muße, seinen Bruder Michael bei dessen 6:8 per Kempa-Anspiel zu bedienen (13.). Den 8:9-Anschluss besorgte er selbst, für den erstmaligen Ausgleich zum 9:9 zeichnete Michael Allendorf verantwortlich (19.).

GWD-Trainer Frank Carstens reagierte, brachte Kim Sonne-Hansen für den bis dahin weitgehend glücklosen Espen Christensen zwischen die Pfosten. Ein Wechsel mit Wirkung, denn der parierte gleich mehrfach und war Wegbereiter für die nächste Drangphase der Gäste. Zweimal Luka Zvizej und Anton Mansson stellten auf 11:14 (28.). Felix Danner unter härtester Bedrängnis per Rückhand traf, die letzte Möglichkeit vor der Pause bekam Timm Schneider mit einem Freiwurf bei bereits abgelaufener Uhr. Und er nutzte sie! Links an der GWD-Abwehrmauer und per Aufsetzer an Kim Sonne-Hansen vorbei ins entlegene, linke Eck. Ein echtes Sahnestück zum Abschluss einer spielerisch nicht hochklassigen, aber dafür immer unterhaltsamen Partie.

Es war ein Treffer mit Tiefenwirkung. Denn aus der Kabine kam eine MT mit völlig veränderter Körpersprache. Die Abwehr, wie zu Beginn wieder mit Finn Lemke und Philipp Müller im Innenblock, packte ganz anders zu, die Zusammenarbeit mit Mathias Lenz klappte weitaus besser als vor der Pause. Auch der Zug zum Tor war ein ganz anderer. Philipp Müller drehte mächtig auf, Marino Maric war am Kreis kaum mehr zu kontrollieren. Viermal Müller, dreimal Maric und Melsungen führte plötzlich mit 21:17 (43.).

Eine Vorentscheidung war das jedoch noch nicht. Carstens wechselte erneut die Torhüter, diesmal zurück auf Christensen. Erneut mit Fortune, denn der blieb gleich einmal im Siebenmeterduell gegen Tobias Reichmann der Sieger. Und auch mit der Hereinnahme von Nenad Bilbija bewies der GWD-Coach ein glückliches Händchen. Dreimal jagte der 2,08m-Hüne das Leder ins Netz, Minden war wieder dran auf 23:21 (48.).

Nicht lange allerdings, weil Melsungen inzwischen seine Linie gefunden hatte. Zweimal Maric vom Kreis und der alte Abstand war wieder hergestellt (25:21, 50.). Boomhouwer kam und traf ebenfalls sofort zweimal zum 29:25 (55.). Wie überhaupt auffiel im Spiel der Rot-Weißen: das Flügelspiel klappte streckenweise endlich wieder. Sowohl Allendorf als auch Tobias Reichmann trafen im ersten Durchgang über die Außenpositionen als auch Boomhouwer im zweiten. Am Ende brauchte es dann kein Husarenstück der Marke Schneider mehr. Kapitän Michael Müller machte höchstpersönlich mit zwei Toren in der Schlussminute den Deckel drauf, Nenad Bilbija konnte mit der Schlusssirene lediglich noch Ergebniskosmetik betreiben.

Stimmen zum Spiel

Michael Roth: Das war heute wieder so ein Spiel, wo man als Trainer gleich ein paar Jahre älter wird. Insofern bin ich froh, dass wir es gewonnen haben. Wir hatten in der Woche vorher wirklich arge Probleme und uns musste sogar unser Sportchef zweimal im Training aushelfen. Erst in der zweiten Halbzeit haben wir mehr Zugriff auf den Gegner bekommen und ihn unter Druck gesetzt. Da war dann auch die Körpersprache da. Vor allem Philipp Müller und Timm Schneider waren stark, Marino Maric hat nach einem Anpfiff in der Kabine zur Halbzeit die Kurve gekriegt. Jetzt spielen wir erstmal schon am Donnerstag in Göppingen um anschließend wieder zehn Tage frei zu haben. Es ist ein komischer Spielplan.

Frank Carstens: Glückwunsch an die MT zum Sieg und an Michael zum 500. Bundesligaspiel als Trainer. Sowas muss man auch erstmal hinkriegen! Ich habe gerade meiner Mannschaft in der Kabine ein Kompliment gemacht für das Spiel heute und die zu jeder Zeit gute kämpferische Einstellung. Wir müssen aus solchen Spielen lernen, einfach cleverer zu werden. Wir hätten zur Pause schon höher führen müssen. In der zweiten Halbzeit haben wir die Qualität in der Deckung nicht mehr halten können. Chancen waren trotzdem da, es hätte Mitte der zweiten Hälfte auch 22:22 stehen können. Da haben wir zwei freie Möglichkeiten hintereinander vergeben. Es war ein super intensives Spiel, aus dem wir uns ein etwas besseres Ergebnis gewünscht hätten.

Axel Geerken: Es zeigt, wie groß die Verzweiflung sein muss, wenn sogar der Manager im Training ins Tor geht. Matthias Lenz kam erst heute morgen zur Mannschaft und hat seine Sache hervorragend gemacht. Er war mit dafür verantwortlich, dass wir das Spiel gewinnen konnten. Spielerisch war das sicher nicht, wie man sich das wünscht. Aber es zeigt dem Trainer auch, was man noch verändern kann.

Frank von Behren: Wir hätten das hinten vielleicht auch mit etwas mehr Kopf spielen können. Melsungen war, bis auf ich glaube drei abgepfiffene falsche Sperren, äußerst effizient. Wir hätten die Schwächephase der MT in der ersten Halbzeit besser nutzen und vielleicht mit drei oder vier in die Pause gehen müssen. So waren wir dann in der zweiten Hälfte nur noch Teilnehmer an den Müller-Festspielen. Unglaublich, was die beiden heute wieder gebrachte haben. Sicher sind wir etwas enttäuscht, weil wir uns zur Hälfte noch was ausgerechnet hatten. Aber wir konnten das Tempo dann nicht mehr mitgehen.

Statistik

MT Melsungen: Lenz (13 Paraden / 27 Gegentore), Simic (bei einem Siebenmeter, 0 P. / 0 G.), Meyfarth (n. e.); Maric 5, Lemke, Golla, Reichmann 5/2, Mikkelsen, Danner 1, P. Müller 8, Boomhouwer 2, Schneider 2, Allendorf 2, M. Müller 6, Haenen, Langhans – Trainer Michael Roth.

GWD Minden: Christensen (6 P. / 19 G.), Sonne-Hansen (7 P. / 12 G.); Mansson 2, Rambo 4, Korte, Südmeier 2, Pusica 1, Gullerud 3, Michalczik 3, Svitlica 2, Staar, Bilbija 4, Zvizej 6/1 – Trainer: Frank Carstens.

Schiedsrichter: Julian Köppl (Bingen) / Denis Regner (Nieder-Olm)

Zeitstrafen: 4 – 8 Minuten (Lemke 19:20, Schneider 45:05 – Michalczik 13:10, Gullerud 34:26 53:10, Rambo 44:45)

Strafwürfe: 3/2 – 2/1 (Reichmann scheitert an Christensen 44:48, Zvizej über das Tor 54:13)

Zuschauer: 4.168 in der Rothenbach-Halle, Kassel

Die nächsten Spiele:
Do., 15.03.18, 19:00 Uhr, FA Göppingen – MT Melsungen, EWS-Arena
So., 25.03.18, 12:30 Uhr, MT Melsungen – TuS N-Lübbecke, Rothenbach-Halle

(Bernd Kaiser)



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