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Flucht nach Holland war keine Rettung

Palästina war sein Traum, der Hass der Felsberger Nazis sein Tod. Max Weinstein wurde in Auschwitz ermordet. Fotos: Stadtarchiv Felsberg | Nationaal Archief Niederlande
Palästina war sein Traum, der Hass der Felsberger Nazis sein Tod. Max Weinstein wurde in Auschwitz ermordet. Fotos: Stadtarchiv Felsberg | Nationaal Archief Niederlande

Region. Am 27. Januar war der 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Für 1.1 Millionen Menschen, darunter eine Million Juden, endete in dieser Tötungsfabrik ihr Lebensweg.

Erinnerung an den Weinstein-Mord

Auch sechs Felsberger Juden wurden in den Gaskammern von Auschwitz ermordet. Einer von ihnen war Max Weinstein, dessen Lebensweg dort als 23-jähriger am 31. März 1944 endete. An ihn soll hier erinnert werden.

Max Weinstein hatte einen Weg gesucht, um vor dem sich in Felsberg gleich nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten massiv ausbreitenden Klima von Hass und Intoleranz gegenüber den Juden zu flüchten. Er emigrierte bereits als Jugendlicher in die Niederlande, lebte zunächst in Brackwede, später verdingte er sich als Landarbeiter in Rekum, einem kleinen Ort bei Arnheim. Max hoffte dort der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entgehen.

Max’ Ziel war Palästina

Doch nachdem die Deutschen die Niederlande besetzt hatten, wurde er am 9. April 1943 in Heelsum verhaftet und in das KZ Herzogenbusch eingewiesen. Von dort brachte man ihn am 3. Juli 1943 nach Westerbork und acht Wochen später mit einem Sammeltransport nach Auschwitz.
Sein älterer Bruder Siegward, der die Flucht im Jahr 1936 aus Felsberg nach Argentinien ergriffen hatte, versuchte ihn wiederholt in Briefen dazu zu bewegen – zu einem Zeitpunkt, als dies noch möglich war – ihm nach Argentinien zu folgen. Doch Max lehnte ab, er war überzeugter Zionist, sein Ziel war es daher, nach Palästina zu gelangen.

Max Weinstein als Jugendlicher. Foto: Nationaal Archief Niederlande
Max Weinstein als Jugendlicher. Foto: Nationaal Archief Niederlande

Überlebenskampf ohne Ernährer

Leicht hatte es Max schon als Kind in seinem Elternhaus nicht gehabt. Geboren im Jahr 1920, war er ein echter Nachkömmling. Seine Geschwister Ida (1910), Johanna (1912) und Siegward (1914) waren deutlich älter als er. Vater Isidor, der ein Bruder von Robert Weinstein, dem ersten Todesopfer des Novemberpogroms war, starb bereits früh an seiner Zuckerkrankheit. Er war ein hoch angesehener Veteran des Ersten Weltkrieges und wurde 1928, als Max gerade acht Jahre alt war, mit allen militärischen Ehren er auf dem jüdischen Friedhof in Felsberg bestattet.

Die Familie ohne Ernährer musste um ihr Überleben kämpfen. Bruder Siegward machte sich bereits in jungen Jahren als Fellhändler selbstständig und versuchte so die anderen Familienmitglieder mitzuernähren. Durch den Tod der Schwester Johanna als 16-jährige wurde das Leid der Familie noch vergrößert. Die älteste Schwester Ida ging nach 1933 nach Hamburg und später nach Leipzig, um sich dort ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Auch sie überlebte wie Max den Holocaust nicht. Sie wurde nach Riga deportiert, wo sich ihre Spur verliert.

Hab und Gut an so genannte Christen verschleudert

Emma Weinstein, der Mutter von Max, gelang noch im letzten Moment – Ende 1939 – die Flucht zu ihrem Sohn Siegward nach Argentinien. Sie musste die Übergriffe des Novemberpogroms in Felsberg noch miterleben. Ihr Hab und Gut, konnte sie nur noch zu Preisen weit unter dem tatsächlichen Wert an ihre „christlichen“ Nachbarn verschleudern. Ihr Umzugsgut, dass sie bei einer Spedition in Kassel aufgegeben hatte, kam nie in Argentinien an. 1941 wurde sie zwangsweise ausgebürgert, ihr Bankguthaben fiel an das Deutsche Reich.

Wiedergutmachung abgelehnt

Als Emma Weinstein dann in den 1950er-Jahren aufgrund der erlittenen Traumatisierungen durch die Ermordung ihres Sohnes Max und ihrer Tochter Ida, sowie die ständigen Erniedrigungen und Diskriminierungen eine Gesundheitsschadensrente beim Amt für Wiedergutmachung beantragte, wurde dies abgelehnt. Ihre Krankheit sei „anlagebedingt“, ein ursächlicher Zusammenhang zum Verfolgungsschicksal sei nicht festzustellen.

Am 24. Mai 2017 wurden zur Erinnerung an Emma, Ida, Siegward und Max Weinstein vor dem ehemaligen Wohnhaus der Familie in der Quergasse vier Stolpersteine verlegt.

Heute erinnern vier Stolpersteine vor ihrem ehemaligen Wohnhaus an Emma, Ida, Siegward und Max Weinstein Foto: Dieter Vaupel
Heute erinnern vier Stolpersteine vor ihrem ehemaligen Wohnhaus an Emma, Ida, Siegward und Max Weinstein Foto: Dieter Vaupel

51 Felsberger überlebten den Holocaust nicht

Laut dem Gedenkbuch des Bundesarchivs und Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem haben insgesamt 51 Bürger Jüdischen Glaubens aus Felsberg den Holocaust nicht überlebt, 15 fanden den Tod in Riga, zehn in Theresiensstadt, andere In Buchenwald, Treblinka, Lod, Sobibor, Majdanek und Stutthof. Sechs Felsberger Juden wurden in Auschwitz umgebracht: Siegmund Adler *24.11.1893 in Felsberg; Bertha Israel geb. Goldschmidt *06.10.1892 in Felsberg; Bertha Köhler geb. Löwenstein *01.12.1869 in Felsberg; Helena Levie, geb. Weingarten *03.11.1863 in Felsberg; Sigismund O. Moses *20.12.1902 in Felsberg; Max Weinstein *23.08.1920 in Felsberg.

(Dr. Dieter Vaupel)




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