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Uwe Winkler vier Wochen lang als Arzt in Afghanistan

Schwalmstadt-Treysa. „Man kommt nie so raus, wie man reingeht“, sagt Uwe Winkler. Der Leiter der Psychiatrischen Tagesklinik Hephata hat als Oberst-Arzt der Reserve und Mitglied des deutschen ISAF-Kontingentes (International Security Assistance Force) im Camp Marmal, nahe der afghanischen Stadt Mazar-i-Sharif, vier Wochen lang gedient. Schwerpunkt seiner Arbeit: Psychotraumatologie, die Behandlung seelischer Verwundungen. Winkler ist kein Frischling. Der Leiter der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie an der Hephata-Klinik absolvierte schon während des Studiums seine Famulatur in Ägypten. Später war er für die Bundeswehr und die private Hilfsorganisation „Care International“ unter anderem im Kongo, Kosovo oder Saudi-Arabien. „Wenn Sie einmal damit angefangen haben, kriegen Sie ein Faible dafür“, sagt Winkler.

Auch wenn der 47-Jährige inzwischen Familienvater ist, motivieren ihn immer wieder vor allem drei Dinge zu den mitunter gefährlichen Einsätzen. Verantwortungsgefühl: In erster Linie nicht gegenüber der Bundeswehr: „Ich bin denen nichts schuldig.“ Dann Dankbarkeit: Dafür, hier geboren zu sein und nicht in der Dritten Welt, Dankbarkeit für das eigene Leben. „Warum hat ein Mensch, der in einem Dorf in Afghanistan geboren wird, eine Lebenserwartung von 45 Jahren und jemand, der hier geboren wird, von 80?“ Und als letztes Motiv die persönliche Bereicherung, einen geschärften Blick für die wirklich wichtigen Dinge zu bekommen: „Die Welt ist mehr als das, was wir hier erleben. Oft ärmer und härter.“

Bleibende Erinnerungen
Die Umstände, die Winkler dafür bei seinen Auslandseinsätzen in Kauf nimmt, sind alles andere als komfortabel. In Afghanistan war er täglich zwischen 7.30 und 20 Uhr im Feldlazarett im Dienst. Danach hatte er nicht frei, sondern Bereitschaftsdienst. Die Freizeitmöglichkeiten waren stark begrenzt. Doch nicht nur aus diesen Gründen weiß Winkler, dass „diese vier Wochen dauerhaft in Erinnerung bleiben“. Verantwortlich dafür sind die Begegnungen. Wie die mit dem elfjährigen Ali*. Der Junge geriet in ein Gefecht zwischen ISAF-Soldaten, afghanischer Armee und Taliban. Eine Kugel durchschlug seinen Arm, zerstörte teilweise Milz und Darm, blieb dann in der Wirbelsäule stecken. Winkler unterstützte den Neurochirurgen und beteiligte sich an der Nachsorge des Jungen, der mehrmals operiert werden musste und einen künstlichen Darmausgang bekam.

Oder aber die Begegnung mit Jalal*, der ein so genanntes Durchgangssyndrom, eine organische Psychose, erlitt. Nach einem Autounfall konnte der Zehnjährige nicht mehr sprechen oder gehen. Er war verwirrt, warf sich nur noch im Krankenbett hin und her. Winkler stellte ihn mit Medikamenten ein, erreichte, dass der Junge wieder zu sich kam.

Oder aber Gespräche mit deutschen Soldaten aus hoch belasteten Einheiten, die also mehrfach in Kontakt mit gegnerischen Kräften kamen und dabei Anschläge auf das eigene Leben und das ihrer Kameraden erlebten. Danach kamen bei einigen von ihnen Zweifel an der Sinnhaftigkeit ihres Einsatzes auf, manche reagierten schreckhaft und distanziert auf ihre Umwelt. „Dann müssen Sie entscheiden, ob jemand noch seinen Dienst leisten kann oder nach Hause fliegt.“

70 Prozent Einheimische
Letzteres, sich um das Seelenheil der deutschen Soldaten zu kümmern, war eigentlicher Auftrag von Winkler. Hinzu kam die Betreuung von ISAF-Soldaten anderer Nationalitäten. „Nach Maßgabe freier Kapazität“ dann auch die Behandlung von Einheimischen.

70 Prozent seiner Patienten stammten letztendlich aus Afghanistan. Ein Drittel von ihnen waren Kinder und Jugendliche.

Nicht allen konnte Winkler helfen. „Manche Patienten kamen mit Trisomie 21 oder Lähmungen, die nicht behandelbar waren, zu uns. Oder alte Menschen mit Demenz-Erkrankungen.“ Klar, in Deutschland hätten die Ärzte den Kampf aufgenommen, in Afghanistan nicht.

Auch wenn das deutsche Feldlazarett dort nach Angaben der Bundeswehr personell und materiell mit einem deutschen Kreiskrankenhaus vergleichbar ist, beispielsweise über einen Computertomographen (CT), EEG, EKG und Labor verfügt, muss sich die Behandlung mittelfristig immer den Gegebenheiten der afghanischen Realität anpassen. Denn diese bleibt auch nach einem eventuellen Abzug der Truppen.

„Sich beschränken“
Afghanistan zählt als das drittärmste Land der Erde. Selbst nahe einer Großstadt wie Mazar-i-Sharif stehen, so Winkler, beispielsweise für Erkrankungen des neuro-psychiatrischen Gebietes zehn Medikamente zur Verfügung. In Deutschland sind es über 300. Zudem ist die Qualität der afghanischen Medikamente nicht garantiert wie hier. Das öffentliche Krankenhaus der Stadt verfügt als alleinige Ausrüstung für die Neuropsychiatrie über ein veraltetes Fachbuch und einen Reflexhammer.

„Ein durchschnittlicher Patient bekommt dort Untersuchungen wie ein CT gar nicht, wenn, dann müsste er sie selber bezahlen. Ein CT würde mehrere Monatsgehälter kosten“, sagt Winkler. Also gilt: Man leitet nur die Medikamentation ein, die langfristig auch vorhanden ist und muss sich dabei sehr beschränken. Das muss man lernen zu begreifen.“ (me)

*Namen von der Redaktion geändert

Bild 1: Uwe Winkler in seinem Büro in Afghanistan.

Bild 2: Ein herannahender Wüstensturm im Camp Marmal, nahe der afghanischen Stadt Mazar-i-Sharif.

Bild 3: Uwe Winkler (links) mit einem Kollegen und einheimischen Patienten im Lazarett in Afghanistan.



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