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Melsunger Senioren im Goldrausch

Zwei Goldmedaillen für Hella Böker – einmal Gold für Harry Geier

Minden/Melsungen. Auch der zweite Tag der deutschen Seniorenmeisterschaften war voller Überraschungen, und die beiden Melsunger Starter Hella Böker und Harry Geier hatten großen Anteil daran. Wer hätte schon vorausgesagt oder nur zu denken gewagt, dass diese beiden herausragenden Athleten der MT 1861 Melsungen am zweiten Meisterschaftstag bei ihren drei Starts alle drei Goldmedaillen gewinnen würden? Wann gab es das schon einmal? Wieder einmal hat sich das Sprichwort, dass das Glück mit dem Tüchtige ist, bewahrheitet. Die große Trainingsbereitschaft und ihr Ehrgeiz, die beide Senioren-Leichtathleten auszeichnen, haben sich in Minden bezahlt gemacht. Sowohl Hella Böker als auch Harry Geier stellten neue  Nordhessenrekorde auf, und demonstrierten eindrucksvoll, dass man auch im Alter nicht zum „alten Eisen“ gehört.

Nachdem sie am ersten Tag der deutschen Meisterschaften ihren 29. Titel in der Seniorenklasse gewonnen hatte, fügte Hella Böker einen Tag später für ihre Titelsammlung die Nummer 30 und 31 hinzu. Sie war damit die große Siegerin dieser nationalen Titelkämpfe, die bei ihren vier Starts dreimal Gold und einmal Silber abholte und damit die Wurfwettbewerbe in ihren Altersklasse souverän beherrschte.

„Wenn es darauf ankommt“, sagte Alwin J. Wagner, „dann ist Hella Böker immer da und mischt ganz vorne mit!“  Das konnte selbst der Nieselregen nicht verhindern, der sich zum  Vorkampf einstellte und somit bereits beim Einwerfen für  schlechte Witterungsbedingungen sorgte.  Es regnete und war viel zu kalt für diese Jahreszeit – deshalb muss den Speerwerferinnen ein Kompliment ausgesprochen werden.

Nach ihrem Überraschungserfolg im Diskuswerfen ging Hella Böker selbstbewusst in diesen Wettbewerb. Vielleicht dachte sie auch an die Winterwurfmeisterschaften in Erfurt, wo sie bereits das Speerwerfen in ihrer Altersklasse souverän beherrschte. Der Wettbewerb ist schnell beschrieben, denn Spannung kam nur beim Kampf um die Silber- und Bronzemedaille auf.  Die vielseitige Athletin, die in Fuldabrück wohnt, legte  im ersten Durchgang 26,16 Meter vor und steigerte sich mit ihrem fünften Versuch auf die Siegesweite von 26,64 Meter. Dahinter entbrannte ein spannender Kampf um Silber und Bronze, bei dem sich Christa Bensch aus Auma (24,04 Meter) vor der Elmshornerin Ingrid Holzknecht (23,88 Meter) und Christina Helmke aus Potsdam (23,60 Meter) durchsetzen konnte. Selbst Rosy von Westerholt aus Herten hatte mit ihren 23,30 Meter eine Medaillenchance, aber Gold war bereits mit dem ersten Wurf von Hella Böker vergeben. So sah man sie bei der Siegerehrung zum 30. Mal bei einer deutschen Meisterschaft ganz oben auf dem Treppchen stehen.

Als letzter Wettbewerb stand für die mehrfache Senioren-Welt- und Europameisterin das Hammerwerfen auf dem Programm. Auch in dieser Disziplin wurde die amtierende Winterwurfmeisterin von Erfurt ihrer Favoritenrolle gerecht und kam als einzige Werferin der W70 mit ihren fünf gültigen Versuchen über die 30m-Marke.  Sie begann mit 32,11 Meter und hatte nach dem ersten Durchgang einen Vorsprung von 4, 55 Meter vor Ingrid Holzknecht. Im dritten Durchgang steigerte sie sich auf 32,77 Meter und lag nach dem Vorkampf 4,47 Meter vor Irma Kirchhofs aus Borken, die sich mit ihrem zweiten Versuch auf 28,30 Meter verbessert hatte.  Im letzten Durchgang steigerte sich Ingrid Kusche aus Erkelenz auf 28,62 Meter und schnappte Irma Kirchhofs die schon sicher geglaubte Silbermedaille weg.
Obwohl Hella Böker ihre Vormachtstellung demonstrierte und ihre Titelverteidigung von Kevelaer eindrucksvoll gelang, war sie mit den gezeigten Weiten im Hammerwerfen nicht ganz zufrieden. „Nach dem anstrengenden ersten Tag und den kühlen Temperaturen hatte ich leichte Probleme mit meinen Beinen, so dass die Koordination in der Drehung nicht mehr ganz stimmte“, betonte sie dennoch froh gelaunt nach ihrem siebten Sieg in diesem Wettbewerb. Begonnen hatte es 1994 in Lübeck, als sie sich in der W50 mit 37,98 Meter zum ersten Mal durchsetzen konnte.

Auch der 75-jährige Harry Geier wird diese Meisterschaften von Minden gut in Erinnerung behalten, denn er siegte nicht nur zur Überraschung aller Fachleute im 400 Meter-Lauf seiner Altersklasse, sondern verbesserte seinen Nordhessenrekord, den er im Vorjahr bei den Landesmeisterschaften mit 72,23 Sekunden in Fulda aufgestellt hatte,  um fast eine Sekunde.

Noch vor einem Jahr musste man um das Leben dieses Ausnahmesportlers bangen, denn drei Tage nach seinen drei großartigen Siegen bei den Landesmeisterschaften erlitt er eine schwere Herzattacke  und konnte nur durch den Notarzt noch gerettet werden. Harry Geier baute sich unter ärztlicher Behandlung wieder auf und kehrte nach neun Monaten erneut auf die Bahn zurück.  Wenige Tage vor seinem Comeback bei den Landesmeisterschaften in Bruchköbel erlitt er einen Muskelfaserriss, so dass er wieder für einige Wochen ausfiel. Aber der ehrgeizige Athlet hatte sich einen Start bei den deutschen Seniorenmeisterschaften zum Ziel gesetzt, undweil ihn keiner auf der Rechnung hatte, konnte er in Minden zeigen, aus welchem Holz er geschnitzt ist.

Obwohl vor dem 400 Meter-Finale der Altersklasse der M75 die grauen Wolken vom Himmel verschwunden waren, herrschten dennoch nur herbstliche Temperaturen von 16 Grad, ein Wetter also, das keine gute Zeit erwarten ließ. Horst Schrader, der große Favorit aus Celle, stand 80 Minuten vorher bereits im 100m-Finale und fiel nach einem starken Beginn auf den letzten zwanzig Metern noch auf den undankbaren vierten Rang zurück. Harry Geier verzichtete auf diesen Sprint über 100 Meter, denn er wollte seine Kräfte sparen und sich ganz auf das 400 Meter-Finale konzentrieren. Schließlich sollte in Minden nicht der härteste, sondern der beste, also der schnellste Viertelmeiler Deutschlands in der Altersklasse der M75 gekrönt werden. Im Melsunger Lager bemerkte man die Schwäche Schraders auf dem letzten Drittel der 100m-Strecke und so wurde für das 400 Meter-Finale folgende Taktik herausgegeben: Der Melsunger Juwelier sollte Schrader, der eine Bahn hinter ihm lief, auf der Gegengeraden auflaufen lassen, um ihn dann in der Kurve so lang wie möglich Paroli zu bieten, so dass dieses 400m-Finale erst auf der Zielgeraden, vielleicht sogar erst auf den letzten 30 Meter entschieden werden sollte.

Nach dem Startschuss lief Horst Schrader wie immer sehr stark an und glaubte bereits nach dem ersten Viertel der Strecke, als er zu Harry Geier auflief, dass er den Melsunger Viertelmeiler im Griff hatte. Aber Harry Geier hielt sich genau an die vorgegebene Marschroute und gab in der zweiten Kurve keinen Meter mehr verloren. Als beide Läufer Brust an Brust auf die Zielgerade einbogen, klatschten die Zuschauer starken Beifall und feuerten die beiden Langsprinter mit lauten Rufen an. Die anderen Endlaufteilnehmer lagen 100 Meter vor dem Ziel bereits mehr als vierzig Meter zurück und spielten bei der Vergabe der Meisterschaft keine Rolle.  Horst Schrader wollte, aber er konnte das Tempo nicht mehr forcieren. Er spürte  Harry Geier neben sich und konnte nichts mehr tun. Die beiden lieferten sich um den Titel des besten deutschen Viertelmeilers in der M75 einen dramatischen Kampf. Auf den letzten 20 m hatte Geier die größeren Kraftreserven und kämpfte sich mit einem starken Finish an Schrader vorbei. Dieser wehrte sich zwar verzweifelt, aber er hatte keine Kraft mehr und war restlos ausgepowert. Sechs Meter vor dem Ziel bekam er zuviel Vorlage und da seine Beinmuskulatur total übersäuert war, konnte er sich nicht mehr auf seinen Beinen halten, so dass er nach vorn umfiel und für einige Sekunden regungslos liegenblieb.

Harry Geier hatte sein Versprechen gehalten, denn er wollte die Stadionrunde unter 72 Sekunden zurücklegen und einen neuen Nordhessenrekord laufen. Dieses Vorhaben gelang ihm sehr eindrucksvoll.  Er verbesserte den Nordhessenrekord und damit auch seine Kreisbestleistung auf 71,32 Sekunden und gewann den Titel des deutschen Meisters über 400 Meter. Der Vizemeister Herbert Müller vom LAV Bayer Uerdingen kam nach 79,84 Sekunden vor seinem Vereinskameraden Fred Ingenrieth (81,27 Sekunden) ins Ziel. Auch Horst Bödeker, für den die elektronische Uhr bei 83,91 Sekunden stehen blieb, besiegte Horst Schrader, der sich nach seinem Sturz nur langsam erhob und die letzten drei Schritte ins Ziel ging. Mit 86,42 Sekunden belegte der mehrfache deutsche Meister den fünften Platz. Er hatte sich diesen Tag anders vorgestellt und war somit  der Pechvogel dieser Titelkämpfe von Minden. (ajw)



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