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Hephata Diakonie: 130 Gäste kamen zum Jahresempfang

Schwalmstadt-Treysa. 130 geladene Gäste aus Politik, Wirtschaft, Kirche, Diakonie, Vereinen und Gesellschaft kamen am vergangenen Freitag zum Jahresempfang der Hephata Diakonie in Schwalmstadt-Treysa. Traditionell findet der Jahresempfang rund um den 1. April, dem Gründungsdatum des eingetragenen Vereins Hephata Hessisches Diakoniezentrum, satt. In diesem Jahr begeht der Verein sein 111-jähriges Bestehen. Ebenfalls traditionell wird auf dem Jahresempfang das jeweils aktuelle Jahresmotto offiziell vorgestellt. In diesem Jahr lautet es „MitMenschen aktiv – miteinander leben lernen“. Das Jahresmotto summiert die Aufgaben und Ziele Hephatas in Gänze, fokussiert dabei jedoch in jedem Jahr thematisch ein Aufgabengebiet.

In diesem Jahr liegt der Fokus auf der Sozialen Rehabilitation der diakonischen Einrichtung. Denn deren Sozialpsychiatrie feiert ihr 25-jähriges Jubiläum. Aus diesem Grund waren das Jahresmotto, das Grußwort von Dekan Christian Wachter sowie die Beiträge der beiden Gastredner auf das Thema psychische und seelische Beeinträchtigungen zugeschnitten: Franz-Josef Wagner, Trier, und Dr. Theo Wessel, Berlin, sprachen zu den Gästen.

Dr. Theo Wessel ist Geschäftsführer des Gesamtverbandes für Suchtkrankenhilfe im Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland. In seinem Vortrag hatte er jedoch nicht nur die Suchtproblematik im Kopf. Vor allem ging es um die Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigungen generell. „Im Jahr 2007 hatten etwa 350.000 Menschen in Deutschland eine anerkannte Behinderung aufgrund einer seelischen Erkrankung. Der Anteil psychischer Erkrankungen an den Frühberentungen hat sich seit 1985 nahezu verdreifacht und gilt mittlerweile als wichtigste Ursache von Erwerbsunfähigkeit.“ Zu schaffen machten den Betroffenen dabei vor allem Stigmatisierungen und Vorurteile wie „unberechenbar“, „selbst Schuld“, „dumm“ oder „gefährlich“. Eine neue Perspektive bringe da die UN-Behindertenrechtskonvention, die im März 2009 in Deutschland in Kraft getreten ist. „Sie fordert auf der Basis von Menschenrechten Inklusion für Menschen mit Behinderung in allen Lebensbereichen.“ Stichworte dafür sind Barrierefreiheit, Wahlfreiheit, gleiche Bildungschancen, uneingeschränkte Bürgerreichte für alle sowie Arbeit mit gleichen Rechten und Pflichten. Jedoch sei das Gemeinwesen nicht ausreichend in die Lage dazu versetzt, denn: „Eingliederungshilfe muss sozialräumlich unterstützt und ergänzt werden.“ Es bedürfe eines „Teilhabe-Weiterentwicklungs-Gesetzes“, so Wessel. Dieses solle nicht nur das Individuum berücksichtigen, sondern auch die Umgestaltung der Umwelt und die Ermächtigung der Zivilgesellschaft. „Die Finanzierungssysteme für Menschen mit Behinderungen müssen grundsätzlich erneuert werden, und die gesetzlichen Teilhabebedingungen sind deutlicher an verschiedenen Stellen zu schärfen, zum Beispiel Eingliederungshilfe, Antidiskriminierung, Prävention.“ Für Einrichtungen der Behindertenhilfe bedeute dies unter anderem: „Keine Sonderwelten mehr, seien sie stationär oder ambulant ausgestaltet. Keine speziellen Bildungs-, Beschäftigungs- und Freizeitangebote mehr für diesen Personenkreis. Ein inklusiver Sozialraum ist ein Gewinn für alle.“

Dr. Wessel, der als Psychologe, Psychotherapeut und Gesundheitswissenschaftler arbeitet, gab die professionelle Sicht auf das Thema wieder. Die Sichtweise eines Betroffenen schilderte Franz-Josef Wagner, Vorsitzender des Landesverbandes Psychiatrie-Erfahrener Rheinland-Pfalz. Er erzählte unter dem Titel „Der steinige Weg zur Inklusion“ aus seinem Leben. Dem Leben mit einer psychischen Erkrankung. Nach seiner akademischen Ausbildung habe er schnell finanziellen und beruflichen Erfolg gehabt. Dann traf ihn die Diagnose Schizophrenie. Es folgten Zwangseinweisung, Tagesklinik, Medikamentenkonsum. „Ich hatte alles verloren: Nicht nur meinen Beruf – mit 37 Jahren wurde ich Frührentner – auch meine Familie, denn meine Frau ließ sich vorn mir scheiden und nahm unsere beiden Kinder mit. Ich verlor mein ganzes soziales und berufliches Umfeld, meine Kommunikationspartner, meine Gesundheit – einfach alles.“ Nur seine damalige Lebensgefährtin habe sich um ihn gekümmert: „Ich verbrachte 20 bis 22 Stunden des Tages im Bett und wünschte mir am Morgen den Abend und am Abend den Morgen.“ Vier Jahre dauerte die Phase. Mit Hilfe seiner damaligen Lebensgefährtin, einer Selbsthilfegruppe und einer Tagesstätte begann er schließlich ganz langsam sein Leben wieder in die Hand zu nehmen. Innerhalb von zwei Jahren gelang es ihm, einmal die Woche in die Sauna und zu einem Kochkurs, sein früheres Hobby, zu gehen. Dann kamen die Besuche der Selbsthilfegruppe hinzu, in der er schließlich selbst aktiv wurde. „Eine weitere positive Fügung für mich war die Einführung des Persönlichen Budgets. Mittels des Persönlichen Budgets erhielt ich nun wöchentlich 120 Minuten vom Sozialarbeiter beziehungsweise Psychologen – und nicht quartalsmäßig für 15 Minuten vom Psychiater meine supportiv-psychologischen Gespräche und die hauwirtschaftlichen Unterstützung.“ Franz-Josef Wagner lernte auf Frühwarnzeichen zu achten: Veränderungen im Denken und Sprechen, im sozialen Leben, im Verhalten, Veränderung der Gefühle und Empfindungen oder körperlich-vegetative Anzeichen. „Im Laufe der Zeit wurden meine Wahrnehmungen immer sensibler und die negativen Befindlichkeiten nahmen ab.“ Heute habe er wieder Spaß im und am Leben, setze seine persönlichen Fähigkeiten im gesundheitspolitischen und sozialen Bereich ein: „Ich bestaune und erfreue mich an den Sonnenauf- und Sonnenuntergängen und am sternenklaren Himmel in der Nacht.“

Hephata-Dirketorin Pfarrerin Barbara Eschen fasste die Vorträge der Veranstaltung so zusammen: „Politik, Wirtschaft, Kirche, Gesellschaft – ich glaube, jeder hat heute sein Päckchen mit Aufgaben mitbekommen.“ (me)



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