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Dr. Dirk Richhardt im Gespräch mit Michael Przibilla

„Reformation schadet nur denen, die keine haben“

dirk-richhardt140228Homberg.  Die Ortseingangsschilder  von Homberg werden bald den Zusatz „Reformationsstadt“ tragen. Diesen „Titel“ verlieh der Hessische Innenminister Peter Beuth vor kurzem der Kreisstadt des Schwalm-Eder-Kreises. Der Hessische Rundfunk (hr) mit dem Radioreporter Michael Przibilla wollte es genauer wissen und befragte deshalb Dr. Dirk Richhardt, kommissarischer Geschäftsführer des Fördervereins „Haus der Reformation Homberg (Efze) e.V.“ und die geschäftsführende Diakoniepfarrerin  Magret Artzt in den Räumen des EinLadens.

Dass  die Menschen in der Stadt Homberg mit dem  Thema „Reformation“  mehr vorhaben  als nur Straßenschilder mit  dem Wort „Reformationsstadt“ zu beschriften, dürfte jedem interessierten Beobachter schon aufgefallen sein. Was jedoch soll in Zukunft genau passieren?, das wollte Michael Przibilla wissen. Denn schließlich verpflichtet so ein Namenszusatz eine Stadt zur Aktion.

„Der Begriff „Reformation“ darf keine leere Hülse mehr bleiben, er muss gefüllt werden“, sagte Dr. Dirk Richhardt. In der Vergangenheit sei schon viel geschehen, jedoch müsse Homberg zukünftig offensiver mit dem Titel „Reformationsstadt“ umgehen. „Wir möchten in Homberg einen außerschulischen Lernort einrichten. Unser größtes Projekt und unser Beitrag und Angebot  für das Lutherjahr 2017 ist die Realisierung eines „Hauses der Reformation“. Schon im aktuellen Jahr 2014 als dem „Jahr der Konfirmation“ in der Lutherdekade lädt Homberg Konfirmandengruppen ein, die Reformationsstadt durch Führungen und Unterrichtsstunden vor Ort kennenzulernen“, so Richhardt.

Und dazu will auch die Reformationskirche als Ort der Reformation beitragen. „Die St. Marienkirche ist das Zentrum des evangelischen Lebens in Homberg“, sagte Magret Artzt.

„Es ist wichtig, den Ort kennenzulernen, an dem vor 500 Jahren dieses bedeutende Ereignis stattgefunden hat. Reformation schadet nur denen, die keine haben.  Konfirmanden, Touristen und andere Gäste sollen sich vor Ort informieren und miteinander ins Gespräch kommen. Wenn Gäste kommen, wollen wir ihnen natürlich etwas bieten und Homberg soll noch attraktiver werden.“  Damit dies gelingt, hat Dr. Richhardt ein 13-Punkte-Programm erarbeitet, das  nach und nach umgesetzt und angeboten werden soll:

1.  Reformation als Bildungsauftrag von Anfang an. Hier sind also die mit der Bildungsarbeit betrauten Pfarrer und Institute (PTI, Akademie, Ev. Forum usw.) anzusprechen.

2.  Durch gezielte Werbung kann Homberg Reiseziel von Goldenen Konfirmanden und jungen Konfirmanden sein, also ein Weg zu den Wurzeln der Reformation, denen aber eine geeignete Infrastruktur angeboten werden muss. (Behindertenfreundlich, Erlebnisorte, Schulungsräume, Cafe in Fußnähe, Busparkplätze usw.).

3. Wandergruppen: In Zusammenhang mit Melsungen, Spieskappel, Ziegenhain, Kirchhain, um nur einige Orte zu nennen, lässt sich ein „Weg der Reformation in Hessen“, Lutherpfad usw. einrichten. Ähnlich dem Elisabethpfad, aber hier eben Weg der Reformation. Größenordnung analog der Elisabethpilger.

4. Reformation als Bildungsarbeit: Hier sollen die Lehrer der örtlichen und überörtlichen Schulen angesprochen werden. Das Haus muss geeignet sein als außerschulischer Lern- und Erfahrungsort für alle Bevölkerungsgruppen.

5. Reformation als Sozialarbeit. Diakonie und soziale Arbeit gehen direkt auf die Gedanken der Reformation zurück und sollten hier angesprochen werden. Gemeinsame Arbeit mit der Kreisdiakonie, der EFHD aber auch den Tafeln (z.B. der Homberger Tafel) sind dabei durchaus vorstellbar.

6. Reformation als Versorgungsarbeit der Bevölkerung: Auf die Reformation gehen die Hohen Hospitäler und damit der Landeswohlfahrtsverband zurück. Hier könnten Kooperationen mit den Pflegeschulen angeregt werden. Ein Austausch mit Korbach, Frankenberg und Bad Wildungen findet schon statt.

7. Reformation als theologische Arbeit: Beide hessischen Landeskirchen und darüber hinaus gründen sich auf der Reformation und haben sich 2004 auch dazu bekannt.  Auch die katholische Kirche bleibt von der Reformation nicht unberührt, vom Protest des Franziskanerguardians in Homberg 1526 zum Trienter Konzil und dem Papstbesuch 2011 zieht sich ein Roter Faden der versuchten Ökumene, die in Homberg begann. Eine Anfrage der Kooperation mit den Bildungseinrichtungen der Landeskirchen in Frankfurt, Arnoldshain, Hohensolms und Hofgeismar (Karl Waldeck) sollte gestellt werden.

8. Reformation als Integrationsarbeit. Gerade in Hessen stand die Reformation unter dem Zeichen der Toleranz. Toleranz gegenüber Randgruppen der Bevölkerung. Hessen steht hier als besonderes Beispiel, hier wurden die harten Repressalien gegen Minderheiten nicht durchgeführt, sondern die Forderung aufgestellt, miteinander zu reden und voneinander zu lernen. Hier kann eine solche Einrichtung integrierend wirken,  indem dieser wichtige Punkt der Reformation deutlich gemacht wird.

9. Reformation als Literaturgeschichte. Von ganz großer Bedeutung ist hier der Förderkreis Hans Staden. Aber auch die Dudengesellschaft und auch die Grimmgesellschaft. Reformation funktionierte nur mit dem neuen Medium des Buchdruckes. Dies muss hier ganz deutlich gemacht werden, dass eine pluralistische Gesellschaft nur funktioniert, wenn man sich informieren kann. Gleichzeitig zeigt aber die Reformation  auch die Gefahren neuer Medien auf, indem der Markt mit nicht immer richtiger oder wahrer Information überschwemmt wird.

10. Reformation als Kunstgeschichte. Wie wirkte sich die Reformation auf unser Kunstverständnis aus? Was kann man davon noch in Homberg und darüber hinaus sehen?

11. Reformation als politische Geschichte, als Geschichte der gesellschaftlichen Teilhabe. Die Reformation holte den Menschen aus der Abhängigkeit und übergab ihm Verantwortung für sein Handeln, dieses Herausführen aus der Unmündigkeit in die politische Teilhabe mit prädemokratischen Maßnahmen muss in einem solchen Ort deutlich gemacht werden.

12. Arbeitsethos und Reformation. Auffällig ist, dass die reformierten norddeutschen Staaten in der wirtschaftlichen Entwicklung die katholischen Reichsländer sehr bald überflügelten. Dies ist von Wirtschaftsethikern immer wieder mit der veränderten Auffassung von wirtschaftlichen Aspekten des Gemeinwesens begründet worden. Wie wirkt sich Reformation bis heute auf die Gesellschaft unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten aus?

13. Reformation und das neue Bild der Familie. Untrennbar mit der Reformation ist das protestantische geprägte Familienbild verbunden. Hier ist das Pfarrhaus Luthers selber stilbildend und hat bis heute unser Blick auf die Familie geprägt.

„Welche Stadt gibt es noch in Hessen, die sich gezielt mit einem kirchlichen Ereignis verbindet und identifiziert?  Wir haben in Homberg mit der Reformation ein Alleinstellungsmerkmal in ganz Hessen“, betonte Dr. Richhardt.

„Sicherlich benötigen die Aktiven des Fördervereins „Haus der Reformation Homberg (Efze)“ und alle interessierten Bürger Geduld und einen langen Atem, jedoch sind die ersten Schritte gemacht.  So wie sich nach der Homberger Synode von 1526 die ganze hessische Gesellschaft veränderte, so wird sich auch künftig Homberg verändern. Wer konnte sich vor der Synode in Homberg vorstellen, dass es Krankenhäuser, eine Universität in Marburg, Bildung für alle und somit gemeinsame Schulen für Jungen und Mädchen und die Wohlfahrtspflege geben würde. Ohne das Ereignis der Homberger Synode und die damit verbundene Reformation für ganz Hessen, hätte es diese Neuerungen nicht gegeben.  Und so wird bald jeder, der mit dem Auto nach Homberg kommt, an den Ortseingangsschildern merken, dass sich in Homberg etwas entscheidendes verändert hat und ahnt, dass sich noch einiges verändern wird.“  (HdR)



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