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Film- und Vortragsveranstaltung in der THS

Homberg. Die AG „Schule ohne Rassismus“ der THS unter der Leitung von Thomas Schattner und Schülerinnen der Erich-Kästner-Schule, die von Gunnar Krosky betreut werden, laden am 20. Juli um 19 Uhr in die Aula der THS ein. Erstmals kooperieren so zwei Homberger Schulen bei einem historischen Thema. Den Anlass der Film- und Vortragsveranstaltung bildet der Jahrestag des Attentats auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 in der Wolfsschanze. Die Schüler und Schülerinnen werden zunächst einige Widerstandskämpfer oder Gruppierungen des Widerstandes aus der NS-Zeit vorstellen. Anschließend geht es um die Männer des 20. Juli. Den Schwerpunkt hierbei bilden einige Beteiligte hier aus unserer Umgebung oder, die hier in Nordhessen gewirkt haben, die aktiv gegen das nationalsozialistische Regime Widerstand geleistet haben. Abschließend wird auch thematisiert werden, inwieweit Widerstand heute noch relevant sein kann. Werfen wir nun aber den Blick zurück auf die Ereignisse vor 70 Jahren.

Mitglieder des 20. Juli aus Nordhessen
Am 15. August 1944 wurde in der Haftanstalt Berlin-Plötzensee der Major im Generalstab Egbert Hayessen durch Erhängen, so die Sterbeurkunde des Standesamtes Berlin-Charlottenburg, hingerichtet. Er war einer derjenigen deutschen Militärs, die den Umsturz gegen das verbrecherische NS-Regime wagen wollten. Am 20. Juli 1944 war es soweit. Hayessen war dabei. Als dieses Attentat scheiterte, wurde Hayessen verhaftet und später von Roland Freislers Volksgerichtshof abgeurteilt.

Roland Freislers Biografie war ebenfalls auf engste mit Nordhessen verknüpft. So hielt dieser als Assessor am Amtsgericht in Homberg im ersten Halbjahr 1924 mehrfach Vorträge in der Aula der August-Vilmar-Schule (heute THS). Im gleichen Jahr kandidierte Freisler auch für den Völkischen Block (weil die NSDAP verboten war) bei der Reichstagswahl, wenn auch mit geringem Erfolg, in der Kreisstadt. Nichtsdestotrotz blieb er Homberg auch nach seinem Abschied für das nächste Jahrzehnt treu, in dem er immer wieder an seinen alten Wirkungsort zurückkehrte.

Und auch Hayessens Biografie war eng mit Nordhessen verknüpft. Seit 1921 lebte auf der Staatsdomäne “Mittelhof” bei Gensungen, wo Vater Ernst nun als Gutspächter arbeitete. Hier verbrachte Egbert Hayessen den größten Teil seiner Jugend.

Der spätere Jurist Hans John wurde am 1. August 1911 in Treysa oder in Marburg geboren, darin sind sich die Quellen nicht einig. Über sein Elternhaus, seine Kindheit und Jugend ist leider nur sehr wenig bekannt. So wissen wir auch nicht, wann die Familie nach Treysa verzog. Von dem zwei Jahre älteren Bruder Otto, geboren am 19. März 1909 in Marburg,  wissen wir nur, dass die Geschwister John auf dem Gymnasium in Schwalmstadt „stramm deutschnational erzogen“ wurden. „Unsere Lehrer waren fast ausnahmslos im Krieg Offiziere gewesen. Sie brachten uns die Dolchstoßlegende´ bei“. Im Schwälmer Zimmer der Brüder, welches sie sich teilen mussten, hing dementsprechend „ein Bild vom Kaiser und von Hindenburg in Uniform“. Das Jahr 1922 brachte dann einen größeren Einschnitt für die Familie mit sich. Da Vater John nach Wiesbaden versetzt wurde, verzog die Familie nach Wiesbaden.
Als die Brüder John dann mehr als 20 Jahre später von der geplanten Operation „Walküre“, den Staatsstreichplänen von Stauffenberg, erfuhren, beschlossen die sie, aktiv daran teilzunehmen. Sie waren dann sowohl intensiv an der Vorbereitung des Umsturzversuchs als auch am Attentat am 20. Juli 1944 beteiligt, obwohl die Gefahr bestand, dass Hans schon seit März 1944 überwacht wurde. Fortan lebten die Brüder immer „in Spannung und Hoffnung“, dass „die Initialzündung zum Staatsstreich bald ausgelöst würde“.

Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde zunächst Hans John verhaftet. Dabei war Hans entschlossen gewesen, sich bis zur letzten Kugel zu verteidigen, die letzte war für ihn selbst bestimmt, schließlich konnte er sich leicht vorstellen, was ihm bei der Gestapo bevorstand. Während der anschließenden Haft wurde Hans schwer misshandelt.

Am Abend des 22. April 1945, kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee in die Reichshauptstadt, bekam Hans John mit 16 anderen Inhaftierten zusammen seine Papiere und Wertsachen in der Haftanstalt ausgehändigt. Diese wurden anschließend auf einen bereitstellenden Wagen abgelegt. Kurz vor Mittemacht verließ er zu Fuß mit seinen Mitgefangenen in Begleitung eines SS-Trupps das Anstaltsgebäude. Die Informationen der Gefangenen lauteten, sie sollten nach Plötzensee verlegt werden. Kaum hatten sie sich über ein Trümmerfeld in Richtung Potsdamer Bahnhof in Bewegung gesetzt, wurden die in zwei Gruppen marschierenden Inhaftierten vom Weg abgedrängt.

Nur wenige Sekunden später war Hans John tot. In der Nähe des Bahnhofs Lehrter Straße in Berlin wurde er mit seinen Leidensgenossen von hinten niedergestreckt. Seine Mörder, ein SS-Exekutivkommando, wahrscheinlich von Reichssicherheitshauptamt zusammen gestellt, floh mit den Papieren der Ermordeten. Denn es spricht viel dafür, dass die Täter auf Befehl Himmlers gehandelt haben, der in letzter Sekunde noch Mitverschworene des 20. Juli beseitigen wollte.

Hans von Boineburg-Lengsfeld
Ein langes Leben lag hinter ihm als Hans von Boineburg-Lengsfeld im Alter von 91 Jahren starb. Man trauerte um einen Mann, der den Mut hatte, Widerstand gegen die Nationalsozialisten zu leisten und der zu den Militärs gehörte, die am 20. Juli 1944 Adolf Hitler beseitigen wollten. Er gehörte zum engeren Kreis der Widerstandsgruppe, schließlich war von Boineburg-Lengsfeld seit dem 1. April 1943 „Militärbefehlshaber Frankreich“ und seit dem 1. Mai 1943 Kommandant von Groß-Paris.

Schon seit dem Jahre 1943 hatte Boineburg-Lengsfeld sich der Widerstandsgruppe von Offizieren der Deutschen Wehrmacht angeschlossen, die nach der entscheidenden Kriegswende infolge des vermeintlich verlorenen Russlandfeldzuges an eine Beseitigung des „Führers“ dachten. Nun war der Augenblick gekommen, in dem das Vorhaben in die Tat umgesetzt und damit der Zweite Weltkrieg beendet werden sollte. Deshalb stand Boineburg-Lengsfeld am 20. Juli 1944 in Paris im Zentrum des Geschehens.

Zwischen 16.30 Uhr und 17.00 bekommt man in Paris Nachricht vom Attentat in der Wolfsschanze. Kurz darauf läuft die Operation „Walküre“ in der französischen Metropole unter der Führung von General Carl-Heinrich von Stülpnagel an. Mittendrin der Stadtkommandant von Groß-Paris, Hans von Boineburg-Lengsfeld. Im Verlauf des Abends ließ er später führende Angehörige von Gestapo und SS mit ihren Einheiten in der Stadt verhaften und die Zentralen besetzen. Das Überraschungsmoment war dabei so groß, dass alles ohne Blutvergießen passierte. U.a. waren nun der oberste SD-Führer und Frankreichs höchster SS- und Polizeiführer und der ranghöchste SS-Gruppenführer in den Händen der Widerstandskämpfer. Gegen 23.00 Uhr werden die entwaffneten SS- und Polizeiverbände, insgesamt ca. 1.200 Mann, ohne Widerstand in die Pariser Gefängnisse eingeliefert.

Gegen 1.00 Uhr erfolgt dann die Kehrtwende. Aufgrund der verschiedenen Nachrichten, die aus dem Reich kommen, entschließen sich die Widerstandskämpfer, die Gefängnisse zu öffnen. Rasch wird klar, das Attentat ist gescheitert. Generalleutnant von Boineburg-Lengsfeld „begibt sich den festgenommenen SS-Führern in ein Hotel und bittet SS-Gruppenführer Oberg, ihn in ein anderes Hotel zu begleiten. Dort ´entschuldigt´ er sich damit, dass er einem ´Missverständnis´ zum Opfer gefallen wäre. Unter dem Hinweis auf die zahlreichen Fernschreiben kann er seine Rolle glaubhaft spielen“. Gegen 2.00 Uhr kommt es zu einer Einigung in Paris. Die Widerstandskämpfer und die regimetreuen Einheiten einigen sich darauf, dass ganze in der Öffentlichkeit als „Übung“ zu bezeichnen. Um 3.00 Uhr sind alle SS-, Gestapo- und SD-Unterkünfte vom Heer geräumt.

Von Boineburg-Lengsfeld hatte enormes Glück. Er wurde nicht als Mitverschwörer erkannt. Nur durch ein Wunder war er dem furchtbaren Blutgericht entgangen, welches Hitler gegen alle an dem Attentat Beteiligten durchführen ließ.  „Die Tatsache, dass Paris trotz Hitlers Absicht, die Metropole in Schutt und Asche zu legen, praktisch unversehrt blieb, ist sicherlich auf günstige Umstände, aber auch auf die Verdienste von Hans von Boineburg zurückzuführen, der fünfzehn Kilometer nördlich von Paris eine Verteidigungslinie ausbauen ließ („Boineburg-Linie“), wodurch es in der Stadt selbst zu keinerlei Kampfhandlungen kam. 1980 wurde von Boineburg-Lengsfeld am Fuße der Altenburg bei Felsberg beerdigt.

Täter und Opfer an der THS
Man kann aber den Widerstand gegen das NS-Regime nicht nur auf den 20. Juli reduzieren. Auch vor Ort gab es mutige Männer und Frauen. So auch in Homberg.  Johannes Zenker wurde am 21. Januar 1899 in Halle geboren. Zenker zog später mit seiner Familie nach Homberg, um an der AVS als Studienrat und später als Oberstudienrat tätig zu werden. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten fand er Gleichgesinnte, die sich nicht mit dem NS-Regime arrangieren wollten. Eine davon war die spätere Kollegin Hedwig Zuschlag. Es entstand eine Freundschaft und auch ein gemeinsames Ziel, die Politik des Dritten Reiches zu kritisieren.

Zenker war eine sehr gebildete Person und niemand zweifelte ihm seine erzieherischen und pädagogischen Fähigkeiten an. Johannes Zenker schloss sich vielen Organisationen an, unter anderem auch dem Republikanischem Lehrerbund. Dort kämpfte er für eine antifaschistische Einheit der Arbeitenden und der Restbevölkerung. Johannes Zenker ahnte noch nicht, dass dieser kühne Widerstand später sein Leben durcheinander bringen wird. Während der NS-Zeit kehrte Zenker aus England nach Deutschland zurück und leistete dort weiteren Widerstand. Das hatte zu folge, dass er in Homberg inhaftiert wurde und im Sommer 1933 ins „wilde“ Konzentrationslager nach Wabern kam. Danach landete er im Polizeigefängnis in Kassel.

Hedwig Zuschlag, später Lehrerin an der THS, war als junge Frau ebenfalls im Widerstand gegen den Nationalsozialismus tätig. In Berlin versorgte sie untertauchte jüdische Bürger mit Lebensmitteln für eine schwedische Untergrundorganisation. Aber es gab auch andere Kollegen.

Am 21. April 1952 kam ein Mann als Lehrer nach Homberg an die August-Vilmar-Schule, der im NS-Staat Karriere gemacht hatte. Unter Heinrich Himmler, dem Chef der SS, leitete er das Kirchenreferat der „Sonderkommission 20. Juli 1944“, welches nach dem gescheiterten Attentat von Claus Schenk Graf von Stauffenberg gegen Adolf Hitler eingerichtet worden war. Als solcher folterte und misshandelte er mitunter nicht nur Angehörige des Kreisauer Kreises, eines kirchlichen Widerstandskreises, der mit den Männern des 20. Juli kooperierte, darunter die späteren CDU-Bundestagsabgeordneten Dr. Eugen Gerstenmaier und Heinrich Höfler sowie den katholischen Geistlichen Pater Delp, sondern er wurde praktizierte sogar enorm die „Sippenhaft“ in diesem Kontext. Neuhaus wurde 1952 „enttarnt“ als das 1947 erschienene Buch „Im finsteren Tal“ des damaligen Oberlandeskirchenrats von Hannover, Dr. Hans Lilje, Stück für Stück ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit geriet.

Zuvor unterrichtete Neuhaus in Offenbach und in Homberg ausgerechnet Politik (damals Politischer Unterricht genannt). An der AVS war er äußert beliebt als Lehrer, da er sich besonders der „Fahrschüler“ annahm, also derjenigen Schüler, die oft bis 17.00 Uhr warten mussten, bis ihr Bus bzw. Zug fuhr und somit eine lange Wartezeit zu überbrücken hatten. „Eines Tages war er verschwunden, und es hieß anfangs, er sei versetzt worden, aber nach einiger Zeit wurde bekannt, dass er wegen seiner Nazi-Vergangenheit aus dem Schuldienst entfernt worden sei“, so Rudolf Heider, ein ehemaliger Schüler, der 1954 das Abitur in Homberg abgelegt hat, rückblickend. Im September 1952 „flog“ Neuhaus auf.

Stück für Stück wurde dann klar, was Neuhaus für eine Karriere und vor allem, was er für eine NS-Karriere gemacht hatte. Seit Anfang August 1944 war Neuhaus für die „Sippenhaft“ zuständig. Insgesamt wurden von den über 180 „Sippenhafthäftlingen“ allein im Juli und August 1944 mehr als 140 von ihnen ohne Haftbefehl verhaftet. Unter die Sippenhaft fielen die Ehegatten, Eltern, Kinder und Geschwister, sowie sonstige Verwandte, „wenn letztere nachteilig bekannt sind.“ (Thomas Schattner)



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