Groppe sprintet 200 Meter in 24,52 Sek.
Stanford. Mit klarer Zielsetzung startete Vivian Groppe (MT Melsungen) beim Einladungsmeeting in Stanford. Zum ersten Mal in dieser Saison sollte die elektronische Uhr für sie beim 100m-Sprint unter zwölf Sekunden stehen bleiben. Die Voraussetzungen schienen ideal. Es herrschte Rückenwind und Vivian hatte im Training mit Leichtigkeit und einem mühelosen Zusammenspiel aus Technik und Kraft das gezeigt, was man für schnelle Zeiten benötigt.

Nach ihrem 200m-Lauf sieht man Vivian Groppe die Freude über die erzielte Leistung an. Foto: N.N. | pm, Alwin Wagner
Die junge Athletin bewegte sie sich beim Abschlusstraining konstant mit Zeiten zwischen 11,6 und 11,8 Sekunden. Die Frage war also weniger, ob sie es konnte, sondern vielmehr, ob sie ihr Können auch in Stanford auch auf der Bahn zeigen würde.
Explosiv und druckvoll
Als der Starter zum „On your marks“ rief, ging sie hochkonzentriert in den Block. Ihr Körper glich einem Drahtseil unter maximaler Belastung. Und spätestens beim Kommando „Set“ war klar, das war mehr als nur Fokus – das war Adrenalin pur.
Der Start gelang genau nach Plan explosiv und druckvoll und Vivian kam hervorragend aus den Blöcken. Sie fand schnell in ihren Rhythmus und lag zur Rennhälfte voll auf Kurs. Alles deutet auf das ersehnte Ergebnis hin. Doch etwa 40 Meter vor dem Ziel kippte das Rennen. Ihre Schultern zogen sich leicht nach oben und sie verlor ihre Lockerheit. Ihre Sprintbewegung wirkte plötzlich erzwungen und sie spürte es sofort.
„Bleib locker“, schoss es ihr durch den Kopf. Doch Lockerheit lässt sich nicht erzwingen. Der Sprint wurde zum Kampf. Nicht gegen die Konkurrenz, sondern gegen den eigenen Körper. Im Ziel brauchte sie keinen Blick auf die Anzeigetafel. Sie wusste es bereits. 12,17 Sekunden. Drei Zehntel über dem, was möglich gewesen wäre. Für die Zuschauer eine solide Zeit, für Vivian Groppe der spürbare Unterschied zwischen Leistungsvermögen und tatsächlicher Umsetzung.
Maximale Spannung, innere Ruhe
Ihre Analyse fiel entsprechend klar aus. Es fehlte weder an Form noch an Kraft. Entscheidend war dieser schmale Grat zwischen maximaler Spannung und innerer Ruhe, jener Bereich, in dem ein Sprint gewonnen oder verloren wird, lange bevor der erste Schritt gesetzt ist.
Zwei Stunden später startete sie über 200 Meter. Vor einem Jahr hatte sie in Stanford die halbe Stadionrunde in 25,21 Sekunden absolviert, in dieser Saison kam sie bei ihren beiden Freiluftstarts exakt bei 24,92 Sekunden ins Ziel. Doch nach dem Debakel über 100 Meter ging sie mit einem anderen Ansatz ins Rennen. „Ich nehme mir für dieses Rennen keine Zeit vor, dann bin ich auch nicht enttäuscht, wenn ich über 25 Sekunden bleibe“, sagt sie leise zu sich selbst. Es war kein Zeichen von Zurückhaltung, sondern vielmehr der bewusste Versuch, genau jene Lockerheit zurückzufinden, die ihr über 100 Meter noch gefehlt hatte.
In der Rolle der Jägerin
Sie wurde für dieses Rennen auf Bahn zwei ausgelost und hatte fast die gesamte Konkurrenz vor sich. Anders als im Sprint zuvor erwischt sie diesmal keinen optimalen Start. Sie zeigte wieder einmal, dass sie eine gute Kurvenläuferin ist, doch Boden gutmachen konnte sie zunächst nicht. Zu stark war das Feld, als alle Athletinnen mit Bestzeiten unter 24,50 Sekunden durch die Kurve flitzten. So bog die MT-Sprinterin nur als Neunte auf die Zielgerade ein. Doch genau hier veränderte sich das Rennen, denn plötzlich war Vivian Groppe nicht mehr die Gejagte, sondern die Jägerin.
Vor ihr lag das gesamte Feld und mit jedem Schritt kam sie ein bisschen näher. Während andere sichtbar kämpften, hielt sie ihre Frequenz hoch, so dass die letzten 30 Meter zur Aufholjagd wurden. Wenige Meter vor dem Zielstrich überholte sie vier Läuferinnen und fast hätte sie auch noch Lokalmatadorin Elena Cooper (24,44) auf der Innenbahn und Robyn Larkan (Hawaii, 24,47) auf Bahn drei abgefangen.
Wow-Gefühl nach starkem Rennen
Da der Einlauf knapp war, wusste sie im Ziel zunächst nicht, wen sie auf den letzten Metern noch alles überholt hatte. Doch eines spürte sie sofort: Das war ein starkes Rennen und wieder einmal ein „Wow-Gefühl“. Wenig später brachte die Anzeigetafel Gewissheit: 24,52 Sekunden. Eine Marke, die aufhorchen lässt. Nicht nur, weil Vivian Groppe ihre Saisonbestleistung gleich um vier Zehntel nach unten schraubte, sondern auch, weil sie damit ihre bislang schnellste Zeit auf amerikanischem Boden ablieferte.
Außerdem katapultierte sie sich in der deutschen U23-Bestenliste hinter der U20-Europameisterin Judith Bilepo Mokobe (Mainz, 23,33) auf Rang zwei. Auf den Plätzen drei und vier folgen mit Amelie Meier (München, 24,58) und Cora Kunze (Dresden, 24,91)ebenfalls zwei Sprinterinnen, die in den USA studieren.
ajw
red




