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Schwälmer Trachten in der Handwerkskammer Kassel

Original und Variation: Ausgehend von der Schwälmer Tracht, mit der sich Waltraud Frese (links neben der Schaufensterpuppe) intensiv beschäftigt hat, entwickelt sie zahlreiche Objekte und Kreationen, die neue Sichtweisen auf die traditionelle Bekleidung bieten. So werden zum Beispiel Trolljacken umgeknöpft und umgekehrt, weitergedacht und weiterentwickelt. Von den Arbeiten begeistert sind auch Heinrich Gringel, Präsident der Handwerkskammer Kassel (4.v.l.) und Konrad Nachtwey, Vorstandsvorsitzender des Museums der Schwalm (4.v.r.). Foto: nhKassel/Ziegenhain. Die Schwalm zu Gast in der Handwerkskammer Kassel: Das Museum der Schwalm, das in Ziegenhain zu Hause ist, präsentiert zum ersten Mal eine Auswahl von Schwälmer Trachten, Bunt- und Weißstickereien aus seinem reichhaltigen Fundus in der HANDWERKSFORM. Ausgangspunkt war eine Ausstellung der Künstlerin Waltraud Frese aus Holzburg im Museum der Schwalm sowie der Wunsch des Museums diese Arbeiten in der HANDWERKSFORM zu präsentieren.

Also stehen auf der einen Seite die Trachten, bunt, prächtig geschmückt und schwer, wie die Weißstickereien, die sich ebenfalls reich verziert präsentieren. Auf der anderen Seite bestimmen luftig, leichte helle Gebilde aus Papier, die mit Strukturen, mit Licht und Schatten spielen, den Raum. Sie lassen ganz deutlich den Bezug zur Tracht erkennen, haben sich aber von aller Tragbarkeit, von aller Bedeutung befreit und sind mehr Objekt als Kleidung. Dazwischen Kleider, die ebenfalls aus der Tracht abgeleitet sind, aber mit ihrer Tragbarkeit und Alltagstauglichkeit ganz im Hier und Jetzt verortet sind.

Waltraud Frese beschäftigt sich seit einiger Zeit intensiv mit der Schwälmer Tracht. Angeregt von der Formensprache und der Plastizität der Schwälmer Tracht arbeitet sie mit Materialien wie Papier, Filz oder Fahrradschläuchen, näht, faltet, strickt, klebt, reißt und webt diese. Sie stellt Abformungen her, arbeitet mit Umkehrungen, Kontrasten, Wiederholungen und Verfremdungen. So erzielt sie beispielsweise durch den Einsatz von Stecknadeln, die direkt in den Papieroberkörper gesteckt sind, eine neue, aggressive und dekorative Wirkung, ganz anders als in der Originaltracht, wo 300 bis 500 Stecknadeln benötigt werden, um die Bänder des Brautschmucks zusammen zu stecken.

Die so entstandenen Objekte und Kreationen bieten neue Sichtweisen auf die traditionelle Tracht. So erhalten die Besucher in der HANDWERKSFORM einen Einblick sowohl in die traditionellen Handwerkstechniken, die bei der Herstellung der Schwälmer Tracht zum Einsatz kommen, als auch in eine Form der Auseinandersetzung mit ihr aus heutiger Sicht.

Während bei den weißen Papierarbeiten Material, Haptik und Oberfläche dominieren, setzen die Stoffarbeiten, ausgehend von Originalmaterialien, bei den Aspekten Transformation und Variation an. Die vor dem Wegwerfen „geretteten“ Trachtenstücke werden in ihrer Ästhetik, ihrer handwerklichen Fertigungsweise, dem Zusammenfügen der Teile neu betrachtet. Auseinandergenommen und neu arrangiert, können sie als Beitrag zur Aktualisierung der Tracht verstanden werden. So werden zum Beispiel Trolljacken umgeknöpft und umgekehrt, die Falten des „Trauermäntelchens“ transformiert. Aus Fahrradschläuchen und Filz zusammengetackert, entsteht ein modernes bauchfreies Ensemble mit Kopfbedeckung. Geflicktes, früher üblich in der Alltagskleidung, meist verborgen, wird grafisches Element und Teil des Dekors.

Waltraud Frese sagt über ihre Arbeiten: “ Interessant an der Tracht ist für mich die spezifische Formung des weiblichen Körpers, ihre plastischen Qualitäten, die handwerkliche Fertigungsweise und das Zusammenfügen der Teile.“ Kein Wunder also, dass sie den lebensgroßen Figuren und Objekten Barbiepuppen gegenüber stellt, die wie keine zweite Puppe und in ganz besonderer Weise den anders als durch die Tracht verformten weiblichen Körper symbolisiert. So treffen dadurch, dass die Künstlerin auch Barbiepuppen mit ihren nicht realistisch proportionierten Frauenkörpern mit Trachtenelementen aus Papier bekleidet, zwei weibliche Körperverformungen aufeinander.

Das Museum der Schwalm, das 2011 sein 100-jähriges Bestehen feierte, wird getragen vom Schwälmer Heimatbund. Es beherbergt vor allem bemerkenswerte Funde und Zeugnisse aus Vor- und Frühgeschichte aus der Region, einen großen und reichen Fundus an Trachten und Buntstickereien, vielfältige Weißstickereien, die in der Schwalm eine lange Tradition haben, eine große kunsthandwerkliche Abteilung, zu der auch Bilder aus der Willingshäuser Kolonie gehören, und eine Ausstellung traditionellen Handwerks.

Heute ist das Museum auf dem Weg, sich zu einem kulturellen Zentrum zu entwickeln, dazu gehören Veranstaltungen, Ausstellungen und Kunstbetrachtungen, mit denen Konrad Nachtwey, Vorstandsvorsitzender des Museums, Lust auf Kunst, Kultur und Traditionen wecken möchte. Dabei verfährt er nach dem Motto: „Jeder auf seine Art, alle für die Region“. Und so, resümiert er, bietet das Museum seinen Gästen „eine Vielfalt, in der sich jeder wiederfinden kann“.

Zu den Arbeiten Freses sagt der Kunsthistoriker und Politologe aus Kassel, dass sie aus der Tradition, die nicht zu verändern sei, etwas Tragbares entwickele. Dazu zeigen sie auch die sonst verborgenen Schichten sowie die Nähte und Polster, „aber immer so, dass man das Alte noch erkennen kann“. Mit der Präsentation solcher Arbeiten im Museum der Schwalm möchte Nachtwey nicht zuletzt auch junge Menschen für das Museum und die Traditionen, die es bewahrt, interessieren.

Für alle Besucher, die mehr über die Schwälmer Tracht und das Leben in der Schwalm erfahren wollen, wird das Museum der Schwalm, das seinen Sitz in einem ehemaligen Kommandantengebäude hat, nach der Winterpause am 21. und 22. März 2015, pünktlich zum Ostereiermarkt in Ziegenhain wieder geöffnet!

Die Arbeiten in der HANDWERKSFORM sind vom 14. März 2015 bis zum 24. April 2015 montags bis freitags von 9 bis 15.30 Uhr zu sehen. (red)

 



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Ein Kommentar zu “Schwälmer Trachten in der Handwerkskammer Kassel”

  1. Nachtwey, Konrad

    Na, das ist ja eine ausführliche und spannende Schilderung. Das Ziel in 2015 sind 10.000 Besucher. Wenn es mit der Presse so weiter geht, ist die Zahl nicht utopisch.


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