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Fenner – Ein Antreiber und Agitator

Gemeinsame Buchvorstellung: Dr. Dieter Vaupel und Alida Scheibli. Die Soziologie- und Germanistik-Studentin aus Niedervorschütz begleitete die Lesung am E-Piano und las mit Vaupel Passagen aus dem Buch. Foto: Manfred Schaake

Spangenberg. „Schwerer Stoff, der aufrüttelt und schwer verdaulich ist.“ Mit diesen Worten stellte Autor Dr. Dieter Vaupel sein neues Buch vor. Es trägt den Titel »Und wenn einer umfällt und nicht gleich wieder aufsteht, so kann uns das gleich sein – Theobald Fenner und das Pogrom vom September 1935 in Spangenberg«.

Hauptakteur auf lokaler Ebene

Das Interesse war so groß, dass am Freitagabend in der Spangenberger Altstadtresidenz noch zusätzlich Stühle aufgestellt werden mussten. Das Buch dokumentiert, wie jüdische Mitbürger unter dem Nazi-Bürgermeister Theobald Fenner (1884 – 1969) leiden mussten.

Der langjährige Lehrer und Schulleiter Dr. Vaupel, der in Spangenberg geboren wurde, nennt sein Werk „ein Buch über einen Täter“. 600 bis 700 Stunden Zeit hat er für die Dokumentation aufgebracht. Mit Fenner, NSDAP-Ortsgruppenleiter und Bürgermeister in Spangenberg während zwölf Jahren Nazi-Diktatur, stelle er einen Hauptakteur der NSDAP auf lokaler Ebene vor. Mittelpunkt sei ein Ereignis, „das seinesgleichen im gesamten Deutschen Reich suchte“: ein von Fenner initiiertes Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung Spangenbergs in der Nacht vom 15. auf den 16. September 1935.

„Es ist wichtig, dass wir solche Werke haben“, lobte Pfarrer Michael Schümers nach der Lesung das Buch. Und Dr. Heinrich Nuhn aus Rotenburg sagte: „Ich möchte dem Autor und den Spangenbergern gratulieren.“ Nuhn ist Mitglied der historischen Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen, Kurator des jüdischen Museums in Rotenburg und Mitglied des Vereins zur Rettung der Synagoge in Felsberg.

Rigoroses Vorgehen angekündigt und umgesetzt

„Fenner war ein Antisemit und ein fanatischer Nationalsozialist“, sagte Vaupel. Männer wie er hätten auf lokaler Ebene das vorbereitet, was mit der Ermordung von sechs Millionen Juden endete. Nach der Machtübernahme 1933 habe der aus Metzebach stammende Architekt Fenner ein rigoroses Vorgehen gegen alle angekündigt, die sich ihm und seinen Parteigenossen in den Weg stellen würden: „Und wenn einer umfällt und nicht gleich wieder aufsteht, so kann uns das gleich sein.“ Nicht wieder aufgestanden seien vor allem viele Jüdinnen und Juden, deren Familien in Spangenberg seit Jahrhunderten ihre Heimat hatten „und die systematisch aus der Stadt vertrieben wurden“.

Das Buch zeige auch, dass ein Mann wie Fenner, „der Antreiber und Agitator war, nicht allein handeln konnte, er brauchte die Masse derer, die alles mitmachten und die, die zumindest zu allem schwiegen“. Vaupel nennt in dem Buch alle Namen von Tätern und Opfern: „Das ist legitim mehr als 85 Jahre nach den Ereignissen. Die Akten sind frei zugänglich in den Archiven.“ Die Namen aller bedeutsamen Spangenberger Nazis seien der Spangenberger Zeitung zu entnehmen. Vaupel: „Niemand der Nachkommen soll heute dadurch stigmatisiert werden.“

Die SA marschiert durch Spangenberg – eines der Fotos einer Stellwand, vor der Autor Dieter Vaupel aus seinem neuen Buch las. Foto: Stadtarchiv Spangenberg

Pogromnacht bereits drei Jahre vor dem Novemberpogrom von 1938

Vaupel war nach seinen umfangreichen Recherchen schockiert, wie er es formuliert. Der Autor: „Nach der Machtergreifung trieb Fenner den liberalen Bürgermeister Heinrich Stein, den er schon lange bekämpfte, mit einer Rufmordkampagne aus dem Amt und im Sommer 1933 in den Freitod. Den führenden Mann der Sozialdemokraten, Adam Schenk, ließ er gleich im März 1933 in sogenannte Schutzhaft nehmen. Vaupel beschreibt ein Ereignis, „das seinesgleichen im gesamten Deutschen Reich suchte: Das von Fenner initiierte Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung Spangenbergs in der Nacht zum 16. September 1935. Fenner ließ nach der Verkündung der Nürnberger Rasse-Gesetze einen Fackelzug in der Nacht aufstellen und durch Spangenberg ziehen, um die in den jüdischen Haushalten beschäftigten christlichen Mädchen und deren jüdische Arbeitgeber über die neue Gesetzeslage zu belehren. Dabei kam es zu massiven Übergriffen gegen die Juden“.

1936/37 habe die Fluchtwelle ihren Höhepunkt erreicht, schreibt Vaupel: „Für viele Spangenberger Jüdinnen und Juden endete die Flucht aus ihrer Heimat mit der Deportation in die Konzentrations- und Vernichtungslager des Ostens.“

Anklage gegen Fenner – aber Verfahren eingestellt

„Fenner ist schuld daran, dass die Amerikaner unser schönes Schloss beschossen und in Brand setzten“, hieß es während der Diskussion über das Buch. Gleich nach Kriegsende gab es dank des damaligen Bürgermeisters Adam Schenk (SPD) Ermittlungen gegen Fenner. Der war damals verschwunden und hatte sich, so Vaupel, beim Anrücken der Amerikaner durch Flucht der Verantwortung entzogen. Noch am 30. März 1945 hatte Fenner befohlen: „Wer in Spangenberg die weiße Fahne hisst, wird standrechtlich erschossen.“ Das Schloss brannte aus, 18 Häuser wurden zerstört, 20 weitere schwer beschädigt.

1947 erhob die Staatsanwaltschaft Kassel Anklage gegen Fenner, das Amtsgericht Melsungen erließ einen Haftbefehl. Erst am 7. Juni 1949 konnte er festgenommen werden. In der Anklageschrift wird Fenner als fanatischer Nationalsozialist bezeichnet. Am 29. März 1950 wurde er wegen schweren Landfriedensbruchs zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr und zwei Monaten verurteilt. Nach einem Widerspruch seines Anwaltes wurde das Verfahren 1950 eingestellt.

Dieter Vaupel: „So bleiben die schlimmen Ereignisse in Spangenberg weitgehend ungesühnt, denn offensichtlich hat es in Klein-München keine wirklichen Nationalsozialisten gegeben.“

(Manfred Schaake)


Keine Pension für früheren NS-Bürgermeister

„Spangenbergs früherer NS-Bürgermeister erhält keine Pension.“ Das berichteten die Hessischen Nachrichten im Juni 1960. Fenner hatte damals das Verwaltungsgericht Kassel beschäftigt. Dr. Vaupel in seinem Buch: „Diesmal war Fenner der eindeutige Verlierer.“ Als ehemaliger Bürgermeister hatte er Versorgungsansprüche angemeldet. Die Stadt lehnte die Pensionszahlungen ab mit der Begründung, Fenner habe 1945 seinen Posten ohne Grund verlassen und sei nur wegen seiner engen Verbindung zum Nationalsozialismus in dieses Amt berufen worden. Laut Vaupel zog sich die gerichtliche Auseinandersetzung über Jahre hin. 1960 wies das Verwaltungsgericht Fenners Klage endgültig ab. (m.s.)


NSDAP mehr als 61 Prozent

Bereits in den 1920er Jahren gab es nach den Recherchen von Dr. Vaupel eine starke nationalsozialistische Bewegung in Spangenberg. Theobald Fenner habe von Beginn an als NSDAP-Gründungsmitglied und Ortsgruppenleiter eine besondere Rolle gespielt, wie aus Berichten der Spangenberger Zeitung hervorgehe. Vaupel: „Die Nationalsozialisten nannten Spangenberg aufgrund der weit über dem Reichsdurchschnitt liegenden Wahlergebnisse stolz Klein-München.“ 1924 habe der Anteil der Nazis bereits über 20 Prozent betragen, reichsweit nur drei Prozent. Bereits 1923 habe es in Spangenberg erste antisemitische Aktionen gegeben. Die jüdische Gemeinde, die 1930 147 Menschen umfasste, schrumpfte laut Vaupel schon damals.

Bei der letzten freien Reichstagswahl, 1932, erreichte die NSDAP in Spangenberg 55,3 Prozent, im Deutschen Reich 33,1 Prozent. Im März 1933 steigerte die NSDAP ihren Stimmenanteil in Spangenberg auf 63,8 Prozent. Damit lag die „braune Hochburg“ weit über dem Ergebnis auf Reichsebene – 43,9 Prozent. (m.s.)



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