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THS-Schüler besuchten Auschwitz

ths-auschwitz140925Homberg. Seit einigen Monaten läuft an der THS in Homberg ein Pilotprojekt für Oberstufenschüler auf freiwilliger Basis. Die AG „Nationalsozialistische Erinnerungsorte“ unter der gemeinsamen Leitung von Christina Ostheim und Thomas Schattner, die eng mit der AG „Schule ohne Rassismus“ kooperiert, bereitet die Schüler intensiv auf einen Aufenthalt in Auschwitz vor. Nach diesem wird die Exkursion intensiv nachbereitet und dokumentiert. Somit können dann die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler als Multiplikatoren Klassen oder Kursen von ihren Erfahrungen und Eindrücken vor Ort berichten. Geplant ist, dass diese AG jedes Jahr stattfindet und jeweils unter der Leitung verschiedener Geschichtslehrer der THS steht. Ziel ist es somit, das jeder Geschichtslehrer der THS nach Auschwitz fahren kann.

Vom 16. bis zum 20. September 2014 waren nun die ersten 27 Schüler mit ihren Betreuern in Auschwitz. Auf dem Programm standen unter anderem eine Stadtführung in Auschwitz, die kombiniert mit dem Besuch des Jewish Centers war, der Aufenthalt im Konzentrationslager „Stammlager“ sowie die Besichtigung des Konzentrations- und Vernichtungslagers „Birkenau“. Dazu fanden vor Ort Filmabende und Gesprächsrunden statt, um das Erlebte besser verarbeiten und vertiefen zu können. Aufgrund des schlechten Wetters musste leider die am letzten Tag geplante Stadtführung durch das jüdische Viertel in Krakau ausfallen.
Geschichte und Verantwortung

Und die Lehrer und Schüler kamen tief beeindruckt zurück, schließlich machten sie die Erfahrung, dass Teile der deutschen Geschichte auch nach mehr als 70 Jahren nichts von ihrer Bedeutung und ihren Folgen für die Gegenwart verloren haben. Eher im Gegenteil, was die THS-Schüler betraf. Ein Schüler aus der Q3 (Jahrgang 12) schilderte seine Eindrücke vom Vernichtungslager Birkenau: „Als wir zu Beginn der Besichtigung von Auschwitz II / Birkenau vom Hauptwachturm aus den gigantischen Lagerkomplex von oben sahen, wurde mir die unfassbare Größe des Lagers klar. Nach rechts und links sah man soweit das Auge reichte nur Baracken oder die Schornsteine verfallener Baracken. Später erfuhren wir noch, dass in einer dieser Baracken etwa 400 Personen untergebracht waren. Diese beiden Informationen gepaart mit dem Wissen, dass aus einem Zug mit beispielsweise 1.000 Personen im Inneren teilweise 900 Menschen direkt nach der Ankunft in Birkenau in den Gaskammern ermordet wurden und somit nur die Minderheit von 100 Häftlingen in die Baracken eingewiesen wurden, gab mir eine Vorstellung, wie unfassbar viele Menschen der NS-Tötungsmaschinerie zum Opfer fielen. Denn wenn die unüberschaubar vielen Baracken nur dazu dienten, die geringe Minderheit der nicht sofort Ermordeten unterzubringen, bekommt man ein ungefähres Gefühl dafür, wie gigantisch die Mehrheit der sofort Ermordeten ist“.

So kam rasch in den Schülern eine tiefe emotionale Betroffenheit zu Tage. Dazu stellvertretend eine Schülerin aus der Q1 (Jahrgang 11): „Sehr unwohl habe ich mich gefühlt, als ich auf der Rampe von Birkenau stand. Dieses Gefühl, dass dort Millionen von Menschen mit dem Zug angekommen sind und es die Endstation in ihrem Leben war, ist sehr erdrückend“. Eine andere Schülerin aus diesem Jahrgang äußerte: „Der etwas unwirkliche Frieden, der heutzutage von diesem Ort der systematischen, maschinellen Menschenvernichtung ausgeht, berührte mich wie weniges zuvor in meinem Leben. Scham – gewaltige Scham – Trauer und Fassungslosigkeit über die Grausamkeiten, bedrückten mich. Die Last der Verantwortung, die die Deutschen tragen, spürte ich auch ganz persönlich. Verantwortung dafür, ähnliches nie wieder passieren zu lassen. Verantwortung dafür, diese Untaten nicht zu vergessen und diesen Ort zu erhalten“. Und eine weitere Schülerin aus der Q3 fasste ihre Erfahrungen und Gefühle vor Ort wie folgt zusammen: „Auch wenn ich als Deutsche (geboren im Jahr 1997) nicht mehr verantwortlich für die damaligen Verbrechen bin, so habe ich mich den israelischen Besuchern der Gedenkstätten in Auschwitz gegenüber jedoch schuldig gefühlt und mich für meine Vorfahren geschämt, die ihre Vorfahren nicht gerettet haben“.
Geschichte vor Ort

Da die THS-Schüler mit ihren Lehrern Auschwitz bei wunderbarem Spätsommerwetter mit Temperaturen von deutlich über 20 Grad erlebten, kam es oft zu merkwürdigen Eindrücken und Irritationen. Stellvertretend dazu der Kommentar eines Schülers aus der Q1: „Am Tag drei besuchten wir nochmal das Vernichtungslager Birkenau. Wir stellten uns an einen idyllischen See, in den gerade als wir uns um den See stellten, ein Frosch sprang. Ich fragte mich, wieso sich so ein wunderschöner Ort auf dem Gelände eines Vernichtungslagers befand, bis uns die Lehrkraft darauf hinwies, dass in diesem See um die 40.000 tote Juden in Form von Asche liegen. Dieser Kommentar änderte die Sichtweise auf den See rapide“.

Die Folgen für das heutige Leben
Hinzu kam für viele Schüler die Faszination des authentischen Ortes, der die Geschichte ganz anders erfahrbar und spürbar macht. Das führte oft dazu, dass die Schüler Vergleiche zu ihrem heutigen Leben zogen. So notierte eine Schülerin aus der Q1: „Als ich dann aber in einer der Baracken war und gesehen habe, unter welchen Umständen die Menschen dort gelebt und geschlafen haben, wurde mir fast schlecht. Ich hatte direkt vor Augen, wie sich die Menschen auf ihren Pritschen quälten und wie sich manche darum stritten, wer auf dem Steinboden schlafen soll. Ich sah die Menschen vor mir, in ihrer dreckigen und kaputten Häftlingskleidung und konnte mir einfach nicht vorstellen, dass so was mal wirklich stattgefunden hat. Ich konnte mir einfach nicht erklären, wie Menschen anderen Menschen so etwas antun können. Ich fühlte mich unwohl an dieser Stelle zu stehen und gleichzeitig auch beschämt. Beschämt darüber, dass andere Menschen so ein Schicksal erleiden mussten und wir uns Zuhause darüber beschweren, dass wir ein neues Bett haben wollen“. Ähnlich und doch anders erging es einem Schüler aus der Q3: „Das Ereignis, welches für mich persönlich an diesem Tag am schlimmsten war, waren die Kinderschuhe in der Vitrine. Diese erinnerten mich an meine kleine Nichte und es überfiel mich absolute Fassungslosigkeit und Trauer“.

Eine Schülerin aus dem Jahrgang darunter ergänzte: „In einer Vitrine befinden sich Babyschuhe. Mir schaudert bei dem Gedanke, dass es wohl meist die ersten und gleichzeitig letzten Schuhe des Kindes waren“.

Wie sehr die Tage in Auschwitz unter die Haut gingen zeigt auch und ganz besonders eine Stellungnahme eines Schülers aus der Q3 nach seiner Rückkehr: „Nach dem ich eine Nacht zu Hause bin, merke ich sofort, dass das Thema mich nicht loslässt. Ich habe einen inneren Drang, den Menschen von dem zu berichten, was ich alles gesehen und gefühlt habe. Ich denke, jeder Mensch sollte einmal diesen Ort besuchen. Er löst sehr starke Gefühle in einem Menschen aus und lässt einen über sein eigenes Leben nachdenken“. Wenn es demnächst vielen Schülern so gehen sollte, dann hätte sich die Exkursion ins 900 Kilometer entfernte oberschlesische Städtchen in Polen wirklich gelohnt. (Thomas Schattner)

 



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