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Sehnsucht nach Freiheit: Bauersfeld erzählte von DDR

 Alexander Bauersfeld. Foto: nhHomberg. Den 25. Jahrestag der deutschen Einheit nutzten Schüler, Lehrer und die interessierte Homberger Öffentlichkeit am Samstag, 3. Oktober, die Aula der THS zum Innehalten, zum Zurückschauen und zum Nachvorneschauen. Dazu hatte die AG „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ unter der Leitung von Thomas Schattner einen besonderen Gast nach Homberg eingeladen: Alexander Bauersfeld. Er war in den 1970er und 1980er Jahren Bürgerrechtler und politischer Häftling in der DDR, 1984 wurde der von der BRD für 95.000 Deutsche Mark (heute ca. 42.500 Euro) freigekauft.

Bauersfeld begann seine Ausführungen mit der Lage Ende 1989 in der DDR. Nachdem im November beziehungsweise Dezember 1989 mutige Menschen in der DDR das SED-Regime „hinweggefegt“ hatten, war vieles unklar und es herrschte die Frage vor: Wie geht es weiter? Doch mit der Volkskammerwahl vom März 1990 war klar, dass der Weg zur Einheit führen würde. Und damit veränderte sich vieles für die DDR-Bürger.

Bauersfeld verdeutlichte dies eingangs seines Vortrags an den Verfassungen der beiden deutschen Staaten. Der Artikel Eins des Grundgesetzes erklärt die Würde des Menschen für unantastbar, der gleiche Artikel der Verfassung der DDR regelte die führende Rolle der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands). Die Rechte der Menschen waren in der DDR-Verfassung erst im 16. Artikel erwähnt, juristisch einklagbar waren sie aber nicht. Vor diesem Hintergrund erst wird die Sehnsucht der DDR-Bürger nach Freiheit absolut nachvollziehbar. Für die Staatsspitze der DDR waren die „Menschen nur verfügbare Massen“, so Bauersfeld. Passend dazu führte Bauersfeld aus, dass man als männlicher Bürger der DDR erst mit 65 Jahren „reisemündig“ wurde (Frauen erreichten die „Reisemündigkeit“ schon mit 60 Jahren).

Das Menschenverachtende des Regimes in Ost-Berlin verdeutlichte Bauersfeld an zahlreichen Beispielen, u.a. an über 200 Entführungen aus West- nach Ost-Berlin, Entführungen aus der BRD in die DDR und an den über 100 vollstreckten Todesurteilen in der DDR. Zwar sei die Todesstrafe 1987 offiziell in der DDR abgeschafft worden, aber an der Grenze wurde sie weiter praktiziert. Chris Gueffroy, das vorletzte Opfer der Mauer, der im Februar 1989 erschossen wurde, wurde im Alter von 21 Jahren Opfer eines ganzen Magazins von etwa 60 Schüssen. Diese stammten aus dem Lauf eines Gewehrs, dass ein ungefähr gleichaltriger Grenzsoldat auf den Flüchtenden richtete.

Und auch persönlich bekam Bauersfeld die Perversion des Staates der DDR zu spüren. Als er gerichtlich verurteilt wurde, sagte sein Anwalt nach der Urteilsverkündung zu ihm: „Seien sie froh, dass ihre Strafe so hoch ist, dann kommen sie eher in den Westen“. Dazu passt auch, dass erst im März 1990 der letzte politische Gefangene der DDR von der BRD freigekauft wurde. Nichtsdestotrotz leiden bis heute unzählige Opfer des SED-Regimes an den Spätfolgen ihrer Inhaftierung in der DDR, sie sind traumatisiert und können nicht „normal leben“.

Hinzu kam die Angst der Machthaber. Laut Bauersfeld besaß jeder Repräsentant des Regimes vom Kreissekretär der SED aufwärts eine Waffe. Eine Waffe aus Angst vor der eigenen Bevölkerung, wie sich im Herbst 1989 in Leipzig bestätigen sollte, als mehr als 100.0000 Menschen auf die Straße gingen, um gegen die Machthaber in Ost-Berlin zu demonstrieren. „Da halfen auch keine Panzer mehr, wie noch am 17. Juni 1953“, so Bauersfeld.

Auf die Frage, ob nicht alles schlecht in der DDR gewesen sei, antworte Bauersfeld in der für ihn typischen differenzierten Art und Weise. Man müsse Persönliches und den Staat trennen können. Jugendliche, für die die Tore der Welt offen stehen würden, können überall glücklich und weitgehend zufrieden bis zu einem gewissen Zeitpunkt groß werden, entscheidend sei aber das beginnende politische Bewusstsein.

Probleme hat Bauersfeld aber mit der Partei „Die Linke“, der Nachfolgeorganisation der SED. Sie präsentiere sich heute als die Partei der aktuellen Flüchtlinge, dabei habe sie Jahrzehnte hunderttausende von DDR-Flüchtlingen produziert. Noch heute stammen 60 Prozent der Mitglieder aus der alten SED, ein großer Teil sei noch immer auf der „kommunistischen Plattform“ aktiv (u.a. Sahra Wagenknecht) und folge so den alten SED-Idealen.

Nichtsdestotrotz könne Bauersfeld nicht hassen. „Ich habe das Glück, dass ich nicht hassen kann“. Und dass er damit nicht alleine sei, zeige die Tatsache, dass ihm 1989/90 kein einziger Fall bekannt sei, dass sich ehemalige Stasi (DDR-Staatssicherheit)-Opfer an ihren ehemaligen Peinigern gerächt hätten.

Für Bauersfeld ist es die größte Errungenschaft der Einheit Deutschlands, dass nun alle Deutschen die Freiheit des Grundgesetzes genießen können. Vor diesem Hintergrund positioniert er sich auch eindeutig für die Rechte von Flüchtlingen, besonders für die Rechte der Frauen in Flüchtlingsheimen. Dabei forderte er jedoch auch gleichzeitig die Einhaltung des Grundgesetzes durch die Flüchtlinge ein. „Toleranz ist keine Einbahnstraße“, so Bauersfeld. „Die Welt ist nicht Schwarz und Weiß, sie muss differenziert betrachtet werden.“, so Bauersfeld. Deshalb rief er zum „Informieren und Denken auf“. „Die Demokratie ist die beste Gesellschaftsordnung, die wir Deutschen je in der Geschichte hatten“. Schließlich kam der Weg in eine Diktatur in Deutschland schon einmal schleichend daher, es sah demokratisch aus“, so Bauersfeld, den Schriftsteller Reiner Kunze zitierend, der bis 1977 in der DDR lebte.

Und an die Schüler in der Aula der THS appellierte er: „Vertreten Sie diese Demokratie, wo immer Sie können“. Dabei zitierte er den Schriftsteller Reiner Kunze, der seit 1977 in der BRD lebt, noch einmal abschließend: „Die Vergangenheit nicht zu kennen, kann die Zukunft kosten.“ (Thomas Schattner)



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