Startseite


Ihre Werbung hier!

Online-Zeitung für den Schwalm-Eder-Kreis | 13. Jahrgang | redaktion@seknews.de | www.seknews.de | täglich neu | Preis: 0,00 Euro

Abend widmete sich den Gesichtern der Armut

Zu Gast aus Saarbrücken im EinLaden in Homberg (Efze) (von links): Jürgen Thieme, Beate Philippi, Marcel Mack und Wolfgang Edlinger von der Saarländischen Armutskonferenz. Sie hatten Fotos erlittener Armut zusammengestellt und berichteten von eigenen Erfahrungen mit Armut. Foto: nh

Zu Gast aus Saarbrücken im EinLaden in Homberg (Efze) (von links): Jürgen Thieme, Beate Philippi, Marcel Mack und Wolfgang Edlinger von der Saarländischen Armutskonferenz. Sie hatten Fotos erlittener Armut zusammengestellt und berichteten von eigenen Erfahrungen mit Armut. Foto: nh

Homberg. Unter dem Titel „Gesichter der Armut“ hatte das Diakonische Werk im Schwalm-Eder-Kreis zusammen mit dem Evangelischen Forum Schwalm-Eder am 21. August zu einer Abendveranstaltung mit Ausstellung, Fachvortrag und Podiumsdiskussion eingeladen. Im „EinLaden“, einem Sozialkaufhaus in Homberg, das zugleich der Sitz der Homberger Tafel ist, diskutierten im Vorfeld der Bundestagswahl Betroffene und Fachleute mit Parteienvertretern.

„Unser Sozialsystem reagiert wie im Mittelalter – arme Menschen bekommen vom Wohlstand nur die Brosamen ab“, so eröffnete Ausstellungsmacher Wolfgang Edlinger seinen Beitrag. Der Vorsitzende der Saarländischen Armutskonferenz war mit einer Gruppe aus Saarbrücken angereist, die innerhalb von zwei Jahren zusammen mit dem Fotografen Pasquale D’Angiolillo authentische Fotos ihrer Armut zusammengestellt hatte und nun von eigenen Erfahrungen mit Armut berichtete. Noch immer stehe der Schuldvorwurf gegenüber den Armen im Vordergrund, so Edlinger, dagegen sei es wichtig, neben den „Zahlenkolonnen zur Armut“ die Gesichter von Menschen sichtbar zu machen, um Augenhöhe in der Diskussion zu erzielen. Diakoniepfarrerin Margret Artzt dankte dem Saarländischen Team, Wolfgang Edlinger, Beate Philippi, Marcel Mack und Jürgen Thieme für die „mitgebrachten Mutmachgeschichten“.

 Diskutierten „Thesen gegen Armut“: Dr. Felix Blaser (Diakonie Hessen), Jürgen Kaufmann (SPD), Heide Scheuch-Paschkewitz (Die Linke), Dierk Glitzenhirn (Evangelisches Forum), Michael Schär (CDU) und Dr. Bettina Hoffmann (Die Grünen). Foto: nh

Diskutierten „Thesen gegen Armut“: Dr. Felix Blaser (Diakonie Hessen), Jürgen Kaufmann (SPD), Heide Scheuch-Paschkewitz (Die Linke), Dierk Glitzenhirn (Evangelisches Forum), Michael Schär (CDU) und Dr. Bettina Hoffmann (Die Grünen). Foto: nh

Dr. Felix Blaser, Referent für Armutspolitik der Diakonie Hessen aus Frankfurt am Main, stellte in seinem Vortrag fest, dass Deutschland die höchste Vermögensungleichheit in der Eurozone habe. Die Armutsquote liege derzeit zwischen rund elf Prozent in Baden-Württemberg und rund 25 Prozent der Bevölkerung in Bremen. Es bestehe dabei kein Anlass, von einem nur geringen Anstieg der Armut zu sprechen, allein in Hessen seien in den letzten zehn Jahren etwa 160 000 Personen dazu gekommen, das entspreche 14,4 Prozent der Bevölkerung, so Blaser. Er bezeichnete das als „höchst bedenklich“. Armut sorge dafür, dass Menschen Alltagsgüter und Teilhabemöglichkeiten fehlten, sie löse Gefühle von Scham und Ohnmacht aus und sorge letztlich statistisch auch für eine geringere Lebenserwartung.

Von politischer Seite platzierten sich die Diskutanten Dr. Bettina Hoffmann (Vorstandssprecherin des des Kreisverbandes der Grünen), Vizelandrat Jürgen Kaufmann (SPD), Michael Schär (Geschäftsführer der CDU) und Heidemarie Scheuch-Paschkewitz (Landesvorsitzende der Linken) im Gespräch mit Moderator Pfarrer Dierk Glitzenhirn (Evangelisches Forum Schwalm-Eder).

Markante politische Forderungen wurden benannt: nach einer Mindestrente (Grüne, Linke), einem Grundeinkommen (Grüne), nach armutsfesten sozialen Zuweisungen (alle) und privater Vorsorge für das Alter (CDU). Unterschiedlich akzentuiert wurden die Fragen, wie sehr persönliche Leistung in die Grundversorgung einzugehen habe, ob „mehr oder weniger Staat“ nötig sei und ob Sanktionen auf dem Arbeitsmarkt der richtige Weg seien. Biografische Erzählungen und Begegnungen mit Armut wurden ins Gespräch gebracht. Alle Diskutanten sprachen sich dafür aus, dem Thema „Bildung“ und der Integration in den Arbeitsmarkt hohe Aufmerksamkeit zu geben. „Viel Nähe im Konflikt“ attestierte der Moderator angesichts der Offenheit der Beteiligten. Die persönlichen Beispiele zeigten, dass drei der anwesenden vier Politiker in ihrem Bildungsgang von der Bildungsförderung der 70er profitiert hatten. Dr. Blaser wies aber darauf hin, „mit Bildung allein ist es nicht getan“, Armut müsse als Querschnittsaufgabe von allen Politikbereichen verstanden werden. Man müsse sich der verdeckten Armut zuwenden, Hessen habe beispielsweise noch immer keine Armutskonferenz. Es gelte konkret, das ungerechte Steuersystem umzustellen und – vergleichbar den Vereinten Nationen Visionen – müssten Ziele benannt werden.

Pfarrerin Margret Artzt eröffnete die Ausstellung der saarländischen Armutskonferenz: „Gesichter der Armut“. Foto: nh

Pfarrerin Margret Artzt eröffnete die Ausstellung der saarländischen Armutskonferenz: „Gesichter der Armut“. Foto: nh

Aus dem Publikum kamen Nachfragen und auch emotionale Statements, besonders als seitens des Podiums klischeehaft über Arme gesprochen wurde. Dekan Christian Wachter, der Vorsitzende des Diakonischen Werkes Schwalm-Eder, spitzte angesichts der extremen Zunahme der Armut unter Alleinerziehenden zu, dass im Wahlkampf viele schöne Worte über den Wert von Kindern gefunden würden, aber gerade Kinder ein erhebliches Armutsrisiko darstellten. Es sei nötig, durch neue Regelungen, „die Würde von Familien“ zu unterstützen.

Dr. Felix Blaser benannte, dass 90 Prozent der Hessen den Gegensatz von Arm und Reich als einen Konflikt bewerteten und gab die abschließende Empfehlung, sich angesichts der Wahl zu fragen: „In welcher Gesellschaft wollen wir leben?“ (red)



Tags: , , , , , , , , , , , , , ,


Ähnliche Beiträge

Bisher keine Kommentare


Einen Kommentar schreiben

© 2006-2018 SEK-News • Powered by WordPress • Theme by: BlogPimp/Appelt MediendesignBeiträge (RSS) und Kommentare (RSS)ImpressumDatenschutzAGB





WP Facebook Auto Publish Powered By : XYZScripts.com